»Müssen lernen, dass die Krise zum Alltag gehört« Oberster Zivilschützer rät von Besiedelung bestimmter Gebiete ab

Auch in Deutschland werden die Folgen der Klimakrise zunehmend spürbar. Der Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz spricht sich nun gegen eine Bebauung zahlreicher Flächen aus. Besonders bedroht: die Küsten.
Freiflächen im Dorf Insul im Ahrtal, wo die Flut im vergangenen Jahr zahlreiche Häuser zerstörte

Freiflächen im Dorf Insul im Ahrtal, wo die Flut im vergangenen Jahr zahlreiche Häuser zerstörte

Foto: Boris Roessler / dpa

Extreme Wetterereignisse und schwere Naturkatastrophen – wie etwa die verheerende Flut im Ahrtal im vergangenen Sommer  – könnten in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten infolge der zunehmenden Erderwärmung häufiger werden. Der Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Ralph Tiesler, will deshalb verhindern, dass die Besiedlung in ohnehin gefährdeten Regionen fortgesetzt wird.

»Als Bevölkerungsschützer sage ich, dass manche Flächen aufgrund des Klimawandels und der akuten Bedrohung durch Unwetterkatastrophen und Flutkatastrophen nicht wiederbesiedelt werden sollten. Auch an den Küsten stellt sich diese Frage«, sagte Tiesler mit Blick auf die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. »Es gibt keinen Ort oder Landstrich in Deutschland, bei dem wir nicht genau hingucken müssen«, sagte der BBK-Präsident.

»Krisenmodus muss jetzt zum allgemeinen Bewusstsein dazugehören«

»Fest steht, dass wir in immer unsicheren Zeiten leben. Krisen werden immer häufiger. Corona fesselt uns nun schon mehrere Jahre, der Klimawandel wird in Zukunft noch weitere Herausforderungen an uns stellen, und in der Ukraine herrscht Krieg«, sagte der oberste Zivilschützer.

Tiesler plädierte für ein neues Krisenbewusstsein in der Bevölkerung. »Der Krisenmodus muss jetzt zum allgemeinen Bewusstsein dazugehören, wir müssen lernen, dass die Krise zum Alltag gehört«, sagte Tiesler und schloss auch nicht aus, dass es künftig innerhalb Deutschlands sogenannte Klimaflüchtlinge geben werde. »Ob Menschen tatsächlich aus einzelnen Regionen Deutschlands in andere Landesteile fliehen müssen, lässt sich heute nicht sagen.«

Bei der Flutkatastrophe vor einem Jahr kamen in Rheinland-Pfalz mindestens 135 und in Nordrhein-Westfalen 49 Menschen ums Leben. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) will sich am Mittwoch in Berlin anlässlich des Jahrestages zusammen mit Tiesler und dem Präsidenten des Technischen Hilfswerks, Gerd Friedsam, zum Bevölkerungsschutz äußern.

Das Bundeskabinett berät an diesem Mittwoch zudem über eine sogenannte Resilienzstrategie. Ziel der darin niedergelegten Vorgaben ist es laut der Nachrichtenagentur dpa, »Menschen und ihre Existenzgrundlagen zu schützen sowie die Widerstands- und Anpassungsfähigkeit des Gemeinwesens gegenüber Katastrophen zu stärken«. Laut dpa sollen neue oder verbesserte Maßnahmen im Katastrophenrisikomanagement ergänzt oder miteinander verknüpft werden. Dabei sollten auch nicht staatliche Akteure eingebunden werden, etwa die vor allem auf ehrenamtlichem Engagement basierenden Hilfsorganisationen.

fek/dpa
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