Klimaschutz Atom-Manager rechnen falsch

Klimaschutz durch Kernkraftwerke? Weltweit ist die Atomlobby im Aufwind, Gegner wie die deutsche SPD scheinen in der Defensive. In einem Gastbeitrag auf SPIEGEL ONLINE erklärt Michael Müller, Staatssekretär im Umweltministerium, warum Atomstrom nicht die Antwort auf den Klimawandel ist.

Berlin - Die Atomdebatte, die in den achtziger Jahren unser Land in Bewegung brachte, hat wieder Konjunktur. Sie droht zum großen Streitpunkt der schwarz-roten Koalition zu werden. Um eine Klimakatastrophe abzuwenden und die hohe Energieabhängigkeit zu verringern, müsste das kleinere Übel "Atomkraft" in Kauf genommen werden, so das Credo von Wirtschaft, Union und FDP. Deshalb brauche unser Land den Ausstieg aus dem Atomausstieg.

Ausgerechnet die Ökologie soll der Rettungsanker für die angeschlagene Branche sein. Die Atomindustrie, die in den vergangenen Jahrzehnten die Umweltschützer stets als Hauptgegner ausgemacht hat, will die nicht mehr zu leugnenden Klimagefahren für einen Neuanfang nutzen. Sie verheißen Milliardengeschäfte, erst durch längere Laufzeiten abgeschriebener Atomkraftwerke und dann – so die Hoffnung - durch einen neuen Atomfrühling.

Die Argumentation erscheint auf den ersten Blick einleuchtend: Das Verbrennen von Gas, Kohle und Öl produziert massenhaft CO2. Das schließt die "Atmosphärenfenster" und heizt die Erde auf. Dagegen schütze Strom aus Uran das Klima, denn ein Atomkraftwerk emittiere kein Kohlendioxid. Zudem reduziere er die hohe Abhängigkeit von Energieimporten. Deshalb sei ein breiter Energiemix ein Gebot der Vernunft.

Doch so einfach ist es keineswegs. Tatsächlich geht es beim Klimaschutz nicht um den bloßen Austausch von Kohle durch Atom, sondern vielmehr um die Frage, ob das bisherige Energiesystem überhaupt in der Lage ist, die großen Herausforderungen wie Klimawandel und Ressourcenknappheit zu bewältigen? Oder ist dafür ein neues Denken notwendig, das nicht mehr den Energieeinsatz, sondern seine Vermeidung ins Zentrum stellt?

Die Atomindustrie nimmt die Schreckensszenarien über den drohenden Klimakollaps dankend auf und bietet sich in ganzseitigen Anzeigen ungeniert als Retter an: "Die Wahl ist also die Wahl zwischen dem Restrisiko einer nach menschlichem Ermessen beherrschbaren Kernenergie und dem Hundert-Prozent-Risiko einer nicht mehr beherrschbaren, da das globale Klima gefährdenden Energieversorgung durch fossile Brennstoffe", so der frühere Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Den Spieß einfach umdrehen, das ist der durchsichtige Versuch, wieder in die Offensive zu kommen. Brillant scheint die Strategie zu sein, mit der Angst vor der Klimakatastrophe die Angst vor dem GAU beiseite zu drängen.

Dieser "Schwitzkasten" hat jedoch zwei gravierende Fehler: Erstens wurde der Wahrheitsgehalt der Behauptung mehrfach widerlegt. Und zweitens hat die Atomwirtschaft gar nicht die Macht, das Weltklima entscheidend zu beeinflussen. Sie setzt Energie mit Strom gleich, obwohl die Stromerzeugung insgesamt nur einen Anteil von circa 16 Prozent am globalen Energieverbrauch hat. Davon wiederum hat die Atomkraft nur knapp 17 Prozent, was bedeutet, dass die nukleare Stromerzeugung im Weltmaßstab gerade mal auf drei Prozent kommt. Von daher wäre ein gigantisches Ausbauprogramm notwendig - finanziell unvorstellbar, viel zu langsam, um das Klima zu schützen, und hoch riskant.

Atomenergie ist nicht sauber

Zudem gehört zu einer vergleichenden Bewertung, dass die Emissionen "von der Wiege bis zur Bahre" erfasst werden. Bei einer solchen Betrachtung, wie sie im kumulierten Energieaufwand berechnet wird, entpuppt sich die Behauptung von der sauberen Energie schnell als falsch. Bei der Atomkraft sind nämlich die Energieverbräuche bei den vor- und nachgeschalteten Prozessen erheblich, vor allem bei der Urananreicherung und den Abwärmeverlusten im Kraftwerk. Dagegen kann zum Beispiel ein Biogas-Blockheizkraftwerk hoch effizient zugleich Strom und Wärme produzieren. Dies kann ein Atomkraftwerk praktisch nicht. Bezieht die CO2-Bilanz diesen Zusammenhang mit ein, schneidet die Kraft-Wärme-Kopplung häufig ungleich besser ab.

Auch die Abhängigkeit von Importen senkt die nukleare Stromversorgung nicht, denn nach dem Red Book der OECD reichen die Uran-Reserven zwar noch für rund 150 Jahre. Was aber ist, wenn der Anteil der AKW mit einem Milliardenaufwand verfünffacht, verzehnfacht oder noch höher wird, damit er einen, wenn auch immer noch bescheidenen Beitrag zum Klimaschutz leistet? Die Uranreserven würden zusammenschmelzen wie der Schnee in der Sonne. Und dann? Ohne Schnelle Brüter, die zur Stromerzeugung alle bis auf einen in Russland eingestellt wurden, hat die Atomkraft keine Zukunft. Brutreaktoren produzieren jedoch Plutonium, das extrem giftig und besonders atomwaffengeeignet ist.

Lesen Sie weiter im zweiten Teil: Warum das heutige Energiesystem das Klima nicht schützen kann

Dennoch haben sich die Befürworter des Ausstiegs bereits Anfang der neunziger Jahre auf die Frage eingelassen, ob die Atomenergie dem Klimaschutz hilft. So in der Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" des Bundestages, die zwischen 1987 und 1994 die Fragen des Klimawandels intensiv bearbeitet hat. Das Ergebnis war für die Atomfreunde ernüchternd. Auch nach der FUSER-Studie der Weltenergiekonferenz, die von einem Ausbau der rund 440 AKW auf über 5000 Atommeiler (!) bis Mitte unseres Jahrhunderts ausgeht, steigen die CO2-Emissionen von 21 Milliarden Jahrestonnen auf über 40 Milliarden an – eine Katastrophe für das Klima.

Atomstrom und Energiesparen schließen sich aus

Obwohl dem Sachverständigengremium, das für seine Arbeiten national und international hohe Anerkennung fand, ausgewiesene Kernkraftbefürworter angehörten, war die Bewertung einmütig: "Lösungswege versprechen keinen Erfolg, die nur auf die Verschiebung der Energieträger abzielen, statt einer weitgehenden Substitution von Energie durch Investitionen und technisches Wissen (Energiequelle Energieeinsparung) den Vorrang zu geben."

Mit anderen Worten: Das heutige Energiesystem kann das Klima nicht schützen. Eine erfolgreiche Gegenstrategie, so die Schlussfolgerung, muss die Einbindung erneuerbarer Energien auf kommunale und industrielle Kraft-Wärme-Kopplung und auf Effizienztechnologien setzen, um den Einsatz nicht notwendiger fossiler Brennstoffe zu vermeiden. Genau das aber widerspricht der inneren Logik eines großtechnischen (Atom-)Energiesystems mit seinen technischen, betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Zwängen. Deren Philosophie liegt in der Ausnutzung großer Erzeugungskapazitäten, die weit weg sind vom Verbraucher. Atomkraftwerke sind Grundlastkraftwerke, die systembedingt für den Ausgleich der Angebotsschwankungen wenig geeignet sind. Sie sind keine flexible Energietechnik, die heute gebraucht wird. Die Barrieren sind so hoch, dass sich Atomkraft und Effizienzstrategien weitgehend ausschließen.

Der mächtige Mega-Watt-Clan will Strom wie im Supermarkt anbieten. Von daher lassen sie "Einsparkraftwerken" keinen Markt, weil sie am hohen Stromverbrauch kräftig verdienen. Deshalb zeigen nahezu alle Strategien, die an der bisherigen Verbrauchsstruktur festhalten, dass sie mit mehr Risiken, mehr Strom, mehr Gas, Öl und Kohle und mit mehr Emissionen verbunden sind.

Mutiger Beschluss von Helmut Kohl

Die Erzeugung in Kondensationskraftwerken, die von den großen Stromkonzerne EnBW, E.on, RWE und Vattenfall weit überwiegend betrieben wird, ist eine gigantische Verschwendung, typisch für das letzte Jahrhundert, aber nicht wegweisend für die Zukunft. Energie wird über Kühltürme sinnlos in die Luft geblasen oder in Flüsse geleitet, obwohl sie im Winter als Fernwärme und im Sommer zur Klimatisierung genutzt werden könnte, was Millionen von Tonnen CO2 vermeidet.

Der Haken ist nur: An der effizienten Energienutzung haben die großen Stromerzeuger wenig Interesse. Doch sie ist machbar. Deshalb empfahl die Kommission, dem Vertreter von Union, SPD, FDP und Grüne sowie elf renommierte Wissenschaftler angehörten, die nationalen Kohlendioxid-Emissionen um 30 Prozent bis zum Jahr 2005 gegenüber 1990 zu reduzieren. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl machte daraus den mutigen Beschluss, die Emissionen um 25 Prozent abzusenken. Bis heute gilt er als beispielhaft.

Drei unterschiedliche Szenarien, die bei der Atomkraft entweder Ausstieg, Status quo oder Ausbau vorsahen, konkretisierten die CO2-Reduktion um bis zu einem Drittel bis zum Jahr 2005. Das technisch machbare Einsparpotenzial wurde sogar auf über 40 Prozent geschätzt, acht Prozent könnten durch bewusstes Sparen erreicht werden, ebenfalls um acht Prozent könnte der Anteil der Erneuerbaren Energien wachsen. Vor diesem Hintergrund unterstützte niemand den Ausbau-Pfad. Selbst für den Erhalt des Anteils an Atomstrom sprachen sich nur sieben der 22 Kommissionsmitglieder aus.

Im Ausbauprogramm wären übrigens über 40 neue Reaktorblöcke notwendig, um den Stromsektor "CO2-frei" zu machen. Selbst dann wären in Deutschland höchstens 30 Prozent der Energieversorgung klimaverträglich. Die Neuordnung der Energieversorgung mit Hilfe der Kraft-Wärme/Kälte-Kopplung (KWK) und der massiven Effizienzsteigerung bei Geräten, Häusern und Autos kann dagegen kostengünstig eine weit höhere Einsparung und damit CO2-Reduktion erzielen. Allein das wirtschaftlich sinnvolle - und preiswerte - Einsparpotenzial der KWK ist in Deutschland höher als der Anteil der Atomenergie. Und das sind Technologien, denen die Zukunft gehört, weil sie weltweit gebraucht werden. Die Nachfrage wird in den nächsten Jahren massiv steigen.

Als letztes Argument bleibt den Befürwortern die Behauptung, dass der Umbau mehr Zeit bräuchte. Tatsächlich haben wir schon viel Zeit verloren. Denn bis Mitte des nächsten Jahrhunderts kann bereits nicht mehr verhindert werden, dass die Wetterextreme weiter zunehmen. Damit der Eispanzer von Grönland nicht völlig schmilzt, der Golfstrom nicht zum Erliegen kommt, das Auftauen der sibirischen Permafrostböden nicht zum totalen Klimakiller wird, der El Nino nicht jedes Jahr auftritt und schwere Monsune über einer Milliarde Menschen die Ernährungsgrundlagen nehmen, muss schnell gehandelt werden, um endlich die umweltverträglichen Technologien zu nutzen.

Wann begreifen wir endlich, dass wir noch nie so wenig Zeit hatten, so viel zu tun? Tatsächlich verhindert die Atomenergie den Umstieg in die effiziente und solare Energieversorgung. Klimaschutz braucht den Atomausstieg.

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