Kindstötungen-Interview Böhmer entschuldigt sich bei ostdeutschen Frauen

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hat die Wirkung seiner heftig kritisierten Äußerungen zu Kindstötungen in Ostdeutschland öffentlich bedauert. Im Landtag entschuldigte sich der CDU-Politiker deshalb bei den Frauen in den neuen Ländern.


Magdeburg - Zum von den Linken geforderten Rücktritt kam es nicht. Aber Wolfgang Böhmer (CDU) hat sich im Magdeburger Landtag bei den ostdeutschen Frauen entschuldigt. Er bedauere die Wirkung seiner Aussagen über Kindstötungen. "Ich möchte mich bei denjenigen Frauen und Müttern mit DDR-Biografie entschuldigen, für die das alles nicht zutrifft. Das haben sie nicht verdient", sagte der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, in einer von der Linken beantragten Aktuellen Debatte.

Böhmer: "Falscher Eindruck durch Interview"
AP

Böhmer: "Falscher Eindruck durch Interview"

Böhmer hatte in einem Interview die Zahl von Babymorden in Ostdeutschland mit den staatlich erlaubten Abtreibungen zu DDR-Zeiten in Verbindung gebracht und mit einer "leichtfertigeren Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern" erklärt. Die Tötung von Neugeborenen sei offenbar für manche Frauen "ein Mittel der Familienplanung", wurde Böhmer zitiert. Dies hatte bundesweit für Empörung gesorgt.

Böhmer bewertete die kritischen Reaktionen auf sein Interview aus der Bevölkerung als "Aufruhr des Gewissens". Er sei missverstanden worden, als er die Häufigkeit von Kindstötungen in den neuen Ländern "vor allem" auf einen leichtfertigeren Umgang mit werdendem Leben aufgrund der DDR-Abtreibungspolitik zurückführte, sagte Böhmer. Dieser falsche Eindruck sei wegen Fehlern in der Staatskanzlei entstanden, die das Interview freigegeben habe. "Ich übernehme für die Ergebnisse die politische Verantwortung, ob mir das gefällt oder nicht", sagte Böhmer.

In Deutschland und in der Welt habe sich die Wertschätzung zu werdendem Leben in den vergangenen Jahrzehnten geändert. "Bei uns hängt das auch mit der Gesetzgebung von 1972 zusammen." In der DDR war seitdem die Abtreibung innerhalb der ersten drei Monate der Schwangerschaft erlaubt. Dies zeige, dass es in den neuen Ländern keine "sittliche Verwahrlosung" gebe.

Die Linke-Opposition bekräftigte ihre Rücktrittsforderung. Die Koalitionsfraktionen beurteilten die Böhmer-Aussagen unterschiedlich. SPD-Fraktionschefin Katrin Budde gab sich mit den Äußerungen Böhmers nicht zufrieden: "Ich hätte erwartet, dass sie dies noch mehr klarstellen." Die SPD stehe aber dennoch "ohne wenn und aber" zum Regierungschef. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Jürgen Scharf vertrat die Ansicht, dass Böhmer die Möglichkeit zur Klarstellung genutzt habe. "Ich kann mich damit in erheblichem Teil identifizieren."

als/ddp/dpa



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