Klimaschutz Ein Prosit der Gemütlichkeit

Jetzt passen S' auf, setzen S' sich her: Warum wir uns wegen der Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung nicht die geringsten Sorgen machen müssen.

Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, Ministerpräsident Markus Söder auf dem Oktoberfest
Andreas Gebert / REUTERS

Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter, Ministerpräsident Markus Söder auf dem Oktoberfest

Eine Kolumne von


Haben Sie das auch gesehen? Schon beeindruckend. Wenn Tausende dasselbe wollen, wenn alle in dieselbe Richtung laufen. Wenn sich das Volk erhebt, wenn der gemeinsame Wille zu einer Bewegung wird, die alles mit sich reißt. So eine Masse lässt sich nicht aufhalten.

Was sagen Sie? Nein, doch nicht am Freitag.

Die Wies'n ist am Samstag eröffnet worden, ich weiß es doch, ich war doch ganz vorne dabei, wie ein Blöder bin ich mit Tausenden gerannt, um einen Platz zu bekommen, und schauen Sie, da sitze ich, und Sie stehen noch.

Ach so, Sie meinen diese Klimaschutzsache am Freitag. Setzen Sie sich her, dann erzähle ich Ihnen einmal was über diesen Klimaschutz. Fräulein, bringen S' doch bitte eine Maß für meinen Gast. Ja, ich nehm auch noch eine.

Also jetzt passen S' auf. Mit diesem Klimaschutz ist es nämlich so: Da müssen wir uns überhaupt keine Sorgen machen. Ich versteh schon, ich hab ja auch eine Weile gedacht, dass es jetzt ernst wird. Aber da haben wir nichts zu befürchten, nicht das Geringste. Ich war ja dabei in Berlin, als die Regierung ihr Klimaschutzpaket vorgestellt hat. Also jedenfalls ganz in der Nähe.

Die haben sich diesmal etwas ganz Besonderes einfallen lassen für ihre Pressekonferenz, einen ganz besonderen Ort: das Futurium. Gerade erst eröffnet worden, 58 Millionen Euro hat es gekostet, ein Haus der Zukunft. Ich habe diese Zukunft wachsen gesehen.

Unser Büro liegt nämlich direkt gegenüber dem Futurium in Berlin-Mitte, und jeden Tag bin ich draußen gestanden mit meinem Kaffee und habe mir die Bauarbeiten angeschaut. Sehr solide. Stahlbeton, Hochleistungsglas. Passt gut in die Gegend. Drinnen gibt es eine Ausstellung über den Einfluss der menschlichen Zivilisation auf die Erde, sehr interessant, muss ich mir vielleicht einmal anschauen.

Diese Koalition will gar nichts mehr

In der Gegend gibt es Stellen, von dort sehen Sie keinen einzigen Baum, keine Wiese, kein Unkraut, nur Beton und Glas. Manchmal, wenn's im Grunewald brennt, weht der Brandgeruch herüber, dann riecht es wie in einer finnischen Sauna. Eigentlich nicht unangenehm. Aber sonst bekommen Sie da nichts mit von der Natur. Das Futurium ist gerade erst eröffnet worden, aber es steht jetzt schon da wie ein Monument aus einer vergangenen Zeit, aus einer Zeit nämlich, in der man sich vorgestellt hat, dass die Zukunft aus Stahlbeton gemacht wird.

Jedenfalls: Als ich gehört habe, dass die dort ihr Klimaschutzpaket vorstellen, da wusste ich schon: Das kann so schlimm nicht werden. Und wurde es dann ja auch nicht. Ich habe mir im Büro die Übertragung von gegenüber angeschaut. Wie sie die ganze Nacht mit sich gerungen haben! Man hätte wirklich denken können, jetzt wird's unangenehm.

Aber wie sich die dann durchgequält haben durch ihre Präsentation, da wurde schon klar: Diese Koalition will gar nichts mehr. Die wollen nur noch irgendwie fertig werden und dabei niemandem wehtun.

"'Fridays for Future' hat uns alle aufgerüttelt", hat Olaf Scholz gesagt, aber ist Ihnen der Enthusiasmus aufgefallen, den dieser Mann ausstrahlt? Haben Sie die Begeisterung gespürt bei Annegret Kramp-Karrenbauer? Den mitreißenden Appell für einschneidende Maßnahmen von der sogenannten Klimakanzlerin Merkel gehört? Ich auch nicht.

Gut, das Autofahren wird irgendwann vielleicht ein bisschen teurer, das Fliegen auch. Aber schauen Sie, jetzt trinken wir hier eine schöne Maß Oktoberfestbier, die kostet dieses Jahr um die elf Euro. Das sind über drei Prozent mehr als letztes Jahr. Das ist teurer als der jetzt festgelegte Preis für den Ausstoß einer Tonne CO2. Bestellt sich deswegen irgendjemand hier keine dritte Maß? Schauen Sie sich doch einmal um.

"Wir machen das weiter so wie bisher"

Nein, wir müssen uns überhaupt keine Sorgen machen, mehr kommt da nicht, das wäre sonst ja fast schon Kommunismus. Denn wie ich gelesen habe, steckt hinter der Forderung nach radikalem Klimaschutz ein Angriff auf unsere freiheitliche Lebensweise. Diese radikalen Klimaschützer planen die Zerstörung unserer marktwirtschaftlichen Ordnung. Das sagt Friedrich Merz, und wenn die müde Merkel erst weg ist, dann sitzen bald wieder Leute wie der an der Macht und endlich kehrt Vernunft ein.

Ganz an der Spitze ist dann bestimmt unser Markus Söder dabei. Der gefällt mir sowieso am besten. Der kann es einfach. Der schafft es sogar, in einem Interview zu behaupten, dass die CSU den Umweltschutz erfunden hat, ohne dass er selbst lachen muss.

Der Söder setzt sich ins Futurium und hält einen rasanten Vortrag über die Verantwortung für die Zukunft. Und dann beendet er seinen Auftritt mit einem Satz, der bei mir hängen geblieben ist. Eigentlich redet er nur über die Windkraft, aber ich habe ihn schon richtig verstanden, und deshalb mache ich mir jetzt gar keine Gedanken mehr: "In Bayern bleiben unsere Regeln bestehen. Wir machen das weiter so wie bisher."

So wird es nämlich sein: Wir werden hier noch sitzen und unsere Schweinswürstel fressen, wenn diese Greta Thunberg schon längst für ihre Rente protestiert. In diesem Sinne: Ein Prosit der Gemütlichkeit!



insgesamt 122 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vici46 23.09.2019
1. Klimaschutz
wie stets bei unseren Politikern, die Bevölkerung soll zahlen und alles tun, für uns - Politiker - gelten diese Regeln aber bitte nicht. Wir prassen mit Geld, der Umweltschutz ist scheiß egal und wir füllen unsere Taschen mit Euros. Diesen Eindruck hat man, wenn man über Flugverhalten etc. der Regierung nachdenkt.
Derwatt 23.09.2019
2. Toller Beitrag.
Ein typischer Kuzmany halt. Der Inhalt hätte auch in drei Sätze gepasst: 1. - das Ergebnis des Klimagipfels ist mir zu wenig; 2. - Bayern mag ich nicht. 3. - Die CSU und das Oktoberfest sind mir suspekt. Nichts als das übliche SPON-MImimi also.
Mibatprj 23.09.2019
3. Der Artikel trifft es
Leider zeigt der Beitrag, das sich eigentlich nichts ändert in den Punkten die für viele wichtig sind. Die Politik als ganzes sollte in Frage gestellt werden, einfach nur Geldverschwendung durch und durch.
Haarfoen 23.09.2019
4. Schweinswürstel fressen
Ja genau. Auch wenn der Markus Söder mit der Stromtrasse und den Windkraftwerken in Verzug ist, haben wir in Bayern jetzt schon "Bienen- Highways". Eine echte Glanzleistung, das ist schon ein Würstel wert!
norgejenta 23.09.2019
5. Naja
immerhin hatte Bayern als erstes Bundesland einen Umweltminister. (1970)...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.