Kinderhilfswerk Unicef-Zentrale greift in deutsche Krise ein

Wegen der Spendenverschwendung bei Unicef-Deutschland bangt jetzt auch die New-Yorker Zentrale um den guten Ruf: In der kommenden Woche wird ein hochrangiger Vertreter des Kinderhilfswerks nach Deutschland geschickt.


New York - "Unicef ist natürlich sehr besorgt über die Auswirkungen der Affäre auf das Vertrauen der deutschen Öffentlichkeit", teilte der Unicef-Sprecher Geoffrey Keele in New York mit. Der für die Beschaffung privater Spenden zuständige Unicef-Direktor Philip O'Brien werde sich binnen einer Woche mit deutschen Vertretern der UN-Organisation treffen und wolle sich in aller Ausführlichkeit mit den Anschuldigungen beschäftigen.

Die deutsche Sektion sei immer eine sehr starke Stütze für die Arbeit des Kinderhilfswerks gewesen. Deshalb sei es wichtig, eine neue Vertrauensbasis herzustellen.

Die Kritik am Umgang der deutschen Unicef-Spitze ging unterdessen weiter. Erstmals äußerte sich die Unicef-Schirmherrin Eva Luise Köhler: "Das gegenwärtige Erscheinungsbild des Deutschen Komitees für Unicef erfüllt mich mit Sorge", sagte die Ehefrau des Bundespräsidenten.

Scharfe Kritik kam von Unicef-Botschafter Joachim "Blacky" Fuchsberger (80). Er habe zu den Vorwürfen bisher nur eine allgemeine Absichtserklärung von Unicef bekommen: "Das ist unpersönlich und unbefriedigend für mich, da keinerlei Bezug zur aktuellen Lage zu finden ist", sagte der Schauspieler und Ex-Showmaster den "Lübecker Nachrichten". Er bleibe dabei, dass die Verantwortlichen bei Unicef "für die unseligen Vorgänge keineswegs entlastet sind".

Großspender wollen Zusammenarbeit überdenken

Druck auf Unicef übten derweilen Großspender aus, die jetzt die Zusammenarbeit überdenken. Der Geschäftsführer des Rabattpunkte-Unternehmens, Alexander Rittweger, betonte, Payback gehe zwar nicht davon aus, dass bei Unicef Spendengelder veruntreut oder verschwendet worden seien. Man sei jedoch "in großer Sorge" über die mangelnde Fähigkeit, "durch eindeutige Worte und Taten Schaden vom bisher untadeligen Unicef-Image abzuwenden"heißt es in einer E-Mail Rittwegers an das Kinderhilfswerk.

Man hoffe nun, dass Unicef den Ernst der Lage erkenne und rasch die richtigen - auch personellen - Konsequenzen ziehe. Andernfalls müsse Payback seinen Mitgliedern "eine andere Organisation für ihre Punktespenden anbieten". Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben in den vergangenen acht Jahren mehr als zwei Millionen Euro für Unicef gesammelt.

Der Hamburger Reeder und Initiator der Unicef-Projekts "Schulen für Afrika", Peter Krämer, äußerte sich entsetzt über die Krise: "Ich erwarte, dass sich Geschäftsführer Dietrich Garlichs und der Vorsitzende Reinhard Schlagintweit für die Schlampereien bei Unicef glaubhaft entschuldigen", sagte Krämer der Tageszeitung "Die Welt".Der Hamburger Reeder und Initiator der Unicef-Projekts "Schulen für Afrika", Peter Krämer, äußerte sich entsetzt über die Krise: "Ich erwarte, dass sich Geschäftsführer Dietrich Garlichs und der Vorsitzende Reinhard Schlagintweit für die Schlampereien bei Unicef glaubhaft entschuldigen", sagte Krämer der Tageszeitung "Die Welt".

Auch der Streit zwischen der zurückgetretenen Vorsitzenden Heide Simonis und der Führung der deutschen Unicef-Sektion weiter. "Das Problem von Unicef ist auf jeden Fall nicht Simonis", sagte sie der "Frankfurter Rundschau". Damit wandte sie sich gegen Anschuldigungen ihres Nachfolgers Reinhard Schlagintweit. Dieser hielt dem entgegen, dass Simonis zwei Jahre lang Vorsitzende gewesen sei und nie etwas beanstandet habe, obwohl ihr schwere Vorwürfe zu Ohren gekommen seien. "Erst als die Presse davon berichtete, ging sie plötzlich auf Distanz und säte auch Misstrauen, das sie jetzt immer wieder wiederholt", sagte Schlagintweit dem Bayerischen Rundfunk.

Folgen laut Caritas noch nicht absehbar

Wegen der Querelen bei Unicef fürchten auch andere Hilfsorganisationen um ihr Image. "Es ist nie förderlich, wenn vermeintlich oder real Unregelmäßigkeiten vorkommen", erklärte Caritas-Präsident Peter Neher. Dem Kinderhilfswerk droht nach dem Ausstieg von tausenden Dauerspendern mittlerweile der Absprung von Großsponsoren. So erwägt das Unternehmen Payback einen Rückzug, falls Unicef keine personellen Konsequenzen aus den Vorwürfen über die Verschwendung von Spenden zieht.

Trotz der Kritik an Unicef stellt die Caritas bisher keinen Rückgang der Spendenbereitschaft fest, wie ihr Chef Neher im Deutschlandradio Kultur erklärte. Genauere Auswirkungen seien jedoch noch nicht absehbar. Das bischöfliche Hilfswerk Adveniat erklärte, ehemalige Unicef-Spender hätten angefragt, ob Adveniat ähnliche Projekte fördere. "Sie wollen abwandern und sehen in uns eine vertrauenswürdige Alternative", sagte Sprecher Christian Frevel dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

cjp/AP/dpa



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