Kinderpornografie-Vorwürfe Der mysteriöse Fall des Sebastian Edathy

Was ist dran an dem Verdacht? Dem langjährigen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy wird zugetraut, im Besitz von Kinderpornografie gewesen zu sein - doch der SPD-Politiker bestreitet das vehement. Es gibt noch viele ungeklärte Fragen.
SPD-Politiker Edathy: Er weist alle Vorwürfe zurück

SPD-Politiker Edathy: Er weist alle Vorwürfe zurück

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Berlin/Hannover - Plötzlicher Rückzug aus dem Bundestag nach mehr als 15 Jahren, zwei Tage später werden seine Wohnungen wegen des Verdachts auf Besitz von Kinderpornografie durchsucht, er weist die Vorwürfe aufs Schärfste zurück: Der Fall des SPD-Politikers Sebastian Edathy, 44, gibt Rätsel auf.

Was ist da los? Ein unschuldiger Politiker am Pranger? Oder einer, der als Fan pädophilen Materials ertappt wurde und nun blind um sich schlägt? Die dritte Möglichkeit: Edathy hat Material - aber keines, das illegal ist.

Noch ist unklar, was dem Sozialdemokraten genau vorgeworfen wird, die zuständige Staatsanwaltschaft in Hannover will sich bislang nicht zu Details äußern. Fest steht: Die Spuren in diesem ominösen Fall führen nach Kanada. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein Unternehmer namens Brian Way.

Operation "Spade"

348 Festnahmen in 90 Ländern, 386 aus Missbrauch befreite Kinder - für die Polizei von Toronto war die Operation "Spade" (Spaten) im November vergangenen Jahres ein großer Erfolg gegen den weltweiten Handel mit Kinderpornografie. Nach SPIEGEL-Informationen fanden sich in dem "Spade"-Material auch Hinweise auf Edathy.

Ziel der "Spade"-Ermittlungen waren Way und seine Firma Azov Films, die auf ihrer Website einen DVD-Versand betrieb und Videos auch zum Download anbot. Vier Millionen kanadische Dollar soll Azov so innerhalb von drei Jahren eingenommen haben, wie die Polizei damals mitteilte. Offiziell ging es dort um "naturistische" Filme, die meist nackte europäische Jungs zeigten, in der Szene "Posing-Material" genannt. Die Firma versuchte nicht, sich zu verstecken: Azov hielt die Rechte an Handelsmarken und war ganz offiziell als Kapitalgesellschaft im Register eingetragen.

Way fühlte sich offenbar sicher. Seit 2004 geriet er immer wieder ins Visier der Ermittler, kam aber mit Verwarnungen davon, weil die reine Abbildung nackter Minderjähriger in Kanada nicht strafbar ist. In Deutschland gelten Filme, Videos und andere Medien generell als illegale kinderpornografische Schriften, wenn darin sexuelle Handlungen von, an und vor Kindern unter 14 Jahren vorkommen. Auch das aufreizende Zurschaustellen der Geschlechtsteile von Kindern (Posing) gilt hier seit einigen Jahren als Kinderpornografie.

Edathy: "Kein strafbares Verhalten"

Edathy sagte SPIEGEL ONLINE: "Nach mir vorliegenden Informationen wirft mir die Staatsanwaltschaft ausdrücklich kein strafbares Verhalten vor."

Azov-Chef Way soll hinter dem Mantel des FKK-Materials auch mit Härterem gehandelt haben. 2010 erwischten ihn die Ermittler mit der größten Sammlung von Kinderpornografie, die in Kanada je entdeckt wurde. Unter den Opfern der Hintermänner sollen auch fünf- bis zwölfjährige Jungen aus Osteuropa und Kinder aus Deutschland gewesen sein. Bei einer Durchsuchung im Mai 2011 fand die Polizei dann die Kundenkartei von Way, der derzeit noch immer in Untersuchungshaft sitzt.

Der Sozialdemokrat Edathy kämpft inzwischen um mehr als seine politische Karriere - es geht um seinen guten Ruf. Aber auch in der Führung der SPD-Bundestagsfraktion muss man sich Fragen gefallen lassen. Wusste man dort womöglich schon früher über die Ermittlungen Bescheid? Plötzlich fällt auf, dass Edathy nach der Bundestagswahl nur noch einfacher Abgeordneter war - und das, obwohl er bis zum September Vorsitzender des international beachteten Bundestagsausschusses war, der die NSU-Morde und die Verfehlungen des Staatesuntersuchen sollte. Ahnte Edathy damals schon, dass die Ermittler hinter ihm her waren?

Sebastian Edathy gibt sich entschlossen. Er sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich hoffe, dass die Staatsanwaltschaft demnächst einräumt, dass die Vorwürfe gegenstandslos sind."

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