Kinderparadies Der Cloppenburg-Faktor

Überall im Land verweigern die Menschen die Fortpflanzung. Überall? Nein. In einem Landkreis in Niedersachsen setzen sie munter Kinder in die Welt. Das liegt nicht nur an der guten Luft.

Von Miriam Schröder,Cloppenburg


"Meine Frau und ich, wir gehen gerne in die Kirche", sagt Franz-Josef Holzenkamp, "das ist der einzige Ort, an dem es wirklich Ruhe gibt." In dem alten Bauernhaus fällt alle zehn Minuten irgendeine Tür schwungvoll ins Schloss, poltern ungezählte Füße die Treppen herauf und meist gleich danach wieder herunter, klingelt das Telefon pausenlos: Einer der Söhne hat das Auto zu Schrott gefahren, Gott sei Dank ist dem Jungen nichts passiert. Der Zweite kurvt vor dem Fenster mit dem Traktor über den Hof. Die große Tochter verbringt die Uni-Ferien zu Hause, die Kleine ist erst 14 und lädt viele Freundinnen ein.

Holzenkamp sitzt seit einem halben Jahr im Bundestag. In Berlin vertritt der Landwirt die Menschen aus dem Wahlkreis Cloppenburg-Vechta. Daheim, tief im Westen von Niedersachsen, repräsentieren die sechs Holzenkamps eine typische Familie aus der Region: Der Landkreis Cloppenburg hält den Deutschland-Rekord im Kinderkriegen, Vechta folgt mit kurzem Abstand.

Die Geburtenrate in Cloppenburg wird von Statistikern mit 1,9 Kindern pro Frau angegeben. In der jüngsten Region der Republik wird auch 2016 die Hälfte der Einwohner noch keine 40 Jahre alt sein. Zahlen, von denen mancher Demograph nachts träumt. Denn für den Großteil des Landes sehen die Wissenschaftler zappenduster. In den nächsten 15 Jahren werden zahlreiche Landstriche vergreisen, werden Städte schrumpfen und manche Dörfer gar dauerhaft aussterben. Viel zu wenige Kinder wachsen nach und die jungen Menschen, die sie kriegen sollten, wandern reihenweise ab. In Cloppenburg werden es immer mehr.

"Klobbenburch", wie die Einheimischen sagen, ist heute eine Kleinstadt mit 33.000 Bürgern, deren Zentrum in einer Fußgängerzone liegt. Ein Nest, in dem nach Ladenschluss kaum jemand durch die Straßen läuft, ein Ort ohne Oper und Theater. Es gibt keine Universität und keine einzige Kindertagesstätte. Warum gelingt hier, was in Cottbus, im Harz und in der Lausitz als fast schon aussichtslos gilt? Was hält die jungen Leute? Was zieht Neuankömmlinge an? Woher kommt der Babyboom?

"Die Mutter als Familienmanagerin wertschätzen"

"Bei uns in der Region hat Familie noch einen hohen Stellenwert", sagt Volksvertreter Holzenkamp. Auf seinem Hof gibt es noch ein "Altenteil", dort leben die Schwiegereltern. Als die Kinder noch klein waren, haben Oma und Opa auf sie aufgepasst, während die Eltern Schweine fütterten. Ganztagsbetreuung findet Holzenkamp auch wichtig. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass Frauen vor allem deshalb arbeiten wollen, weil sie im Beruf die Anerkennung suchten. Würde die "Mutter als Familienmanagerin" gesellschaftlich anerkannt, dann fiele die Entscheidung für Kinder leichter. "Familie hat viel mit Werten zu tun", sagt Holzenkamp.

Die Eltern von Anja Auer leben weit entfernt. Sie und ihr Mann, ein studierter Sportlehrer, haben zuletzt in Niederbayern gelebt. Die junge Frau steht inmitten einer Sandgrube vor dem Kindergarten "Sonnenblume". Jonah, ihr Jüngster, gräbt schon seit geraumer Zeit einen gewaltigen Krater in den Boden.

Die "Sonnenblume" liegt in einem Neubaugebiet im Norden. In den verkehrsberuhigten Straßen stehen große Häuser mit offenen Gärten, dazwischen liegen breite Grünflächen. Vor dem Haus parkt häufig ein teures Auto. Ein Grundstück für das Eigenheim kostet in Cloppenburg weniger als 40.000 Euro. Die Flächen werden fast alle von der Stadt aufgekauft und erschlossen, die gibt sie dann günstig an die Familien weiter.

Die Nachbarn fragen: "Nimmst Du heute meine Kinder?"

Auer schätzt an ihrer Nachbarschaft, "dass die Menschen hier so offen und hilfsbereit sind". Junge Eltern finden in Cloppenburg schnell Anschluss: Beim Straßenfest in der Siedlung, in Krabbel-, Schwimm- oder Musikgruppen, in über 100 Sport- oder Schützenvereinen. Auers Freundinnen wohnen mindestens in Fahrradnähe und fast alle haben Kinder: "Da kann man spontan fragen: Nimmst Du meine heute?" Nach Cloppenburg gekommen ist Anja Auer aber nicht der sozialen Wärme wegen. Sondern weil ihr Mann hier endlich einen Job gefunden hat.

Vor dem Krieg gehörten Cloppenburg und Vechta zu den ärmsten Kreisen in Deutschland. Die Menschen betrieben ausschließlich Landwirtschaft. Dabei wächst auf den kargen Böden hier nicht viel mehr als Kartoffeln. Hühner und Schweine, die gedeihen auch. Nach '45 hatte man gar nichts mehr - außer jungen Menschen. Die Cloppenburger sind seit jeher streng katholisch. Früher bedeutete das automatisch Kinderreichtum, auch bei Lebensmittelknappheit.

Die Jugend machte eine Tugend aus der Not: Aus Kartoffeln Püreeflocken und aus Schweinen Wurst. "Nahrungsmittelveredlung" heißt heute der größte Industriezweig der Region. Daran angeschlossen sind Firmen, die Maschinen und Geräte für die Landwirtschaft entwickeln. Der Landkreis erreicht im Sommer eine Arbeitslosenquote von unter sieben Prozent. Bundesweit sind es zurzeit fast zwölf Prozent.

"Als Unternehmer hat man soziale Verantwortung"

Franz Kampsen begann vor 30 Jahren als Metzger mit einem kleinen Ladengeschäft. Heute exportiert er Bratwürste, Currywürste und Räucherwürste nach ganz Europa. 20 Tonnen Fleisch laufen heute täglich über das Fließband. Die Zahl will er im nächsten Jahr verdoppeln und damit auch die Arbeitskräfte. Er würde niemals nach Polen gehen, sagt er, viel zu tief sei er in der Region verwurzelt. Und wozu auch? Grundstücke, Strom, Wasser und Transport seien hier nicht teurer als in Krakau, behauptet Kampsen. "Das Einzige, was da richtig billig ist, sind die Arbeitskräfte. Dafür sind die hier besser." Als Unternehmer habe man zudem eine soziale Verantwortung für die Region. "Wenn man rund um den Kirchturm Leute kriegen kann, dann nimmt man die", sagt Kampsen.

Kampsens Leute, das sind überwiegend Spätaussiedler, Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion. Mehrere tausend wurden in den 80er und 90er Jahren im Westen Niedersachsens angesiedelt. Für Kampsen sind die Russlanddeutschen ein Gewinn: "Die sind fleißig, handwerklich geschickt und machen Arbeit, die Deutsche nicht mehr machen." Die Zuwanderer leisten außerdem einen gewaltigen Beitrag zum Kinderreichtum: Viele der Familien haben sechs oder mehr Kinder.

"Es ist nicht alles heile Welt hier"

"Es ist aber nicht alles heile Welt hier", sagt Mechthild Brinkmann, Vorsitzende vom Sozialdienst katholischer Frauen. Mit den Fremden kamen auch Integrationsprobleme, viele junge Russen können heute noch kein Deutsch. Es gibt jetzt sogar Drogen in Cloppenburg und Gewalt. Es gibt allein erziehende Mütter und überforderte Väter.

Aber es gibt auch ein soziales Netz. So leistet Brinkmanns katholische Frauengruppe ehrenamtlich Hilfe bei Konflikten in der Familie. Die Kirchen übernehmen in Cloppenburg, was die Kommune nicht leisten kann: Sie haben die meisten Schulen und Kindergärten gebaut und betreiben die größte Fortbildungseinrichtung des Landes.

Man nehme: Drei Esslöffel Familiensinn und eine Hand voll sozialer Unternehmer, ein Päckchen Zuwanderung und einen guten Schuss Integration, dazu eine Prise Katholizismus - und fertig ist der Babyboom? So einfach lässt sich das Cloppenburger Modell nicht auf ganz Deutschland übertragen. In Deutschland werden sich Inseln bilden, auf denen die Wirtschaft blüht und die Kinder gedeihen.

Timo Kaapke glaubt, das mit der Insel Cloppenburg sei vor allem eine "Mentalitätskiste". Der 29-Jährige mit der schwarzen Designerbrille hat eine Werbeagentur. Geboren ist er im Landkreis, studiert hat er in Köln, gearbeitet schon bei den "ganz Großen" in der Düsseldorfer Agenturszene. Gefallen hat es ihm dort nicht. "Dieses Versnobte, Arrogante, das kennt man nicht in Cloppenburg, auch nicht bei den Erfolgeichen." Für ihn und seine Freundin war darum sehr früh klar: "Wenn wir groß sind, dann gehen wir nach Hause."



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