Parteiinterne Attacke auf SPD-Kandidatin Spitzengenossen solidarisieren sich mit Klara Geywitz

Klara Geywitz als Leiterin einer "10.000er-Geflügelfarm"? Der Angriff des Brandenburger SPD-Schatzmeisters auf die Kandidatin für den Parteivorsitz empört viele Genossen. Jusos fordern den Rücktritt des Mannes.

Klara Geywitz am Freitag bei der SPD-Regionalkonferenz in Neubrandenburg
Bernd Wüstneck/DPA

Klara Geywitz am Freitag bei der SPD-Regionalkonferenz in Neubrandenburg


Für die alte Weisheit "Freund - Feind - Parteifreund" hat die SPD ein neues Beispiel geliefert. Harald Sempf, Schatzmeister der Partei in Brandenburg, sagte dem SPIEGEL, seiner Parteikollegin Klara Geywitz fehle "die Fähigkeit zur Nähe". Woher die Herzenswärme, die Geywitz zugeschrieben werde, kommen solle, sei ihm ein Rätsel. Geywitz "könnte von der zwischenmenschlichen Wärme her auch eine 10.000er-Geflügelfarm leiten".

Sempf sagte zwar auch, Geywitz sei "eine nüchterne, klar denkende Analytikerin, die witzig ist, intellektuell, mehrere Fremdsprachen spricht". Für die erste Reihe sei sie aber nicht die richtige. Die Politikerin bewirbt sich zusammen mit Olaf Scholz um die SPD-Spitze - als eines von sieben Duos.

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SPD: Diese Genossen wollen Parteivorsitzende werden

Sempfs Äußerungen stoßen innerhalb der Partei auf erhebliche Kritik. "Ich twittere ja selten Persönliches", schrieb Katarina Barley, Vizepräsidentin des Europaparlamentes. Aber Geywitz sei "einer der liebenswertesten, humorvollsten und anständigsten Menschen, die mir in der Politik begegnet sind". Ähnlich äußerte sich Sawsan Chebli, Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund. Sie habe Geywitz "als unglaublich empathische und herzensgute Kollegin kennengelernt. Hoffe, das Zeugs vom Kollegen lässt dich kalt."

Karl Lauterbach, der sich mit Nina Scheer ebenfalls um die SPD-Spitze bewirbt, schrieb auf Twitter, Geywitz sei zwar eine Konkurrentin im Wettbewerb um den Parteivorsitz. "Aber sie ist äußerst fair und hört auch den Menschen gut zu. Die Diffamierung ihrer Person ist schäbig und entspricht ihr in keiner Weise."

Arbeitsminister Hubertus Heil nannte weder Geywitz noch Sempf explizit, twitterte aber unter den Hashtags #fairbleiben und #unsere SPD ein Plakat mit einem Zitat der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach: "Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde - alle dummen Männer."

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese schrieb auf Twitter, das Rennen um den SPD-Vorsitz sei "geprägt von Fairness und solidarischem Wettbewerb". Deshalb "solidarische liebe Grüße" an Geywitz. Grieses SPD-Bundestagskollege Johannes Kahrs twitterte: "Da sollten sich einige schämen!" Später verbreitete Kahrs Cheblis Nachricht. Die SPD-Nachwuchspolitikerin Lilly Blaudszun schrieb: "Kandidierende zu beleidigen ist asozial und wir sollten vielmehr dankbar darüber sein, dass diese Menschen viel Zeit und Energie für unsere Partei aufbringen."

Die Jusos in Brandenburg forderten Sempfs Rücktritt vom Amt des Schatzmeisters: "Das Fass war schon lange voll, jetzt hat es nicht nur ein Tropfen, sondern ein ganzer Kanister zum Überlaufen gebracht." Sempf habe sich eine Reihe von Verfehlungen im Tonfall geleistet. "Deshalb sagen wir: Es reicht, Harald!"

Brandenburgs SPD-Generalsekretär Erik Stohn teilte mit, er habe den Prozess zur Auswahl des SPD-Bundesvorsitzes als offen, beteiligend, motivierend und fair erlebt. "Ich hoffe, dass der Prozess so respektvoll bleibt." Die SPD Brandenburg sei froh und stolz, dass sich mit Geywitz auch jemand aus ihren eigenen Reihen zur Wahl stelle.

Sempf verteidigte seine Wortwahl."Hier geht's um die Führung der Partei. Da legt man eben Maßstäbe an", sagte er der Deutschen Presse-Agentur.



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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde Hubertus Heil versehentlich als SPD-Generalsekretär bezeichnet. Wir haben die Stelle korrigiert.

ulz/vme

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
Objectives 21.09.2019
1. Meinungsfreiheit
Darf jetzt nicht einmal mehr Kritik an den Kandidaten geäußert werden?
amuyok 21.09.2019
2.
@Für die alte Weisheit "Freund - Feind - Parteifreund" hat die SPD ein neues Beispiel geliefert. Harald Sempf, Schatzmeister der Partei in Brandenburg, sagte dem SPIEGEL, seiner Parteikollegin Klara Geywitz fehle "die Fähigkeit zur Nähe". Woher die Herzenswärme, die Geywitz zugeschrieben werde, kommen solle, sei ihm ein Rätsel. Geywitz "könnte von der zwischenmenschlichen Wärme her auch eine 10.000er-Geflügelfarm leiten". _____________________________________________ na dann passt sie ja wenigstens zum Zeitgeist ... und somit auch zu Olaf
spon-facebook-10000098605 21.09.2019
3. Habe ich was verpasst???
Seit wann ist Hubertus Heil wieder Generalsektretär? Meines Wissens ist er zur Zeit Bundesarbeits- und Sozialminister. Schlimm, das solche einfachen Fehler immer wieder durchgehen auf SPON. - - - - - - Danke für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum
einfachgudd 21.09.2019
4. aha
Also muss man diesmal Klara wählen um Scholz zu bekommnen...ich ja wie bei der Bundestagswahl....SPD wählen um die CDU in der Regierung zu halten.
seeyouin1982 21.09.2019
5. Völlig unabhängig
wie emphatisch oder emotionsarm oder whatever Frau G. sein mag - warum sind die Sozialdemokraten nicht in der Lage ein einziges Mal solche Sachen intern zu klären. Einem Herrn Sempf wird vorgeworfen, unfair zu agieren, weil er Frau Geywitz öffentlich verbal attackiert. Diejenigen, die sich darüber aufregen, schlagen aber auf noch niedrigem Niveau ebenso öffentlich zurück, allen voran eine Frau Chebli, die sowieso ständig alles auf Twitter teilen muss. "Ich finde es blöd, dass Du mich öffentlich beleidigst, weil das macht man nicht. Und deswegen mache ich es einfach genauso falsch wie du und maßregele dich ebenso öffentlich." Wie bekloppt ist das bitte?
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