Regeln für den Klimaschutz Verbietet doch einfach mehr

Weniger Plastik, weniger Fliegen, weniger Fleisch - viele Deutsche wollen nachhaltiger leben. Die Politik könnte jeden dabei unterstützen: Sie sollte sich endlich trauen, klare Vorgaben zu erlassen.
"Fridays for Future"-Aktivisten am Flughafen Stuttgart

"Fridays for Future"-Aktivisten am Flughafen Stuttgart

Foto: Franziska Kraufmann/EPA-EFE/REX

Das Wort Flugscham ist nicht nur zum Hashtag avanciert, es ist zum Kampfbegriff mutiert: Klimabewusste nutzen ihn, um kundzutun, wie sehr sie jeden Kilometer an Bord eines Flugzeugs bereuen. Klimaleugner nutzen ihn, um sich über jeden Versuch zur CO2-Reduktion lustig zu machen.

Nicht nur in den sozialen Netzen tobt die Debatte, fast täglich äußern sich Politiker zum Fliegen und zum Klima . Eine Auswahl ihrer Forderungen:

  • eine Kerosinsteuer einführen (Grüne und SPD);
  • alle Subventionen auf den Luftverkehr streichen (Grüne);
  • neue Antriebe entwickeln (FDP);
  • das Bahnfahren attraktiver machen, um Menschen davon abzuhalten, ins Flugzeug zu steigen (CSU);
  • gleich die Fluggesellschaften verstaatlichen (Linke).

Bloß nichts verbieten

Von einem Verbot für Inlandsflüge aber wollen viele Politiker nicht sprechen - das trauen sie sich nicht, auch nicht in Zeiten von "Fridays for Future".

Dabei ist es ihre Aufgabe, Vorschriften zu machen. Auch dafür ist der Staat da: Er setzt Regeln, damit unsere Gesellschaft überhaupt erst funktioniert. Regeln auch, die verhindern, dass man sich selbst oder andere gefährdet.

Ein Beispiel: Die Anschnallpflicht in Pkw. Mitte der Siebziger wurde die Gurtpflicht eingeführt. Zuvor schnallte sich kaum jemand an. Heutzutage unvorstellbar.

Nun also stehen wir vor dem Klimawandel, und er droht zum größten Verkehrsunfall der menschlichen Geschichte zu werden. Schon jetzt verändert er Ökosysteme. Das ewige Eis schmilzt, der Meeresspiegel steigt. Uns stehen mehr Wetterextreme bevor, Dürren und Hitzewellen, Starkregen und Überschwemmungen.

Und trotzdem wirkt es, als setzten viele Politiker darauf, dass wir uns schon anschnallen werden, wenn die Zeit denn wirklich knapp wird. Demnach sollte der Bürger Klimaschutz am besten in Eigenverantwortung betreiben. Das aber reicht nicht.

Die Meldungen sind ernüchternd: Jüngst tagte das Klimakabinett zum dritten Mal ohne nennenswerte Fortschritte.

Die Koalition streitet über einen CO2-Preis, über das Klimaschutzgesetz, über das Fliegen. Fragt man, wer die Maßnahmen zum Klimaschutz bezahlen soll, kommen verschwurbelte Antworten. Selbst die Grünen betonen, wo sie nur können, dass sie niemandem etwas verbieten wollen.

Nach dem Motto: Das Klima kann gerettet werden, ohne dass wir allzu viel verzichten, allzu viel bezahlen, allzu viel verändern. Klingt gut. Ist aber ein Märchen. (Mehr dazu lesen Sie hier.) 

Nicht nur rationale Entscheidungen

Denn wir treffen als Konsumenten nicht nur rationale Entscheidungen. Wenn wir nicht dazu gezwungen werden, ändern wir unser Verhalten nur langsam oder gar nicht. Für mich fühlt sich Fliegen nach Freiheit an.

Ein anderes Beispiel ist der Fleischverbrauch: Seit Jahren liegt er bei um die 60 Kilogramm pro Kopf pro Jahr in Deutschland. Oder das Rauchen: Obwohl wir wissen, dass wir es lassen sollten, greift knapp ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland regelmäßig zur Zigarette. Ein Tabakwerbeverbot, in anderen Staaten längst Standard, erlässt die Große Koalition trotzdem nicht.

Das Prinzip lässt sich auch auf den Klimaschutz übertragen: Wenn wir einen wirksamen Klimaschutz wollen, muss der durch Regulierungen durchgesetzt werden. Die Freiheit des Einzelnen, jeden Tag ein Steak zu essen und am Wochenende einen Kurztrip nach Reykjavik oder Lissabon zu machen, würde beschnitten werden.

Wir brauchen mehr Regeln und, wo das möglich ist, auch mehr Verbote. Die Diskussion darüber darf nicht tabu sein. Dann können wir uns künftig auch die Flugscham sparen.

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