Klinik in Schwedt Wehklagen über Geburtstourismus

Kinderkriegen auf der Durchreise: Auffällig viele Polinnen kommen nach Schwedt in der Uckermark, um nach plötzlichen Wehen zu entbinden. Deutsche und polnische Krankenkassen wittern System hinter dem Entbindungstourismus und streiten um die Kosten.

Von Lisa Sonnabend


Berlin - Schwedt in der Uckermark ist eigentlich kein schlechter Ort, um sich niederzulassen und eine Familie zu gründen. Ein roter Kirchturm ragt zwischen den Häusern in der Altstadt empor, die Oder fließt nahe am Ort vorbei, um Schwedt herum liegen weite Auenwälder. Kleine Einfamilienhäuser werden gebaut, graue Plattenbauten dafür abgerissen. Doch viele Mütter zieht es nach der Geburt gleich wieder weg aus Schwedt, sie bekommen ihren Nachwuchs auf der Durchreise.

Grenzschild: Polinnen entbinden auffällig häufig in dem deutschen Ort
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Grenzschild: Polinnen entbinden auffällig häufig in dem deutschen Ort

Der 40.000-Einwohner-Ort Schwedt liegt in Brandenburg, direkt an der deutsch-polnischen Grenze, 50 Kilometer von Stettin entfernt. Es geht hier beschaulich zu, nichts deutet darauf hin, dass Schwedt in die Schlagzeilen geraten ist. Der Grund: Auffällig viele Polinnen kommen über die Grenze, um im Ort in der Uckermark-Klinik zu entbinden. Nun wird gestritten, wer die Kosten dafür zu tragen hat.

180 Polinnen haben in diesem Jahr bereits in der Klinik entbunden, im vergangenen Jahr waren es 130. Die Frauen kommen wegen plötzlich einsetzender Wehen in die Klinik. Eine EU-Vereinbarung sieht vor, dass die deutschen Krankenkassen in einem Notfall zunächst die Kosten für eine Geburt übernehmen müssen, das Geld bekommen sie anschließend vom polnischen Nationalen Gesundheitsfond (NFZ) zurückerstattet.

Deutsche Krankenkassen und der NFZ melden Zweifel an, ob es sich bei allen Geburten tatsächlich um Notfälle handelt. Ob die Wehen nun erst hinter der Grenze oder davor eingesetzt haben, ist schließlich unmöglich zu überprüfen.

Diese Gesetzeslage ist für die Polinnen attraktiv: Das Gesundheitswesen in Deutschland gilt als besser als im Nachbarland. Nach dem EU-Gesundheitskonsumenten-Index liegt Deutschland auf Platz fünf, Polen auf einem der letzten Plätze. Die Kosten für Entbindungen sind hierzulande deutlich höher.

Angst vor dem Ausbluten

Auffällig ist, dass die Zahl der Notentbindungen nur an der Klinik in Schwedt so hoch ist. In anderen deutsch-polnischen Grenzstädten in Brandenburg kommt es nicht zu so vielen Geburten polnischer Kinder. "Es gibt Hinweise, dass das Uckermark-Krankenhaus in Polen massiv Werbung gemacht hat", sagt Jörg Trinogga, Sprecher der AOK Brandenburg. Vor einem Jahr seien in Stettin angeblich Prospekte über die Uckermark-Klinik verteilt worden, in polnischen Internetforen werde über die Möglichkeiten einer Entbindung in Schwedt diskutiert, heißt es.

Bis vor kurzem hatte das Klinikum zudem einen polnischen Chefarzt. "Er hatte in Polen einen guten Ruf und einen hohen Bekanntheitsgrad", sagt Klinik-Geschäftsführer Michael Jürgensen. Er erwarte, dass die Zahl der Notfallgeburten nun, wo der Chefarzt im Ruhestand ist, wieder zurückgehen werde. Auch dies spricht für die Vermutung, dass es sich bei den Geburten nicht ausschließlich um Notfallentbindungen handeln könnte.

Diese Lücke im Gesundheitswesen hat die deutschen Krankenkassen in Schwierigkeiten gebracht. In 173 Fällen habe die AOK insgesamt 430.000 Euro gezahlt und noch nicht vom NFZ erstattet bekommen. "Es kann passieren, dass wir auf dem Geld sitzen bleiben", sagt Trinogga. In 15 Fällen habe die AOK die Zahlungen auf Eis gelegt und noch nicht überwiesen, die Fälle werden derzeit geprüft. Auch Krankenkassen wie die Barmer und die Techniker Krankenkasse sind von der Situation in Schwedt betroffen.

Der NFZ weigert sich zu zahlen, er droht, die Mütter wegen Sozialbetrugs zu verklagen. In den vergangenen zwei Jahren seien für den NFZ nach eigenen Angaben Kosten in Höhe von 800.000 Euro angelaufen. Auch die AOK behält sich als ultima ratio rechtliche Schritte vor.

"Die EU-Regelungen dürfen nicht dafür genutzt werden, um das Gesundheitssystem ausbluten zu lassen", kritisiert AOK-Sprecher Trinogga. Es dürfe nicht zur Erschleichung von Sozialleistungen kommen. Die Uckermark-Klinik müsse besser mit den Krankenkassen kooperieren und den Willen zeigen, etwas zu ändern.

Bislang sei davon zu wenig zu spüren, sagt Trinogga. Die Krankenkassen haben Briefbögen eingeführt, die von den Medizinern und den Patienten auszufüllen seien und mit denen geprüft werden soll, ob es sich tatsächlich um Notentbindungen handelt. In der Regel werden diese jedoch nicht ausgefüllt.

"Langfristig ist die Klinik auf eine Kooperation mit den Krankenkassen angewiesen", sagt Trinogga. Das Gesundheitswesen könne schließlich nur funktionieren, wenn man miteinander, nicht gegeneinander agiere.

Grenztourismus an der Oder war bislang nur in die andere Richtung bekannt - mit existenzbedrohenden Folgen für deutsche Tankwärte, Friseure und Zahnärzte. Viele Deutsche fuhren nach Polen, um billig zu tanken, sich einen neuen Haarschnitt verpassen oder die Zähne reparieren zu lassen.



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