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20. September 2008, 13:26 Uhr

Klausurtagung

Wie die SPD-Spitze um die Beck-Nachfolge feilschte

Franz Müntefering führt künftig die SPD - aber darum hat die Parteispitze nach dem Rücktritt von Kurt Beck offenbar mehr gerungen als bisher bekannt: Nach Informationen des SPIEGEL wurde außer Arbeitsminister Scholz über die Kollegen Steinbrück und Gabriel sowie Fraktionschef Struck diskutiert.

Hamburg/Berlin - Ein Anruf, zehn Minuten Bedenkzeit, dann die Zusage: Franz Müntefering war nach dem Rücktritt von Kurt Beck als Parteichef in Windeseile als dessen Nachfolger gewonnen. Doch nach Informationen des SPIEGEL gab es an dem dramatischen Sonntag vor zwei Wochen am brandenburgischen Schwielowsee weit mehr Diskussionen und Alternativen zu Müntefering.

Designierter SPD-Chef Müntefering, Vorgänger Beck (Archivbild von 2006): Erstes Vieraugengespräch
DPA

Designierter SPD-Chef Müntefering, Vorgänger Beck (Archivbild von 2006): Erstes Vieraugengespräch

Demnach wurde, als Beck am Morgen des 7. September der engsten Parteiführung in einem Landgasthof seinen Rücktritt verkündet hatte, heftig um den Vorsitz gefeilscht. Es sei zugegangen "wie auf einem Basar", erinnern sich Teilnehmer.

So debattierte die Runde unter anderem darüber, Umweltminister Sigmar Gabriel zum neuen Vorsitzenden zu küren. Im Gespräch war zudem als "Übergangslösung" Fraktionschef Peter Struck, doch der wollte nicht. Er habe bereits seinen Rückzug aus der Bundespolitik im Jahr 2009 angekündigt. In der gut zweistündigen Diskussion wurde auch Finanzminister Peer Steinbrück als möglicher Vorsitzender genannt: Dies lehnte jedoch die Partei-Linke Andrea Nahles ab.

Steinbrück sei als rechter Flügel-Mann keine Integrationsfigur. Das wäre ja so, als würde sie selbst den Vorsitz übernehmen, argumentierte Nahles. Sie habe aber niemand vorgeschlagen, entgegnete Struck. Klar abgelehnt wurde Becks Idee, Arbeitsminister Olaf Scholz zum neuen Vorsitzenden zu küren.

Am Ende verständigte man sich dann doch auf den Vorschlag des designierten Kanzlerkandidaten und Außenministers Frank-Walter Steinmeier, Müntefering zum neuen Chef zu machen. Die Umstände von Steinmeiers Nominierung hatten Beck zum Rücktritt bewogen. Die Genossen waren sich einig, dass der Partei und der Öffentlichkeit kein anderer Kandidat vermittelbar wäre, wenn jemand von Münteferings Kaliber zur Verfügung stehe.

Müntefering und Beck haben sich nach Informationen des SPIEGEL inzwischen zu einem ersten Vieraugengespräch nach den Ereignissen vom Schwielowsee getroffen. Aus Parteikreisen hieß es, Müntefering sei wichtig, dass Beck auch künftig in der SPD eine bedeutende Rolle spiele. Es gehe darum, konstruktiv zusammenzuarbeiten. Etwaige Streitigkeiten sollten der Vergangenheit angehören.

Das Gespräch am Rande der Bundesratssitzung war auf Wunsch von Müntefering zustande gekommen. Beck-Anhänger werfen Müntefering vor, in den vergangenen Monaten gegen den Parteichef gearbeitet zu haben. Müntefering weist dies zurück.

Kanzlerkandidat Steinmeier betonte in einem Interview mit dem "Focus", er werde weitgehenden Einfluss auf das Programm seiner Partei für die Bundestagswahl nehmen. Er werde seine "prägende Handschrift im Wahlprogramm hinterlassen" und "natürlich den Kurs der Partei mitbestimmen", sagte Steinmeier.

Sein Handeln werde weiter von der Maxime "Führen und Zusammenführen" bestimmt sein, betonte der Vizekanzler und Außenminister. "Ich habe den Eindruck, das wird verstanden." Der Streit der Parteiflügel sei nun beendet.

flo/AP

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