Nachruf auf Klaus Kinkel Prototyp des politischen Könners

Der frühere Bundesaußenminister Klaus Kinkel ist gestorben. Er war ein undiplomatischer Diplomat, ein schwäbischer Rauhbautz, ein Politiker mit offenem Visier.

Klaus Kinkel im Jahr 1998
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Klaus Kinkel im Jahr 1998


Es hat ihn nicht gejuckt, wie so viele Politiker auf dem Altenteil, mal wieder mitzumischen.

Die Welt sei "in Unordnung", sagte er in einem Interview im Mai vorigen Jahres mit der "Augsburger Allgemeinen Zeitung". Und weiter: Mit einem "amerikanischen Präsidenten, der twitternd durch die Welt irrlichtert und die USA als führende Macht abgemeldet hat", einem Türkei-Herrscher "der die Demokratie quasi abschafft", dazu "der bislang zumindest völlig unberechenbare Zampano in Nordkorea. Und ein Kreml-Chef, der Russland wieder zur Weltmacht machen will."

Da mache Politik keinen Spaß mehr, sagte er. In seiner politisch aktiven Zeit sei die Welt berechenbarer gewesen, fand er. Auch seriöser.

Heute sei die Politik "flachwurzeliger und oberflächlicher" geworden. Manche schwätzten in jede Kamera, andere trauten sich gar nichts mehr zu sagen.

Das Problem hatte er nie: Er sprach Klartext, manchmal auch laut, mitunter zornig. Einmal hat er sogar eine Bürotür eingetreten, weil die klemmte. Als der Dalai Lama ihm, als er schon Außenminister war, einen seiner üblichen weißen Seidenschals um den Hals legen wollte, fiel er ihm recht derb in den Arm. Nein, das wolle er nicht. Die Medien waren entsetzt.

Genschers Ziehsohn

Er war empfindlich beim Einstecken, beim Austeilen dagegen ein "schwäbischer Rauhbautz", wie er selbst sagte. Nur diplomatisch war Klaus Kinkel eigentlich nie. Obwohl er von 1992 bis 1998 ja Deutschlands oberster Diplomat war. Und neben seinem Job als Außenminister auch noch fünf Jahre lang den Vizekanzler gab. Er hat es immer auf seine derb-schwäbische Art gemacht.

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Klaus Kinkel: Genschers "politischer Ziehsohn" ist tot

Geboren am 17. Dezember 1936 in Metzingen, aufgewachsen in Hechingen - wo er gern Bürgermeister geworden wäre, wie er erzählte, aber die hätten ihn nicht gewollt, also habe er in der Fremde Karriere machen müssen.

Die machte er, als promovierter Jurist, in Bonn im Innenministerium. Erst als mittelhoher Beamter, dann von 1970 bis 1974 als persönlicher Referent, später auch als Leiter des Ministerbüros von Hans-Dietrich Genscher. Da begann seine steile politische Karriere. Als Genscher 1974 ins Außenministerium wechselte, ging Kinkel mit. Die Medien sprachen von Genschers "politischem Ziehsohn". Doch trotz der Nähe blieben Kinkel und Genscher immer beim Sie, duzten sich nie.

Kohls Vize

Kinkel übernahm erst den Leitungs-, dann den Planungsstab des Auswärtigen Amtes. 1981 wurde er Chef des Bundesnachrichtendienstes, es folgte der Sprung ins Justizministerium. Erst war er dort Staatssekretär, dann Minister - nunmehr nicht mehr unter einem SPD-, sondern unter einem CDU-Kanzler, Helmut Kohl. Mit dem verstand er sich prächtig, wurde 1993 - dann bereits als Außenminister - dessen Stellvertreter. Kinkel wurde in Kohls Oggersheimer Bungalow zu Kaffee und Kuchen eingeladen und durfte dabei sein, wenn der "mit hemdsärmeliger Autorität Mitterand an die Kandare" nahm.

Im Video: Ehemaliger Bundesaußenminister - Klaus Kinkel ist tot

Zwei Aufgaben gelte es parallel zu meistern, definierte er damals die Hauptlinien der Bonner Politik nach der deutsch-deutschen Einheit: "Im Inneren müssen wir wieder zu einem Volk werden, nach außen gilt es etwas zu vollbringen, woran wir zweimal zuvor" - gemeint sind die Entwicklungen, die in zwei Weltkriegen mündeten - "gescheitert sind: Im Einklang mit unseren Nachbarn zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potenzial entspricht."

Kinkels politische Traumata

In den Zeitungen wurde er da längst als "Prototyp des politischen Könners" ("Die Zeit") oder als "Phänotyp des Politikers, mit dem man Pferde stehlen mag" ("Süddeutsche Zeitung") gefeiert.

Er selbst sprach freilich auch - viel später noch - von zwei großen Niederlagen, "zwei Traumata" aus seiner Zeit als Außenminister: Den Völkermord in Ruanda und das Massaker in Srebrenica nicht verhindert zu haben, das sei ein Versagen der Völkergemeinschaft gewesen - und damit auch seines. Zur Aufarbeitung besuchte er, längst nicht mehr im Amt, die Kriegsschauplätze in Bosnien-Herzegowina.

Ansonsten verließ er die erste Reihe der Politik nach der Bundestagswahl 1998, in deren Folge eine rot-grüne Koalition die schwarz-gelbe von Kohl und Kinkel ablöste. Bis 2002 saß er noch im Bundestag.

Erstens nicht so wichtig, zweitens zu faul

Er war noch eine Weile als Rechtsanwalt in Sankt Augustin bei Bonn aktiv. Dann gab er seine Zulassung zurück, widmete sich seiner Frau Ursula und seinen Kindern. Bis vor fünf Jahren kümmerte er sich zudem in der Telekom-Stiftung um Bildungspolitik, stritt leidenschaftlich für die Themen in diesem Bereich, ein Stipendium der Stiftung ist seitdem nach ihm benannt.

Memoiren wollte er nie schreiben. "Erstens bin ich nicht so wichtig", sagte er im Interview, "zweitens bin ich zu faul und habe auch keine Lust, in der Bahnhofsbuchhandlung als Restposten verkauft zu werden."

Am 4. März 2019 ist Klaus Kinkel im Alter von 82 Jahren gestorben.



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