Nikolaus Blome

Klimaschutz und Demokratie Keine Witze über Weltretter

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Klimaschützer wollen das Land blockieren. Sie verachten die Politik und frönen ihrer Moralsucht. Ernst nehmen muss man sie trotzdem.
Als Protest hat eine Aktivistin ihre Hand vor dem Eingang des Deutschen Bauernverbands festgeklebt (im August 2021)

Als Protest hat eine Aktivistin ihre Hand vor dem Eingang des Deutschen Bauernverbands festgeklebt (im August 2021)

Foto: Christoph Soeder / picture alliance / dpa

Mit einigem Staunen habe ich dieser Tage Videos im Netz angeschaut, in denen zu sehen ist, wie sich junge Klimaschützer die Hände am Asphalt festkleben, um große Straßen zu blockieren. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas überhaupt funktioniert. Als kleiner Junge habe ich mir mal Daumen und Zeigefinger mit »Superkleber« zusammengepappt (bitte nicht nachmachen!), das ist meine ganze Erfahrung auf diesem Gebiet. Freundliche Polizisten machen die jungen Leute meist wohl mit einem Pinsel voll Olivenöl los, aber in Berlin musste auch schon jemand mit dem Skalpell vom Asphalt gelöst werden.

Einige Autofahrer unter beruflichem Termindruck fanden die Blockaden allem Anschein nach unmöglich, nicht jeder hat Zeit für Klimarettung, wenn man morgens eh schon spät dran ist. Einige ruppige Szenen haben sich da abgespielt, aber darauf hatten sich die jungen Leute in Rollenspielen vorbereitet, wie man lesen konnte. Zentraler Punkt: sich mit der Klimakrise »emotional zu verbinden«, das stärke Geist und Abwehrkräfte gegen den Unmut der Blockierten und den handfesten Durchgriff der Polizeibeamten.

Nikolaus Blome
Foto:

Daniel Reinhardt / DPA

Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der »Bild«-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender »Bild«-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv.

In manchen Foren und Medien der liberal-konservativen Milieus werden die jungen Leute zu Produkten einer bourgeoisen Wohlstandsverwahrlosung erklärt und bös verspottet, weil ihre Sinnsuche schnöder Selbstzweck sei. Und tatsächlich, der Narrensaum der Klimaschutzbewegung wird zusehends breiter, aber eine politische Kritik, die sich allein an kindischem Gehabe oder Geweine ergötzt, macht es sich zu einfach. Wenn es darum geht, was diese Proteste in der Sache bringen sollen, dann ist ebenso zu fragen, was diese Witze in der Sache bringen sollen, capisce? Darum heute mal keine Witze über Weltenretter.

Klimakrise, das sind auch Hunderte Millionen Menschen, die der ökonomische Wachstumsimperativ aus der absoluten Armut geholt hat.

Ich spreche also niemandem die Inbrunst der individuellen Überzeugung ab, wonach es gleichsam fünf nach zwölf für die Rettung der Welt vor dem Hitzetod sei und die Politik so ignorant wie pflichtvergessen. Dennoch muss erlaubt sein, beides zu hinterfragen: die Inbrunst und die Überzeugung, schließlich ist die Stichhaltigkeit von Zielen nicht danach zu bewerten, mit welchem Eifer sie verfolgt werden. Wir hören ja gerade nicht dem Lautesten am Tisch zu, nein, wir sagen, er soll gefälligst normal reden oder die Klappe halten.

Klimakrise

Lesen Sie mehr über die neuesten Entwicklungen, Hintergründe und spannenden Lösungsansätze in unserem Themenspezial.

Alle Artikel

Die Lautstärke dieser Gruppen ist ihre hermetisch stille Ernsthaftigkeit der Überzeugung, und das klingt nur paradox. Die absolute Unausweichlichkeit einer lokal wie global unendlich vielfältig beeinflussten Entwicklung bis weit in die Mitte dieses Jahrhunderts, das ist der Kern dieser Überzeugung, die ausschließlich wissenschaftliche Studien und ihre Interpretation zur Kenntnis nimmt. Politische Kritik oder neue Ideen oder gesellschaftlicher Optimismus dringen nicht durch, weil sie sich vermeintlich selbst disqualifizieren: Denn sie stammen nicht selten von Menschen wie mir, die nicht mehr so lange auf diesem Planeten wandeln werden wie die jungen Leute. In dieser Denke ist Selbstreflexion Schwäche im Glauben und Selbstkritik immer nur etwas für die anderen, die den Klimawandel bis hierhin auf dem Gewissen haben und allein deswegen nicht mehr mitreden dürfen.

Aber so läuft das nicht in der Demokratie.

Klimakrise ist nicht abstrakt. Klimakrise, das sind auch Hunderte Millionen Menschen, die der ökonomische Wachstumsimperativ zum Beispiel in China aus der absoluten, hungertodnahen Armut geholt hat. Klimakrise, das ist, wenn jeder und jede auf dem Planeten durch Wachstum eine gleiche Chance auf eine unbeschwerte Kindheit, eine Schule, eine Arbeit und ein langes Leben haben soll. Und ja, Klimakrise kann, wenn es schiefgeht, auch genau das Gegenteil werden. Dieser Widerspruch macht es so politisch kompliziert, aber die Klimaschützer wollen es einfach haben und das um jeden Preis. Was da nicht passt, wird unter Hashtags wie #VollgasindieKrise von weltrettungsmoralisch ganz oben plattgemacht. Sollen die Leute doch mit Kuchen heizen, wenn sie kein Brot haben.

Auch wenn ich schon lange über Politik berichte, wie sie üblicherweise gemacht wird, habe ich meinen Respekt davor nicht verloren, viele der Blockierer hingegen schon. Dabei ist es ebendieser Politik zum Beispiel gelungen, das Ozonloch wieder zu schließen, den Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln oder den CO₂-Ausstoß in Deutschland um 40 Prozent (seit 1990) zu reduzieren.

Wenn man befürchtet, dass Demokratien nicht in der Lage sind, den Klimawandel in den Griff zu kriegen, soll man dann lieber die Demokratie abschaffen?

Wenn die radikalen Klimaschützer ihre eigenen Warnungen und Szenarien ernst nehmen, müssten sie dafür sorgen, dass wir in ganz wenigen Jahren auf CO₂-null in Deutschland kommen. Doch das geht in keinem Fall mit dem Bundestag, das geht bestenfalls mit der Bundeswehr.

Und darum komme ich zu einer Frage an alle Klimaschützer, von mild bis wild: Wenn man trotzdem (wie sie) bis ins Innerste befürchtet, dass Demokratien nicht in der Lage sind, den Klimawandel in den Griff zu kriegen, soll man dann lieber die Demokratie abschaffen? Bernd Ulrich von der »Zeit« hat die Frage vor einiger Zeit bei einem Radiogespräch  mit Jakob Augstein verneint, bevor sie ihm gestellt wurde. Sinngemäß sagte er, dass er im Zweifelsfall lieber mit der Demokratie in den Untergang sehe. Ich gestehe zu meiner Schande: Ich war mir nicht sicher, dass er das so klar sagen würde, denn viele ähnlich Bewegte drücken sich darum – und das ist ihre Schande.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.