CDU-Basis in Pofallas Wahlkreis "Die Stimmung ist katastrophal"

Zwanzig Jahre lang saß er für sie im Bundestag. Trotzdem erfährt die Klever CDU erst aus den Medien, dass Ronald Pofalla sich aus der Politik zurückziehen will. Interview mit einem enttäuschten Kreisvorsitzenden.

Ronald Pofalla im Bundestag: Keine Lust mehr auf die große Politik
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Ronald Pofalla im Bundestag: Keine Lust mehr auf die große Politik

Von , Düsseldorf


Es gibt am Niederrhein dieses geflügelte Wort, das nicht nur Sozialdemokraten gerne zitieren: "Die würden sogar eine Milchkanne wählen, wenn auf der CDU steht." Der politische Erfolg Ronald Pofallas in seinem Bundestagswahlkreis 113, den er seit 1994 sechsmal in Folge gewonnen hat, ist aber nicht nur mit der konservativen Grundhaltung des Klevers zu erklären.

Vielmehr hat es Pofalla auch nach seinem Aufstieg in die Zentrale der Macht noch geschafft, den Wählern das Gefühl zu vermitteln, er sei nur außen Minister und im Inneren einer von ihnen geblieben. Doch dieses hohe Maß an Glaubwürdigkeit, das der Sohn einer Putzfrau und eines Wachmannes an der Basis genoss, scheint nun zu schwinden - viele fühlen sich von Pofalla verraten.

Der Kreisverband der CDU fürchtet zudem, wegen Pofallas heimlich vorangetriebener Karrierepläne demnächst zum überhaupt ersten Mal keinen direkt gewählten Abgeordneten mehr in den Bundestag entsenden zu können. Der Nachrücker für den früheren Kanzleramtsminister käme aus Dortmund.

Im Interview beschreibt der Chef der CDU im Kreis Kleve, Günther Bergmann, was Pofalla mit seinem Egotrip angerichtet hat:

SPIEGEL ONLINE: Herr Bergmann, wann haben Sie erfahren, dass Ihr frisch gewählter Bundestagsabgeordneter Ronald Pofalla keine Lust mehr auf die große Politik hat?

Bergmann: Wir hatten eine Vorstandssitzung am 13. Dezember und saßen den Abend über zusammen. Ronald Pofalla war gerade gegangen, da kam ein Parteifreund in den Saal und sagte, die "Rheinische Post" melde, Pofalla werde sich aus dem Kabinett zurückziehen. Wir waren baff, er hatte das mit keinem Wort erwähnt.

SPIEGEL ONLINE: Die Kanzlerin wusste ja nach Angaben ihres Sprechers bereits seit November, dass Pofalla sich beruflich verändern wollte. Auch ein Wechsel zur Bahn kam bei ihr wohl schon zur Sprache. Nur sein Kreisverband soll davon nichts erfahren haben?

Bergmann: So ist es. Ich habe am 14. Dezember mit Ronald Pofalla telefoniert. Er sagte, er wolle aus privaten Gründen kürzertreten und habe Merkel sein Wort geben müssen, darüber noch nicht öffentlich zu reden. Von einem Job bei der Bahn sprach er mir gegenüber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Pofalla noch einmal kontaktiert, nachdem sein Bahn-Plan publik geworden war?

Bergmann: Ja, ich habe ihm in der vergangenen Woche eine SMS geschrieben, das war die übliche Form der Kommunikation zwischen uns. Auf eine Antwort warte ich noch immer, kein Wort bislang.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sauer?

Bergmann: Ich bin irritiert, und die fast 4000 Mitglieder unseres Kreisverbandes sind es auch. Wir haben einen fulminanten Wahlkampf für Ronald Pofalla hingelegt, ein tolles Ergebnis eingefahren, es ist kaum zu vermitteln, dass diese Mühen vergeblich gewesen sein könnten.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich von Ronald Pofalla betrogen?

Bergmann: So würde ich das nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Eines Ihrer Mitglieder drückte es in einer Mail so aus.

Bergmann: Ich weiß. Ich habe Hunderte Zuschriften und Anrufe bekommen, darunter auch solche, die Wut, Enttäuschung und Empörung transportieren. Die Stimmung in unserem Kreisverband ist katastrophal.

SPIEGEL ONLINE: Am Freitagnachmittag treffen Sie sich zur Klausurtagung, an der auch Ronald Pofalla teilnehmen soll. Was erwarten Sie dort von ihm?

Bergmann: Sollte er tatsächlich kommen, muss er die Kommunikationsprobleme beheben und uns seine Entscheidung erklären. Wir wollen verstehen, warum er sich so verhält, wie er sich verhält. Wir wollen wissen, woran wir bei ihm sind.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Pofalla Ihrer Sitzung fernbleiben wird?

Bergmann: Wir sprechen ihn noch, keine Sorge.

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fisschfreund 09.01.2014
1. optional
Wer den Typen ernsthaft jahrelang unterstützt hat und dann auch noch gewählt hat, der kann nicht mehr alle Latten am Zaun haben...
quadraginti 09.01.2014
2. Veräppelt
Zitat von sysopAFPZwanzig Jahre lang saß er für sie im Bundestag. Trotzdem erfährt die Klever CDU erst aus den Medien, dass Ronald Pofalla sich aus der Politik zurückziehen will. Interview mit einem fassungslosen Kreisvorsitzenden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kleve-cdu-basis-empoert-sich-ueber-ronald-pofalla-a-942666.html
So wird man veräppelt, wenn man CDU wählt. *Selbst schuld.*
wibo2 09.01.2014
3. Der Fall Pofalla wird immer bizarrer ...
Zitat von sysopAFPZwanzig Jahre lang saß er für sie im Bundestag. Trotzdem erfährt die Klever CDU erst aus den Medien, dass Ronald Pofalla sich aus der Politik zurückziehen will. Interview mit einem fassungslosen Kreisvorsitzenden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kleve-cdu-basis-empoert-sich-ueber-ronald-pofalla-a-942666.html
Ronald Pofalla gerät immer mehr in Bedrängnis. Warum sagt er den Leuten in seinem Wahlkreis nicht Bescheid? Was ist da bloß los? Keine heiße Luft, auch nicht gar nichts sagen sondern nur seriöse‎ Public Relations kann den Erfolg bringen.‎‎
hanswolfgangsieger 09.01.2014
4. Muttisliebling
Habt ihr den was anderes erwartet, er arbeitet genau auf Muttis Welle. Dieser NSA-Lügner und Heuchler sollte sofort sein Mandat zurück geben und in der Wirtschaft hat er nichts verloren. Er hat seinen Wahlkreis belogen, Geld verbrand, Leute hintergangen. Sowas brauchen wir nicht in der Politik oder in der Wirtschaft. Hoffentlich hat der Bahnaufsichtsrat genügend Eier in der Hose und lehnt diesen Lobbyst ab.
herr_kleint 09.01.2014
5. Selbst Schuld
Zitat von sysopAFPZwanzig Jahre lang saß er für sie im Bundestag. Trotzdem erfährt die Klever CDU erst aus den Medien, dass Ronald Pofalla sich aus der Politik zurückziehen will. Interview mit einem fassungslosen Kreisvorsitzenden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kleve-cdu-basis-empoert-sich-ueber-ronald-pofalla-a-942666.html
Wer diese Person unterstützt sollte sich nicht wundern, wenn er auf die Nase fällt.
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