Warnung von Wald-Experten Wenn das Klimaschutzgesetz dem Klima schadet

Ohne seine Wälder kann Deutschland nicht klimaneutral werden. Das neue Klimaschutzgesetz allerdings könnte sogar für mehr Emissionen sorgen, warnen Forscher.
Wald in Baden-Württemberg: »Weder aus nationaler noch aus globaler Sicht ein Beitrag zu mehr Klimaschutz«

Wald in Baden-Württemberg: »Weder aus nationaler noch aus globaler Sicht ein Beitrag zu mehr Klimaschutz«

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Jan-Philipp Strobel/ dpa

Führende Waldforscher haben in einer Stellungnahme vor »erheblichen negativen Folgen« des geplanten Klimaschutzgesetzes für die Klimaschutzfunktion der deutschen Wälder gewarnt. Demnach befürchten die Wissenschaftler, dass als Folge des Gesetzes große Teile der Wälder stillgelegt werden müssten, also dort kein Holz mehr geschlagen werden könne.

Der Verzicht auf die nachhaltige Nutzung von Holz sei jedoch »weder aus nationaler noch aus globaler Sicht ein Beitrag zu mehr Klimaschutz«, so der wissenschaftliche Beirat für Waldpolitik , ein Gremium aus 15 Forschenden, das die Bundesregierung in Fragen zum Wald berät. Im Gegenteil könne mit der Nutzung von Holz – insbesondere im Bau – »insgesamt ein größerer, wenn auch in der Summe moderater Klimaschutzbeitrag geleistet werden«.

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Die Bundesregierung hatte Anfang Mai den Entwurf für ein neues Klimaschutzgesetz vorgelegt, als Reaktion auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Darin ist erstmals konkret vorgegeben, welchen Beitrag Ackerland, Grünflächen, Moore und Wälder zum Klimaschutz leisten müssen. Dieser Sektor soll vom Jahr 2030 an jährlich 25 Millionen Tonnen Treibhausgase aus der Luft holen. 2040 sollen die negativen Emissionen des Sektors bei 35 Millionen Tonnen liegen. Damit würde der Treibhausgasausstoß anderer Sektoren wie Industrie, Landwirtschaft oder Energie kompensiert, um insgesamt Klimaneutralität zu erreichen.

Wald muss Lücke füllen

Eine aktuelle Projektion des Umweltbundesamts  erwartet für den Sektor im Jahr 2030 jedoch positive Emissionen von rund 20 Millionen Tonnen. Der Stellungnahme zufolge ergibt sich somit eine Lücke von 45 Millionen Tonnen Treibhausgasen jährlich. Um die zu schließen, bleibt den Wissenschaftlern zufolge nur der Wald.

Die übrigen Landflächen wie Ackerland, Grünflächen oder Moore hätten nur begrenztes Potenzial bis 2030, Emissionen einzusparen oder aus der Luft zu holen. Daher sei davon auszugehen, dass auf eine höhere Speicherung von Kohlendioxid im Wald gesetzt werde, um die Klimaziele zu erfüllen. »Dies ließe sich in dem geforderten Umfang jedoch theoretisch nur durch eine starke Einschränkung der Holzentnahmen erreichen«, heißt es in der Stellungnahme. Konkret müsste rund 42 Prozent des jährlichen Zuwachses als Biomasse in den Wäldern bleiben.

Die Forscher halten das aus mehreren Gründen für eine schlechte Idee:

  1. Sollte Holz im Bau durch andere Materialien aus dem Inland ersetzt werden, würde sich die Treibhausgasbilanz in der Regel verschlechtern. Die Forscher nennen als Beispiel den Einsatz von Stahl, Ziegeln oder Beton, deren Herstellung energieintensiv ist. Diese »Substitutionseffekte« machen rund ein Drittel der Klimaschutzleistung deutscher Wälder aus.

  2. Der Verzicht auf deutsches Holz würde voraussichtlich »zu wesentlichen Anteilen durch zusätzliche Einfuhren aus anderen Ländern ausgeglichen«. Außerhalb der EU seien die Standards für nachhaltige Waldwirtschaft jedoch geringer, die Emissionen damit höher. Selbst bei gleicher Nachhaltigkeit entstünden durch die längeren Transportwege aus dem Ausland höhere Emissionen.

  3. Die Strategie, Kohlendioxid im Wald zu speichern, könne nur erfolgreich sein, wenn es auch dort bleibt. Mit dem Klimawandel würden jedoch die Störungen der Wälder zunehmen, etwa durch Waldbrände, Sturmwürfe oder Insektenbefall. Mit der Stilllegung steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich Wälder mit wenig Klima-angepassten Baumarten zu Kohlendioxidquellen entwickelten. Als Beispiel nennen die Forscher die vergangenen Jahre 2018 bis 2020, in denen vor allem Borkenkäfer in Deutschland mehrere Hunderttausend Hektar Wald vernichtet haben.

  4. Würden Wälder stillgelegt, könnten diese nicht mehr aktiv an den Klimawandel angepasst werden. »Damit würden auch wichtige Chancen zum Erhalt und zur Förderung der Biodiversität im Klimawandel nicht genutzt«, heißt es in der Stellungnahme.

Um diese negativen Effekte zu vermeiden, plädieren die Wissenschaftler daher zunächst für eine »umfassende Folgenabschätzung« des neuen Klimaschutzgesetzes. Ob sich die Politik dafür die Zeit nimmt, ist allerdings fraglich: Schon an diesem Donnerstag steht das Gesetz zur Abstimmung auf der Tagesordnung des Bundestags.

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