Podcast "Stimmenfang" Mal ehrlich, wie viel tun Sie für den Klimaschutz?

Wir haben unsere Podcast-Hörer gefragt, was sie persönlich unternehmen, um das Klima zu schützen. Die Antwort: erstaunlich viel. Aber wie stark kann der Einzelne seinen CO2-Fußabdruck reduzieren - und wo muss die Politik ran?

Ein Podcast von und


Stimmenfang #107 - Mal ehrlich, wie viel tun Sie für den Klimaschutz?

Wie viel kann der Einzelne überhaupt gegen den Klimawandel tun, und wo muss die Politik die Rahmenbedingungen setzen? Mit dieser Frage setzen wir uns in der neuen Podcast-Episode auseinander. Unsere Hörer erzählen, wie sie persönlich ihren Alltag verändert haben. Fritz Reusswig vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hat kürzlich ein Reallabor genau zu dieser Frage geleitet und verrät, wo man an seine Grenzen kommt.

Und im Stimmenfang-Studio erklärt David Böcking aus dem SPIEGEL-ONLINE-Wirtschaftsressort, warum die Politik beim Thema CO2-Steuer hadert, wieso die Abgabe so umstritten ist und warum eine Ausweitung des Emissionshandels möglicherweise das geeignetere Mittel zum Klimaschutz ist.

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Das vollständige Transkript

[00:00:02] Yasemin Yüksel Willkommen zu "Stimmenfang", dem Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Ich bin Yasemin Yüksel.

[00:00:10] Yasemin Yüksel ANZEIGE: "Stimmenfang" wird heute präsentiert von Audi. Denn es gibt wieder eine neue Folge von "Die Zukunft ist elektrisch". Audi stellt in dem Podcast das Erleben von Elektromobilität in den Vordergrund und spricht mit Experten und Nutzern über wissenswerte Aspekte der E-Mobility. In der aktuellen Folge "Computer auf Rädern" geht es um die Vernetzung von E-Autos in der Zukunft. Außerdem spricht das Team mit der Initiative EEBUS. Sie arbeitet an herstellerunabhängigen Modellen, die eine Kommunikation zwischen intelligenten Netzen, Verbrauchern und Erzeugern regenerativer Energien ermöglichen sollen. Reinhören lohnt sich also! Den Podcast "Die Zukunft ist elektrisch" finden Sie unter www.audi.de/e-tron-podcast und auf allen gängigen Podcatchern.

[00:00:55] Wenn die Politik schon überhaupt nichts für den Klimaschutz übernimmt, dann versuche ich wenigstens das Beste zu geben. Das hat uns kürzlich ein "Stimmenfang"-Hörer geschrieben. Wir hatten vor ein paar Wochen ja mal wieder zu einem Hörer-Aufruf eingeladen und nach ihren Meinungen zum Thema Klimawandel gefragt.

[00:01:10] "Stimmenfang"-Hörer Ja, einen wunderschönen Freitagmorgen wünsche ich an die Redaktion oder wer auch immer das abhört. Hallo, liebe Sandra und Yasemin Ich habe gerade eure Folge vom letzten Donnerstag gehört und wollte eurem Hörer-Aufruf mal folgen. Da ging es ja um die Frage, was wir als Hörer bereit sind beziehungsweise, was jeder von uns bereit ist zu tun, um gegen den Klimawandel vorzugehen; beziehungsweise, ob sich das Verhalten in den letzten Monaten geändert hat.

[00:01:39] Yasemin Yüksel In dieser Folge von "Stimmenfang" werden wir nun Ihre Geschichten hören. Sie, unsere Podcast-Hörerinnen und -Hörer haben uns erzählt, welche Konsequenzen Sie ganz persönlich aus dem Klimawandel ziehen.

[00:01:49] "Stimmenfang"-Hörer In der Regel ist es so, dass wir von Montag bis Freitag versuchen auf Fleisch und ähnliches zu verzichten. Ich habe jetzt auch - seit das so ein großes Thema geworden ist - keine große Flugreise mehr gehabt. Unsere Zahnbürsten sind aus Holz. Mir ist es so ein bisschen peinlich, um ehrlich zu sein, aber ich hab halt so bestimmt drei Jahre jetzt durchgehend immer zur Schule solche Plastikflaschen, als so kleine Fläschchen, so 0,5/0,25 Liter, keine Ahnung mitgenommen. Wo ich mir im Nachhinein so denke: "Och, Annika, warum hast du das die ganzen Jahre so durchgezogen? Du hättest viel früher einfach eine normale Flasche benutzen können." Was ich in den letzten Monaten in meinem Leben verändert habe, ist eigentlich so ziemlich alles, was mein Konsum anbelangt.

[00:02:33] Yasemin Yüksel Aber bevor wir so richtig ins heutige Thema einsteigen, will ich erst mal "Danke" sagen an alle Hörerinnen und Hörer, die uns diesmal WhatsApp-Nachrichten geschickt oder E-Mails geschrieben haben. Sandra Sperber und mir, hier in der "Stimmenfang"-Redaktion sind diese Podcast-Episoden, an denen Sie mitwirken, unheimlich wichtig. Von daher: Machen Sie bitte gerne weiter mit, wenn wir Fragen stellen und an Ihren Geschichten teilhaben wollen. In unserer Mailbox sind diesmal Nachrichten von Schülerinnen und Schülern gelandet - die Jüngste war erst 14 Jahre alt. Es haben sich Studenten bei uns gemeldet, junge Familien. Unsere Hörer kennen sich nicht, sie leben in unterschiedlichen Gegenden in Deutschland. Manche beschreiben ihre Lebensumstände als privilegiert, andere müssen aufs Geld achten. Aber sie alle haben eins gemeinsam: Sie nehmen den Klimawandel ernst. Er macht ihnen Angst und darum haben sie - jeder für sich - ganz konkret angefangen ihren Alltag zu ändern.

[00:03:21] "Stimmenfang"-Hörer Sebastian Ich habe früher auch nie darüber nachgedacht, eine Plastiktüte beim Obst und der Verpackung zu nehmen und lass das alles weg inzwischen. Ich kaufe schon generell gar keine kein Gemüse mehr das irgendwie in Plastik verpackt ist, weil ich das gar nicht einsehe. Ich habe angefangen, da einfach umzudenken, weil mir das widerstrebt.

[00:03:44] Yasemin Yüksel Das ist "Stimmenfang"-Hörer Sebastian. Er ist 25 und hat sich in den letzten Monaten mitreißen lassen von Fridays for Future, dem Rezo-Video, den vielen Medienberichten zum Klimawandel.

[00:03:54] "Stimmenfang"-Hörer Sebastian Also, mir ging es so - wie ich das gelesen habe - habe ich mir einfach nur gedacht: Um Himmels Willen, wo soll denn das nochmal hinführen? Da wird einem richtig schlecht! Viele sagen halt: Ich mache da einfach die Augen vor zu. Und ich denke mir so: Weggucken, finde ich, ist überhaupt keine Lösung.

[00:04:07] Yasemin Yüksel Sebastian fragt sich, ob das, die Welt ist, in der er Kinder bekommen will. Und er hat darum entschieden, noch einen Schritt weiter zu gehen.

[00:04:13] "Stimmenfang"-Hörer Sebastian Mein letzter Schritt war letztendlich dann auch, dass ich jetzt den Grünen beigetreten bin. Weil ich das unterstützen will, dass das in eine richtige Richtung weiterläuft.

[00:04:22] Yasemin Yüksel In eine Partei eintreten aus Klimaschutzgründen. In dieser Entscheidung wird sich vielleicht nicht jeder wiederfinden. Aber worüber eigentlich alle unsere Podcast-Hörer berichtet haben, ist, dass und wie sie ihren privaten Konsum verändert haben - zum Beispiel Lotta, die in Tübingen studiert.

[00:04:36] "Stimmenfang"-Hörerin Lotta Und wir wohnen mit 53 Leuten in einem Haus. Und Klimaschutz, Plastik, Fleischkonsum ist alles ziemlich großes Thema und ich wollt euch einfach mal sagen, was wir so bei uns im Haus versuchen dafür zu tun. Also, ich bin selbst - seitdem ich hier im Oktober angefangen habe zu studieren - Vegetarierin. Ich versuche auch auf andere Tierprodukte zu verzichten, also keine Eier, keine Milch, sondern irgendwie Hafermilch oder Soja-Joghurt.

[00:05:07] Yasemin Yüksel Mit ihren Kommilitonen gemeinsam hat Lotte außerdem begonnen, beim Einkauf verstärkt auf Ressourcen zu achten.

[00:05:12] "Stimmenfang"-Hörerin Lotta Und was wir mit der Gemeinschaft irgendwie auch dafür tun, ist dass wir so einen Grundstock an Nahrungsmitteln - also Nudeln, Reis, Mehl, Zucker, Salz, Pfeffer, Gewürze, Zwiebeln, Knoblauch -, dass wir sowas alle zusammenkaufen, also nicht jeder einzeln verpackt. Und dann kaufen wir das auch bei einem Unverpackt-Laden bei uns aus Tübingen. Wir bekommen alles so, Zucker, Mehl, Reis bekommen wir in Papier-Verpackungen und dann eben zum Beispiel Haferflocken im 25 Kilo-Sack und Nudeln im 5 Kilo-Sack. Leider trotzdem in Plastik verpackt, aber eben eine große Verpackung, statt tausend kleine.

[00:05:52] Yasemin Yüksel Jetzt kann man sagen: Gut, junge Leute im Studentenwohnheim, Tübingen, ein Wahlbezirk, in dem die Grünen weit vorne liegen - klar, dass die sich für den Klimaschutz engagieren. Aber auch in ländlicheren Regionen findet das Thema ein Echo. Hier ist zum Beispiel Marco. Der Familienvater hat drei Kinder und wohnt in Bayern.

[00:06:08] "Stimmenfang"-Hörer Marco Ich lebe tatsächlich in der Hochburg der CSU - also laut Süddeutsche Zeitung-Grafik, die kurz nach der Europawahl rausgegeben wurde, gab es in keinem Bereich mehr Stimmen für die Unionsparteien als hier in Straubing-Bogen. Ich muss jetzt fairerweise dazu sagen: Straubing, Landkreis Niederbayern, da gibt es noch Bereiche, da sitzen auch die Menschen noch Geschlechter getrennt in der Kirche. Also, die sind vom ganz alten Schlag.

[00:06:34] Yasemin Yüksel Marco selbst hat bei der Europawahl "Die Partei" gewählt und ist inzwischen auch als Mitglied aktiv. Umwelt, Nachhaltigkeit, Ressourcen. In seinem Haushalt begann das Umdenken schon etwa zwei Jahre bevor die ersten Schüler freitags für mehr Klimaschutz protestierten.

[00:06:48] "Stimmenfang"-Hörer Marco Tatsächlich begann das bei uns mit der Umstellung auf umweltbedachteres Leben ein, zwei Jahre vor Fridays for Future. Aber sehr langsam, also schrittweise. Wir haben angefangen weniger Fleisch zu essen. Aktuell ist es so, dass wir - wenn jetzt im Sommer ein Feiertag dazwischen ist und wir können zum Grillen rausgehen - dann schneiden wir nicht nur die Paprika klein; sondern dann gibt's halt auch Fleisch auf dem Grill. Aber in der Regel ist es so, dass wir tatsächlich von Montag bis Freitag versuchen auf Fleisch und ähnliches zu verzichten. Und Plastikvermeidung: Wir haben schon sehr früh wieder umgestellt, Glasflaschen zu kaufen. Gelbes Limo schmeckt aus der Glas-Flasche sowieso besser, also insofern war das ein Plus. Was noch... Plastik generell zu vermeiden, wenn es geht. Wir haben jetzt keine Dusch-Produkte zum Beispiel jetzt mehr in der herkömmlichen Form, sondern sind auch wieder auf Seife, Haarseife, und so weiter umgestiegen. Das ist die erste Zeit etwas ungewohnt, auch für den Körper. Aber mittlerweile wüsste ich keinen, der da noch einen Unterschied erkennen würde. Unsere Zahnbürsten sind aus Holz. Da hat tatsächlich was stattgefunden.

[00:08:00] Yasemin Yüksel Das älteste von Marcos drei Kindern ist schon schulpflichtig, darum machen er und seine Frau sich sehr konkrete Gedanken, wie es mit dem Planeten und wie es mit den Schüler-Demos so weitergeht.

[00:08:10] "Stimmenfang"-Hörer Marco Meine Frau hat mich gefragt: Was würdest du jetzt sagen - die Große geht inzwischen in die Schule - was würdest du sagen, wenn sie jetzt sagen würde, sie möchte teilnehmen? Da habe ich gesagt, dann würde ich sofort die Entschuldigung schreiben, dass sie nicht am Unterricht teilnehmen kann. Ich bin großer Fan von der Aktion und ich finde es erschreckend und peinlich, dass meine Generation - ich bin jetzt 40 -, dass meine Generation das nicht viel eher schon aufgegriffen hat; dass wir damals einfach so dahin gelebt haben, die Informationen gewusst haben; jetzt über die letzten Jahre über Social Media immer ganz tolle Spruch-Bildchen und Fotos und Videos gezeigt haben, wie schlimm es doch auf der Erde in manchen Gebieten aussieht, aber letzten Endes... Wir haben damit abgeschlossen und somit war das Thema für uns erledigt.

[00:08:57] Yasemin Yüksel Thema erledigt? Das gilt nicht für "Stimmenfang"-Hörer Sinan. Auch er hat seinen Konsum umgestellt. Er ist nicht mehr nur Vegetarier, sondern vegan und kauft sehr bewusst ein.

[00:09:07] "Stimmenfang"-Hörer Sinan Ich versuche so nachhaltig wie möglich und auch so plastikfrei wie möglich, zu konsumieren -was nicht gerade einfach ist. Alles im Supermarkt ist in Plastik eingepackt. Wenn man nicht gerade mehr zahlen kann oder mehr zahlen möchte, ist man dazu gezwungen in Plastik verpackte Sachen zu konsumieren.

[00:09:28] Yasemin Yüksel Trotzdem versucht Sinan alles im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er denkt daran das Licht auszumachen, Wasser einzusparen, schaut ob Nahrungsmittel schon einmal über den halben Erdball geflogen wurden, bevor sie im Regal seines Supermarkts ankommen. Für ihn ist das inzwischen normal, aber:

[00:09:42] "Stimmenfang"-Hörer Sinan Das sind Sachen, die jeder Einzelne machen kann. Aber dann gibt es natürlich auch noch den Faktor, wo man sagen muss: Okay, das ist so weit, wie ich das machen kann. Was geschieht eigentlich politisch? Da müssen wir uns mal wirklich die Umweltpolitik der Union und der SPD, also der Regierungsparteien der letzten Jahre, anschauen und sagen: Wenn es so weitergeht, werden wir bald keine Welt mehr haben, in der wir leben können.

[00:10:10] Yasemin Yüksel So weit kann ich als Einzelner gehen, aber was geschieht politisch? Diese Frage, die Sinan hier aufwirft, fand ich sehr treffend und ich habe sie mitgenommen zu einem Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Professor Fritz Reusswig ist dort Soziologe und hat für das Institut kürzlich das Projekt "Klimaneutral Leben" geleitet.

[00:10:32] Yasemin Yüksel (Türklopfen) Hallo, guten Morgen!

[00:10:32] Professor Fritz Reusswig Wir haben in Berlin ein sogenanntes Real-Labor durchgeführt, das heißt wir haben 100 Haushalte gesucht, die über ein Jahr lang ihren CO2-Fußabdruck getrackt haben, also aufgenommen haben jede Woche, in allen möglichen Bereichen - von der Ernährung über die Mobilität bis zur Energie - und dann versucht haben, den zu reduzieren in diesen Bereichen. Und das haben sie auch geschafft. Wir haben ein Jahr lang das durchgeführt und wir haben im Schnitt zehn Prozent/ elf Prozent haben die Haushalte reduziert.

[00:11:00] Yasemin Yüksel Ein um zehn bis elf Prozent niedrigerer CO2-Fußabdruck. Für die 100 Haushalte aus Reusswigs Real-Labor war das ein ziemlicher Erfolg. Mitgemacht haben jüngere und ältere Singles und Familien, Wohngemeinschaften.

[00:11:12] Professor Fritz Reusswig Was mir besonders wichtig ist, ist, dass die Einkommen-Streuung relativ hoch ist. Das heißt, wir haben Haushalte, die tatsächlich Zwei-Verdiener-Haushalte sind. Das sind die besserverdienenden Haushalte, teilweise auch von den Berufen her. Wir haben auch eine ganze Menge Haushalte, Rentner-Haushalte oder Single-Haushalte, auch Transfereinkommensbezieher-Haushalte, wo die Einkommenssituation eher schlecht ist, was ich politisch ein wichtiges Signal finde, nach dem Motto: Klimaschutz ist nur was für Reiche. Das konnten wir mit dem Projekt widerlegen.

[00:11:39] Yasemin Yüksel Mit Hilfe aus dem Projekt haben die Haushalte zwölf Monate lang ihre Ernährung umgestellt. Sie waren anders mobil, sind zum Beispiel häufiger Rad gefahren, haben anders geheizt, ihren Stromanbieter gewechselt. Und am Ende landeten die Teilnehmer des Real-Labors bei durchschnittlich 7,8 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr.

[00:11:56] Professor Fritz Reusswig Der Bundesdurchschnitt liegt bei 11,5 Tonnen pro Kopf und Jahr an CO2. Unsere Haushalte sind irgendwas mit 8,nochwas Tonnen gestartet und sind jetzt bei 7,nochwas gelandet. Wir sind also sozusagen jetzt ein Drittel am Ende unter dem Bundesdurchschnitt gelandet. Das finde ich eigentlich ein schönes Ergebnis, weil es zum Beispiel schon besser ist als das Ziel der Bundesregierung bis 2020, 20 Prozent einzusparen.

[00:12:17] Yasemin Yüksel Ein klimaneutralerer Alltag ist für jeden Einzelnen also zu schaffen. Eine Teilnehmerin, erzählt mir Reusswig, hat sogar 40 Prozent ihrer CO2-Emissionen reduziert.

[00:12:27] Professor Fritz Reusswig Das war eine sehr engagierte Frau in dem Fall. Zum Beispiel hat sie im Winter ihren Kühlschrank ausgeschaltet und die Dinge draußen gelagert auf dem Balkon. Jetzt braucht man einen Balkon. Jetzt braucht man eine gewisse Sicherheit, dass es immer kalt ist. Bei der globalen Erwärmung ist das langfristig keine Lösung. Aber das ist ein Beispiel dafür, dass man durch sozusagen radikale Maßnahmen das durchaus erreichen kann.

[00:12:50] Yasemin Yüksel Die Frau ohne Kühlschrank war insgesamt sehr engagiert und hat es mit einer ganzen Reihe von Maßnahmen am Ende geschafft ihren CO2-Ausstoß auf nur etwa vier Tonnen pro Jahr zu reduzieren. Reusswig ist klar: Dieses extreme Beispiel wird vermutlich eher nicht Schule machen.

[00:13:04] Professor Fritz Reusswig Ich würde mal sagen: Es ist unter aktuellen Rahmenbedingungen möglich bis auf sowas wie vier Tonnen zu kommen. Das ist mit wehtun. Ohne wehtun, würde ich sagen, ist auf jeden Fall diese 7,5, die wir erreicht haben in unseren Haushalten. Das würde ich schon sagen im Schnitt. Das tut jetzt überhaupt nicht weh. Da braucht es ein paar Aufmerksamkeiten bei Änderungen von Gewohnheiten. Dann schafft man das.

[00:13:27] Yasemin Yüksel Wie und wo jeder Einzelne bereit ist seinen Alltag zu verändern, ist natürlich individuell sehr verschieden. Es gibt aber einen Punkt, der besonders kritisch ist. Das sagt der Wissenschaftler Reusswig und das sagen auch unsere Podcast-Hörer.

[00:13:39] Professor Fritz Reusswig Ein schwieriges Thema ist das Thema Fliegen, weil die Emissionen des Flugverkehrs, die werden unterschiedlich berechnet. Es ist nicht so ganz trivial. Das ist nicht einfach nur der Treibstoffverbrauch, das sind auch die Trails und die Effekte, in der oberen Atmosphäre. Deswegen gibt es da unterschiedliche Berechnungsmethoden. Aber alle kommen mehr oder weniger zum Ergebnis, dass es ein heftiger Emissions-Anteil ist und eine Frau zum Beispiel ist in dem Jahr, in dem sie das gemacht hat, nicht nach Spanien geflogen, sondern im Zug nach Spanien gefahren. Natürlich, ich bin Bahnler-Sohn, ich bin ein Fan der Bahn, aber wenn ich versuche eine Europa-Reise mit der Bahn zu organisieren, dann ist das ein sehr schwieriges Unterfangen.

[00:14:14] Yasemin Yüksel Möglicherweise nicht nur schwierig, weil sehr wahrscheinlich viel zeitintensiver und mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar teurer.

[00:14:20] Professor Fritz Reusswig Ist teurer, auf jeden Fall teurer. Genau, es ist also ein Opfer, wenn ich das bringe. Es ist ein Riesenaufwand Es kostet mehr Geld und man kann es dauerhaft ohne Veränderung des Emissionshandelssystem und so weiter, kann man das nicht bearbeiten.

[00:14:34] Yasemin Yüksel "Stimmenfang"-Hörerin Lotta zum Beispiel, die am Anfang der Episode schon mal vorkam, erzählt zum Thema Fliegen:

[00:14:38] "Stimmenfang"-Hörerin Lotta Ich habe jetzt auch - seitdem das so großes Thema geworden ist - keine große Flugreise mehr gehabt. Also, das ist so die eine Einschränkung, auf die ich, glaube ich - das ist natürlich das Schlimmste auch - nicht so richtig gut drauf verzichten kann, weil ich super, super gerne reise. Und jetzt nächstes Jahr auch zum 30. Geburtstag von meinem Bruder eine Familien-Reise nach Norwegen geplant ist und meine Eltern müssen arbeiten, mein Bruder auch, ich muss studieren irgendwie... Da funktioniert das nicht mit irgendwie Zug und Bus anzureisen, weil wir dann wahrscheinlich die Zeit, die wir Urlaub hätten mit der Anreise beschäftigt wären. Das ist so ein bisschen die eine Einschränkung. Da weiß ich nicht genau, wie gut ich darauf verzichten kann, aber ich werde es natürlich versuchen zu vermeiden.

[00:15:22] Yasemin Yüksel Und "Stimmenfang"-Hörerin Elena hat uns in einer Mail geschrieben: "Hallo, liebes "Stimmenfang"-Team. Im Folgenden eine Antwort auf Ihre Frage aus dem letzten Podcast. Letzten Sommer brachte DER SPIEGEL eine Ausgabe mit dem Titel "Der Sommer, der nie endet". Ab dem Moment und auch zusammen mit dem wahnsinnigen Dürre-Sommer bekam der Klimawandel eine ganz neue Priorität in meinem Leben. Ich schämte mich für vergangene Flüge, die ich auch leicht mit der Bahn hätte fahren können. Weitere Flüge kompensierte ich mit Atmosfair, wobei das natürlich auch keine Lösung ist. Soweit der Ausschnitt aus Elenas Mail, die sie in die Redaktion geschickt hat. Ich persönlich finde ja, der Begriff "Flugscham" ist zutreffend und unpassend zugleich. Der Einzelne schämt sich, weil er ein klimaschädliches Fortbewegungsmittel nutzt. Aber müsste sich nicht eigentlich die Politik schämen, weil sie es zulässt, dass Fliegen billiger ist als Bahnfahren; dass Bahnfahren nicht deutlich attraktiver und darum ganz selbstverständlich zum Mittel der Wahl auf kurzen und mittleren Strecken wird? Auch in Professor Reusswigs Real-Labor war das Fliegen ein Riesenthema. Er sagt ganz klar: Die Verantwortung muss, was das Fliegen angeht, weg vom einzelnen hin zur Politik.

[00:16:26] Professor Fritz Reusswig Hier muss es eine politische Lösung geben und es gibt ja auch Möglichkeiten. Wir haben schon die Möglichkeit mit Elektro-Flugzeugen, da wird auch experimentiert und es wird natürlich auch mit alternativen Antrieben, zum Beispiel Algen-basiertes Kerosin, erneuerbares Kerosin oder solar-erzeugtes Kerosin. Der Punkt ist der: Solange der Flugverkehr nicht seine Folgekosten, seine Umweltkosten internalisiert bekommt, gibt es gar keinen wirtschaftlichen Anreiz, dass diese Experimente schnell technisch umgesetzt werden. Das heißt, hier gibt es langfristig erst einmal ohne die Politik keine Lösung. Weil die Lösung würde lauten: Macht keinen Schüleraustausch mit Australien oder Neuseeland. Und wir wollen umgekehrt ja, dass unsere Kinder die Welt kennenlernen, die jungen Leute wollen das eh. Das ist ein großes Dilemma. Das sehen Sie auch, wenn Sie mit Fridays for Future diskutieren, die im Übrigen auf Flüge verzichten. Aber es ist langfristig keine Lösung, dass wir sagen: Wir machen eine Welt, die sich nicht mehr persönlich kennt, nur weil wir so dumm sind, die falschen Antriebe zu machen.

[00:17:23] Yasemin Yüksel Ich war ja mit der Ausgangsfrage zu Reusswig gegangen: Wie viel kann der Einzelne leisten und was muss die Politik tun? Der Soziologe sagt dazu:

[00:17:31] Professor Fritz Reusswig Unser Projekt "Klimaneutral Leben in Berlin" (KLiB) hat gezeigt, dass die Menschen ohne Verrenkungen tatsächlich deutliche Einsparungen erzielen können. Das Projekt hat aber auch gezeigt, dass wir, wenn wir an bestimmte Emissionsreduktionen denken, an Grenzen kommen des persönlichen Handelns. Und an der Stelle muss die Politik eintreten. Unsere Haushalte haben das auch sehr deutlich formuliert. Beispielsweise haben sie neben einer CO2-Steuer auch den Abbau von umwelt- und klimaschädlichen Subventionen gefordert. Und das finde ich systematisch gesehen auch einen sehr wichtigen Beitrag zur aktuellen CO2-Steuer-Diskussion, die ein wenig zu sehr über zusätzliche Belastungen und etwas zu wenig über systemische Reformen nachdenkt.

[00:18:10] Yasemin Yüksel Die CO2-Steuer. Es gibt aktuell wohl kaum ein klimapolitisches Thema, über das so heftig gegrübelt und gestritten wird.

[00:18:17] Einspieler In der CDU wird nun doch darüber diskutiert den Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases CO2 mit einer Steuer zu belegen. Die Wirtschaftsweisen bei der Bundeskanzlerin. CO2-Ausstoß muss teurer werden. Das haben sie auf mehr als 100 Seiten zusammengetragen.

[00:18:33] Angela Merkel Dazu wird es noch breite Diskussionen geben. Das sind keine einfachen Entscheidungen. Wir wollen sie bis Ende September in der Bundesregierung treffen.

[00:18:42] Einspieler Bundesumweltministerin Svenja Schulze will, dass der Ausstoß von CO2 künftig teurer wird.

[00:18:48] Svenja Schulze (SPD) Aus meiner Sicht kann eine sozial-ausgeglichene CO2-Besteuerung da mithelfen.

[00:18:53] Yasemin Yüksel Ich habe darum meinen Kollegen David Böcking aus der SPIEGEL ONLINE-Wirtschaftsredaktion zu mir ins "Stimmenfang"-Studio eingeladen. Hallo, David.

[00:19:00] David Böcking Hallo, Yasemin.

[00:19:00] Yasemin Yüksel Ich weiß jetzt schon, es wird gleich oft der Satz kommen: "Es ist kompliziert". Aber ich bleibe trotzdem vorsichtig optimistisch, dass ich mit deiner Hilfe besser verstehen werde: warum ist diese CO2-Steuer so wichtig, so kompliziert? Was ist überhaupt diese CO2-Steuer? Was soll sie leisten?

[00:19:14] David Böcking Wir haben ja gerade gehört, das eine ist der Versuch CO2 über persönliches Verhalten einzusparen, was sicher wichtig ist, aber eben auch Grenzen hat. Und da setzt die Idee einer CO2-Steuer an. Nämlich insofern, dass man sagt: Wir müssen diesem Gut, von dem wir ja nur noch eine begrenzte Menge ausstoßen wollen, einen Preis geben. Weil wir wollen, dass es nur noch in Grenzen ausgestoßen wird. Und da kommt dann eine CO2-Steuer oder - ganz korrekt -CO2-Abgabe ins Spiel, womit man genau das versuchen würde, nämlich eben einen Preis zu definieren und den dann auch auf alle möglichen Arten von Gütern zu erheben.

[00:19:50] Yasemin Yüksel Das heißt also erstmal klingt es ja sehr einleuchtend. CO2-Emissionen ist schädlich, viel CO2-Emissionen ist sehr schädlich. Das heißt, warum also nicht mit einer Steuer versuchen, den CO2-Ausstoß möglichst unattraktiv zu machen.

[00:20:03] David Böcking Ja. Grundsätzlich halte ich das auch für einen sinnvollen Ansatz. Zu den Alternativen kommen wir ja wahrscheinlich noch. Die große Frage ist bei allen Ansätzen: Wird es denn wirklich gelingen damit auch den CO2-Ausstoß zu reduzieren? Das ist ja genau das Ziel davon. Und da ist bei einer Steuer die große Frage, ab wann führt denn diese Steuer dazu, dass tatsächlich auch weniger CO2-intensive Waren oder Dienstleistungen genutzt werden. Und das weiß man einfach nicht so genau. Der Chef der sogenannten Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, hat letzte Woche bei der Vorstellung eines Gutachtens zu dem Thema gesagt: Das ist wie Topfschlagen diesen Preis zu finden.

[00:20:38] Professor Christoph Schmidt - Vorsitzender der Wirtschaftsweisen Wir haben in unseren Rechnungen bei den Verteilungswirkungen 35 Euro die Tonne eingestellt. Denn, wenn man mal keinen Preis nennt, kann man da keine Berechnungen durchführen. Aber man muss sich, wir müssen uns alle klarmachen, dass ist wie beim Topfschlagen. Es ist nicht sicher, ob Sie damit wirklich ziemlich gut auf die richtige Stelle treffen werden. Deswegen unserer Forderung, das als lernendes System zu begreifen und die Frage nach dem Pfad ist genauso verständlich wie nicht zu beantworten.

[00:21:05] Yasemin Yüksel Das heißt konkret nochmal für den Laien: Wo genau ist der Haken an dieser ganzen Debatte um eine CO2-Abgabe?

[00:21:12] David Böcking Ich sehe zwei Haken. Das eine ist die Frage: Wie kriegen wir es tatsächlich reduziert? Schafft es diese Abgabe dann auch wirklich, dass weniger CO2 - und zwar deutlich weniger CO2 -ausgestoßen wird? Der zweite Haken ist einfach, dass damit das überhaupt funktionieren kann, muss es an irgendeiner Stelle ja wehtun. Also wenn diese Steuer nur ein paar Promille ausmacht, wird sie nichts ändern. Sprich: an irgendeiner Stelle wird es teurer werden müssen. Und es ist quasi an keiner Stelle erst mal ein Gewinnerthema für die Politik. Gleichzeitig ist aber klar: Der Druck ist deutlich gestiegen und auch innerhalb der EU drohen uns Strafen, wenn wir unsere CO2-Ziele verfehlen. Insofern ist klar, es muss etwas geschehen, aber ist die Frage, wer muss am meisten darunter leiden am Ende.

[00:21:55] Yasemin Yüksel Wie könnte denn dann aber eine Alternative zu einer CO2-Abgabe, einer CO2-Steuer, aussehen? Wenn wir also sehen, es ist alles irgendwie schwierig. Wie hoch wäre die dann und wie wirksam ist sie? Wo könnten Alternativen sein?

[00:22:08] David Böcking Also, ich sag' jetzt mal, die unangenehme Alternative ist natürlich, man arbeitet mit massiven Verboten. Und der Gesetzgeber greift eben nicht nur über so ein Marktmechanismus ein, sondern sagt einfach: Dies und jenes machen wir nicht mehr. Da haben wir ja gesehen beim Kohleausstieg, - der ist jetzt grundsätzlich beschlossen - aber wir haben gesehen, wie wahnsinnig schwierig das war und auf wie viel Widerstand stößt. Eine andere eben auch eher marktwirtschaftliche Alternative ist der Emissionshandel.

[00:22:33] Yasemin Yüksel Emissionshandel muss ich sofort einhaken, David. Das musst du uns erklären.

[00:22:36] David Böcking Bei der CO2-Steuer geben wir ja dem CO2 direkt einen Preis. Wir sagen die Tonne soll - was weiß ich - 50 Euro kosten. Das rechnen wir jetzt in alle entsprechenden Strom-, Mineralölsteuern et cetera rein. Beim Emissionshandel hat man einen anderen Weg gewählt. Man hat gesagt: Wir haben eine bestimmte maximal Menge an CO2, die wir emittieren wollen. Dafür gibt es Zertifikate. Jemand, der das imitieren will, muss für die Zertifikate kaufen. Und die können untereinander gehandelt werden und darüber bildet sich dann eben dafür ein Preis. Und das gibt es in der EU schon eine ganze Weile. Aber eben nur für große Konzerne die viel CO2-Ausstoß haben und für Kraftwerke. Und es hat bislang nicht sehr gut funktioniert, unter anderem weil es viel zu viele Zertifikate gab und die anfangs kostenlos waren. Und es gibt eben die Idee den auszuweiten z.B. auf Verkehr und eben auch auf den Wohnungsbau.

[00:23:27] Yasemin Yüksel Und was hieltest du für die klügere Variante, die CO2-Steuer oder den Emissionshandel ausweiten auf Verkehr und Gebäude?

[00:23:35] David Böcking Ich finde an sich den Emissionshandel klüger, weil wir da ja die Obergrenze, die ja ganz entscheidend ist in dieser ganzen Debatte, können wir klar definieren. Und bei der CO2-Steuer definieren wir nur den Preis, wissen aber erst mal nicht, - nochmal Stichwort "Topfschlagen" - wann erreichen wir, wenn überhaupt, den Preis, mit dem wir das steuern können. Und hinzu kommt noch, dass bei bei Steuern wir eh wissen: Die sind politisch - sagen wir mal - ein relativ fragiles Gebilde, die werden gerne mal auch spontan erhöht oder gesenkt. Sie werden vor allem auch gerne eingeführt und dann nie wieder abgeschafft, selbst wenn ihr eigentlicher Zweck sich überholt hat - Stichwort "Soli". Und all das würde aus meiner Sicht eher für Emissionshandel sprechen, wenn er nicht bis jetzt so kläglich gescheitert wäre. Deswegen finde ich, eigentlich gut, was viele Experten vorschlagen, nämlich erst mal eine Steuer einzuführen, weil das kann man schnell und auch auf nationaler Ebene machen oder in einem kleinen Verbund von Staaten und versucht dann aber möglichst bald diesen Emissionshandel auszuweiten.

[00:24:36] Yasemin Yüksel Und, wenn wir nun also nochmal auf die CO2-Steuer schauen. Da ist ja auch das Riesenthema, die große Frage immer wieder, wie gerecht könnte man so eine Steuer überhaupt ausgestalten. Wie sieht es da eine Einschätzung nach aus?

[00:24:48] David Böcking Genau, das ist ein großes Thema. Ich glaube auch, man kann das nicht von der Hand weisen, dass das erstmal ein Problem ist, weil natürlich Leute, die zum Beispiel Pendler sind, die möglicherweise in alten Diesel fahren et cetera. Da gibt es dann auch immer so extrem Beispiele, wo die Belastung erstmal sehr hoch wäre, wenn man das einfach 1:1 einführt. Man muss aber sagen, dass die allermeisten Modelle, die es dazu gibt, nicht einfach dabei stehen bleiben sagen: Wir machen das teurer und damit ist gut. Sondern, es ist meistens vorgesehen, an anderer Stelle auch zu entlasten. Und das würde, wenn wir jetzt mal bei der Steuer bleiben, insofern möglich sein, dass man andere Umlagen - EEG-Umlage ist uns alle bekannt, wir wissen, dass es sich Strom stark verteuert in Deutschland - könnte man abschaffen und sagen: Wir haben jetzt diesen einen Preis definiert für CO2. Und der ist jetzt einheitlich. Das ist im Moment übrigens nicht so, im Moment ist ja auch keine interne Logik wie z.B. Erdgas versus Diesel besteuert wird, das ist teilweise sogar widersinnig. Das haben wir einheitlich gemacht und alles, was es drum herum gibt und z.B. auch klimaschädliche Subventionen wie das Dienstwagen-Privileg, das schaffen wir komplett ab.

[00:25:50] Yasemin Yüksel Jetzt hat Fritz Reusswig, der Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ja auch schon gesprochen vom Subventionsabbau. Du hast es eben auch erwähnt. Das ist ja zum Beispiel total gaga, dass Flug-Benzin, also Kerosin nicht besteuert wird, ist in der Richtung irgendwas in Planung?

[00:26:06] David Böcking Die Umweltministerin Schulze hat schon gesagt, ans Kerosin müssen wir auch ran. Es gab sogar aus der Union, die jetzt bei dem Thema nicht immer unbedingt vorne dabei war, einen Vorstoß aus der Fraktion, dass man etwas in der Richtung machen soll; dass diese Befreiung endet. Es gibt da ein kleines Problem - wie oft bei diesem Thema -, dass es nur teilweise auf nationaler Ebene machbar ist, weil eben diese Kerosin-Steuerbefreiung auf internationalen Abkommen beruht. Aber grundsätzlich wäre das aus meiner Sicht, wenn man jetzt auch Steuer-systematisch denkt, absolut logisch, dass das dann auch abgeschafft wird.

[00:26:37] Yasemin Yüksel Das heißt aber, David, unterm Strich irgendeine politische Maßnahme - Steuer, Abgabe, Subventionsabbau, Emissionshandel, was auch immer - muss kommen. Glaubst du daran?

[00:26:46] David Böcking Ja, ich glaube, es wird schwierig und wir haben es ja immer am Emissionshandel gesehen. Es gibt viele Stolpersteine, aber ich glaube, die gesamtpolitische Lage ist so, dass man sich jetzt auch einfach schon zu sehr da verpflichtet hat, als dass man da gar nichts mehr machen kann in der Richtung.

[00:27:01] Yasemin Yüksel Vielen Dank, David, für deine klugen Einschätzungen.

[00:27:03] David Böcking Sehr gerne.

[00:27:04] Yasemin Yüksel Es ist also ziemlich klar: Ohne politische Eingriffe geht es beim Klimaschutz nicht weiter. Nachdem die Aufgaben und die Dringlichkeit aber schon seit Jahren klar sind, stellt sich letztlich die Frage, warum die Politik viel Zeit hat verstreichen lassen. Dazu nochmal Fritz Reusswig, der Soziologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

[00:27:22] Professor Fritz Reusswig Es gab mal eine Zeit, als Frau Merkel Klimakanzlerin genannt wurde, da war unser damaliger Direktor, Herr Schellnhuber, auch einer ihrer persönlichen Berater. Das Thema ist dann ziemlich in der Versenkung verschwunden. Durch das Aufkommen der AfD ist dann natürlich auch das Thema Flüchtlinge, Migration - vielleicht über Gebühr - nach oben gejagt worden und hat ganz viel politische Energie absorbiert und [das Klimathema] ist liegen geblieben. Das war für uns eine schwere Zeit, sage ich mal, weil wir dabei auch wertvolle Jahre verloren haben. Der Klimawandel ging immer weiter, das wollte niemand so richtig hören. Und wir hören ja jetzt - das ist ja auch ein weiterer Faktor -, wir sehen ja jetzt die Einschläge, die näher kommen. Wir sehen Extremereignisse, trockene Jahre, heiße Jahre und dabei gucken wir nur auf Deutschland oder Europa. Weltweit passiert eine ganze Menge. Wir haben schon mit Bedauern gesehen, dass die offizielle Politik in Deutschland, teilweise auch in der EU, ziemlich nach unten gespielt hat. Wir haben aber immer weiter versucht auf verschiedenen Kanälen zu funken. Deswegen sind wir auch froh, dass beispielsweise in einer Bewegung wie Fridays for Future ein Teil der Jugend - es ist ja wirklich nur ein Teil der Jugend - aber der vielleicht der Klügere oder der aufmerksame Teil, der sensiblere Teil, es aus der Gesellschaft in die Politik hineingetragen hat. Das zeigt uns, dass es mehrere Wege gibt, um eine Veränderung im Sinne der Klimapolitik zu erreichen.

[00:28:43] Yasemin Yüksel Tatsächlich haben die protestierenden Schüler, hat die Fridays fo Future-Bewegung unterstützt von vielen Wissenschaftlern, in den letzten Monaten den Druck auf die Politik erhöht. Als Reaktion werden sie von einigen als schulschwänzende Spinner dargestellt. Dazu nochmal "Stimmenfang"-Hörer Marco, der Familienvater aus Bayern:

[00:29:01] "Stimmenfang"-Hörer Marco Leute, geht freitags auf die Straße und vor allem unterstützt die Kinder dabei. In den sozialen Netzwerken ist das so schlimm, wie die niedergemacht werden. Aber die eigentlich, die Generation mit deutlich mehr Hirn sind als wir es sind. Ich glaube bei vielen Leuten ist das, das Problem, dass sie sich das eingestehen müssten. Zusätzlich zu dem Problem dass sie ihr Leben ändern müssten.

[00:29:23] Yasemin Yüksel Die Hörer in dieser Podcast-Episode und die Teilnehmer an Fritz Reusswigs "Klimaneutral Leben"-Projekt, die haben sich schon freiwillig entschieden ihren Alltag zu ändern; CO2 ärmer zu leben. Und manche unserer Hörer fordern auch ganz klar mehr klimapolitische Direktive von der Bundesregierung, auch Verbote, wenn sie sein müssen.

[00:29:41] "Stimmenfang"-Hörer Sebastian Es ist einfach wichtig, dass mehr Bestimmung auch von oben kommt, Reglementierung, weil ich selber muss mich leider auch ein bisschen dazuzählen, dass ich natürlich auch einer von denen bin, der bis zu einem gewissen Teil bequem ist. Und wenn es natürlich dementsprechend verboten wäre, dann bin ich ja selbst gezwungen, etwas anderes zu tun. Sagen wir mal wie bei Plastiktüten, die dann 20 Cent kosten und dann tut's ja weh und dann greift man natürlich nicht so leicht hin. Ich denke, nur darüber kann es funktionieren...

[00:30:14] Yasemin Yüksel Aber Verbote sind in der Klimapolitik sehr unpopulär. Warum das so ist, habe ich Fritz Reusswig zum Schluss auch gefragt.

[00:30:21] Professor Fritz Reusswig Was uns davon abhält - das war ja Ihre Frage - ist, glaube ich, eine überkommene Vorstellung davon, eine noch nicht bei dem Klimaproblem angekommene Vorstellung davon, dass das Private nicht politisch ist. Wir haben zwar grundgesetzlich - finde ich auch in Ordnung - diese: was du machst, was du tust, ist deine Sache, sofern es nicht kriminell ist oder so etwas ähnliches. Ja, das haben wir. Und das heißt auch, nicht alle Präferenzen, die die Individuen so haben akzeptieren wir. Wenn jemand so gerne Waffen hat und auf Leute schießt, akzeptieren wir das nicht. Da kommt die Polizei. Das heißt hier, wir haben auch im liberalen Rechtsstaat Eingriffsgebote in dem Moment, wo ich all die Güter Dritter oder anderer schädige. Und der Punkt ist, dass das mittlerweile eben im Klima auch so ist. Es ist nicht mehr eine Privatsache zu sagen: Ich habe ein Auto, das 20 Liter verbraucht und fahr damit gerne durch die Stadt. Das ist doch mein Bier. Ich kann es mir leisten, also mache ich das auch. In dem Moment, wo ich Luftverschmutzung erzeuge und damit letztlich auch die Zukunft dieses Landes und wieder andere schon früher gefährde, in dem Moment ist das keine private Entscheidung. Und das muss Politik verstehen. Das müssen die Bürgerinnen und Bürger auch akzeptieren. Daran arbeiten wir natürlich, das ist ein längerer Prozess, aber er muss jetzt in die Gänge kommen, weil noch einmal 30 Jahre Zeit haben wir dafür nicht.

[00:31:34] Yasemin Yüksel Das war "Stimmenfang", der Politik-Podcast von SPIEGEL ONLINE. Zum Ende der heutigen Folge will ich nochmal "Danke" sagen an alle, die beim Hörer-Aufruf zum Klimawandel mitgemacht haben. Und wir möchten Sie auch direkt dazu einladen, an einem neuen Thema mitzuwirken. Diesmal geht es um unsere deutsch-deutsche Geschichte. Im Herbst, in ein paar Monaten, am 9. November jährt sich der Mauerfall zum dreißigsten Mal. Und wir schätzen, dass unter unseren "Stimmenfang"-Hörern auch einige sind, die im Jahr 1989, also im Jahr des Mauerfalls oder danach, aber auf jeden Fall im vereinigten Deutschland geboren sind. Und mit Ihnen, also der Generation 1989 und danach, möchten wir eine der nächsten Podcast-Episoden gestalten. Uns interessiert: Wie einig erleben Sie das wiedervereinigte Deutschland zurzeit, ganz aktuell? Wenn Sie 1989 oder danach geboren sind, kennen Sie nur ein Deutschland, das wiedervereinigte. Aber wo und wann in Ihrem Leben, ob nun in Ost- oder in Westdeutschland, merken Sie, dass das nicht immer so war und dass noch heute Distanz, Unterschiede, vielleicht ein Gefühl von Fremdheit gibt? Diese Geschichten interessieren uns. Schicken Sie uns dafür gerne wieder eine Whatsapp-Sprachnachrichten an 040 38080400 oder schreiben Sie uns eine E-Mail an stimmenfang@spiegel.de. Wir sind gespannt und freuen uns auf Ihren Input. Das war heute außerdem die letzte Stimmenfang-Episode vor unserer Sommerpause. Die "Stimmenfang"-Redaktion geht jetzt in die Sommerferien, die nächste Folge hören Sie am Donnerstag den 15. August - dann wie immer auf SPIEGEL ONLINE und auf allen gängigen Podcatchern wie Apple Podcasts, Spotify oder Castbox. Bis dahin wünschen wir Ihnen eine gute Zeit. Diese Episode wurde produziert von Sandra Sperber und mir. Danke für die Unterstützung an die Kollegen Johannes Kückens, Matthias Streitz, Wiebke Rasmussen Thorsten Reyzek und Philipp Wittrock. Musik kommt von Davide Russo.

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insgesamt 58 Beiträge
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PJanik 18.07.2019
1. Jeder ändert sein Leben so das wir nur noch 70% ausstoßen.
Wieviel erreichen wir damit? Immer noch 70% Der Fokus auf Einzelne anstatt auf große Systeme ist GAGA.
misterknowitall2 18.07.2019
2. Die wirklich großen Räder...
kann man nur in der Politik drehen. Dort müssen Rahmenbedingung definiert werden, wohin die Reise für alle gehen soll. Da braucht man einen verlässlichen Rahmen. Nichts desto trotz muss sich jeder seiner Verantwortung stellen und so viel machen wie ihm möglich ist.
misterknowitall2 18.07.2019
3. Nein,
Zitat von PJanikWieviel erreichen wir damit? Immer noch 70% Der Fokus auf Einzelne anstatt auf große Systeme ist GAGA.
schon mal 30% weniger, würde ich sagen. GAGA ist was anderes, nämlich nichts zu tun und mit dem Verweis aufs große Ganze sich aus der Affäre ziehen.
mailo 18.07.2019
4. @1 PJanik
Genau richtig! Damit ist fast alles Gesagt. Nicht nur fürs Klima sondern auch für den Geldbeutel fahre ich jetzt trozdem seit Dezember 6 km mit dem Fahrrad zur Arbeit.
Gluehweintrinker 18.07.2019
5. Klimaneutralität kann kein Privatprojekt sein
Zitat von PJanikWieviel erreichen wir damit? Immer noch 70% Der Fokus auf Einzelne anstatt auf große Systeme ist GAGA.
...und darf es nicht. Ich kann mich auch nicht freiwillig dazu entscheiden, ob ich den Nachbar knuddle oder ihm einen Baseballschläger über die Rübe ziehe, weil es in meinem Ermessen liegt. Ich habe keine Wahl, ob ich mich im PKW anschnallen möchte oder nicht. Und wenn ich meinen Haushaltsmüll aus dem Fenster werfe statt ihn zur Mülltonne zu tragen, wird recht zügig das Ordnungsamt an meiner Tür läuten. Also kann es auch nicht unser aller Privatvergnügen sein, in einem bestehenden völlig ungeeigneten Wirtschaftssystem, welches auf stetig wachsendem Rohstoffverbrauch beruht, Besitz und Gier, das Klima durch freiwillige Alibimaßnahmen zu retten. Wie lange wollen wir denn dabei zusehen, wie sich die eine Hälfte über den Zustand des Planeten erregt ("Wir müssten dringend mehr tun"), anschließend mit dem SUV zum Bioladen fährt, fair gehandelte Schokolade und Biobier kauft, mehrmals im Jahr zu ökologisch korrekten All-Inclusive-Bio-Resorts per Fernflug reist, dabei vielleicht noch eine Atmosfair-Kompensation leistet und sich einredet, dass wir doch schon sooo viel für das Klima täten? Die andere Hälfte meint entweder, es sei sowieso schon zu spät, der Planet sei verloren und daher könnten wir noch ein paar Jahrzehnte Party machen, bevor uns der Laden um die Ohren fliegt oder flüchtet sich in Nachgeplapper wie "Was soll das kleine Deutschland mit seinen 2% am globalen CO2 schon ausrichten?". So ungefähr ist die Lage. Welcher ernst zu nehmende Mensch bzw. Mensch und Politiker soll denn ernsthaft erwägen, dass solcher Blödsinn zielführend sei? Wir sehen doch, in welche Richtung sich unsere Emissionen, der Müll, der Rohstoffverbrauch, der Verlust an Artenvielfalt, die Flächenversiegelung, der Waldverlust, die Überfischung, und und und führen. Staaten haben zu lenken und für ihre Völker die besten und zukunftsfähigsten Konzepte zu entwickeln und umzusetzen, und da ist offensichtlich noch jede Menge Luft nach oben. Luft mit einem CO2-Gehalt deutlich unter 500 ppm, bitte sehr!
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