Kirchentag Merkel feiert G-8 - und warnt vor Arroganz gegenüber Afrika

Die Menschen kamen in Massen, und Merkel hatte eine frohe Botschaft: Auf dem Kirchentag in Köln lobte die Kanzlerin die Fortschritte des G-8-Gipfels und forderte weltweit soziale und umweltpolitische Mindeststandards. Für die Afrika-Hilfe hatte Merkel einen ganzen Katalog mit Ratschlägen parat.


Köln - "Globalisierung kann nur gelingen, wenn es soziale Mindeststandards gibt und Mindeststandards bei der Umwelt, und die müssen wir durchsetzen", sagte Angela Merkel (CDU) auf dem Kirchentag in Köln.

Bundeskanzlerin Merkel auf dem Kirchentag: "Wir sind einen Schritt weiter"
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Bundeskanzlerin Merkel auf dem Kirchentag: "Wir sind einen Schritt weiter"

Einen Tag nach Ende des G-8-Gipfels in Heiligendamm zeigte sich die Kanzlerin begeistert über das Ergebnis der Zusammenkunft: Zwar könne der G-8-Gipfel nur "einer von ganz vielen Schritten" auf dem Weg zu einer gerechteren Weltwirtschaft gewesen sein. "Wichtig ist doch: Kann ich aus vollem Herzen sagen, wir sind nach diesem Gipfel einen Schritt weiter, als wir es vorher waren? Das kann ich mit einem klaren "Ja" beantworten."

Es sei ein Erfolg für den Klimaschutz, dass die großen Verursacher der Kohlendioxid-Emissionen bereit seien, unter dem Dach der Uno zu verhandeln, sagte Merkel. In der Uno könnten die Staaten "verbindlich etwas miteinander verabreden". Man müsse in diesem Zusammenhang aufhören, auf Erlösungserlebnisse zu hoffen, mit denen die Probleme der Welt vom einen Tag auf den anderen gelöst würden.

"Fair sein, nicht korrupt sein und keine Kriege führen"

Bei einer Diskussion mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunus sprach sich die Bundeskanzlerin auf dem Kirchentag weiter dafür aus, das System der Mikrokredite für Kleinunternehmer - wie Yunus es in Bangladesch praktiziert - auch in Afrika zu etablieren. Umgesetzt werden könne dies aber nur mit Hilfe der dortigen Bevölkerung. Merkel ergänzte: "Die ärmsten Länder werden nur eine Chance mit ihren Produkten haben, wenn sie faire Handelsbedingungen bekommen." Alle Menschen sollten an den Chancen der Weltwirtschaft Anteil haben.

Aber die Standards bei der Arbeit dürften nicht nach unten geschraubt werden, so Merkel. Yunus warb für einen zweistufigen Ansatz bei der Entwicklungsarbeit. Die Bundesregierung müsse ihre Hilfe fortsetzen, es sei aber auch das finanzielle Engagement der Privatwirtschaft gefordert. Außerdem sei es sinnvoll, Hilfsprojekte zunächst auf einzelne arme Länder zu konzentrieren, so Yunus.

"Wir können Afrika nichts aufdrängen"

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Mit Blick auf die Entwicklungshilfe für Afrika betonte die Kanzlerin, es seien geeignete Institutionen nötig, damit das Geld auch dort ankommt, wo es wirklich wichtig ist. Als Beispiele nannte sie das Gesundheitssystem, die Aids-Bekämpfung und die Bildung. "Sie können noch so viel Geld in die Gesundheit stecken, wenn sie kein Gesundheitssystem haben, dann zerfließt das alles", sagte Merkel. Zugleich wandte sie sich gegen eine Abwerbung von Arbeitskräften aus Entwicklungsländern. Man dürfe nicht die Menschen, "die wir in Afrika ausgebildet haben, gleich wieder abziehen, damit wir hier billige Arbeitskräfte haben". Die afrikanischen Staaten müssten außerdem ermutigt werden, "fair zu sein, nicht korrupt zu sein und keine Kriege zu führen".

Merkel warnte weiter vor Überheblichkeit im Umgang mit Afrika. "Wir können unmöglich Afrika mit unserer europäischen Erfahrung etwas aufdrängen", sagte die Bundeskanzlerin.

Die Bundeskanzlerin hatte mit ihrem Auftritt beim Kirchentag Besuchermassen angezogen. Der Veranstaltungsort auf dem Kölner Messegelände war überfüllt, auch vor den Eingängen zu der Halle drängten sich Hunderte Menschen. Die Podiumsdiskussion geriet kurzzeitig ins Stocken, als etwa ein Dutzend Besucher per Megafon ein Lied anstimmten. Die Störer wurden vom Publikum ausgebuht und von Ordnern aus dem Saal geleitet.

anr/dpa/AFP/AP



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