Koalition plant "Löschgesetz" Schwarz-Gelb rückt von Internetsperren ab

Kurswechsel nach monatelangem Hickhack: In einem Brief an Bundespräsident Köhler geht die Regierung nach Informationen des SPIEGEL auf Distanz zum umstrittenen Internet-Sperrgesetz. Schwarz-Gelb kündigt nun eine neue Initiative für ein "Löschgesetz" an.
Ministerin von der Leyen (April 2009): Kritik an "Zensursula"

Ministerin von der Leyen (April 2009): Kritik an "Zensursula"

Foto: dpa

Horst Köhler

geheime Sperrlisten

Noch bereist der Bundespräsident Südkorea, doch wenn Mitte der Woche an seinen Amtssitz im Berliner Schloss Bellevue zurückkehrt, erwartet ihn auf seinem Schreibtisch ein brisantes Schreiben. Auf fünf Seiten distanziert sich die schwarz-gelbe Bundesregierung darin vom sogenannten Zugangserschwerungsgesetz, mit dem die Große Koalition gegen Kinderpornografie im Internet vorgehen wollte: Danach sollte das Bundeskriminalamt (BKA) tagesaktuell mit einschlägigen Seiten an die Internetanbieter weitergeben, die diese dann technisch blockieren sollten.

Ursula von der Leyen

Das Vorhaben war von Beginn an umstritten. Seine Initiatorin , damals noch Familienministerin, erhielt von der aufgebrachten Internetgemeinde den Beinamen "Zensursula". Dennoch passierte das Gesetz mit der Mehrheit der Großen Koalition im Sommer 2009 Bundestag und Bundesrat. Eines allerdings fehlte bislang: die Unterschrift des Bundespräsidenten.

Dann allerdings kam die Bundestagswahl dazwischen und die Union in eine Zwickmühle: Mit dem neuen Koalitionspartner FDP, der seit Monaten gegen das Gesetz gestänkert hatte, einigte man sich auf einen seltsamen Kompromiss: Man werde das Gesetz ein Jahr nicht anwenden.

Im Bundespräsidialamt konnte man mit derlei kreativem Umgang mit bereits verabschiedeten Gesetzen wenig anfangen. Im November forderte der Chef des Präsidialamts von der Regierung deshalb unmissverständlich "ergänzende Informationen" und eine belastbare Aussage der Bundesregierung, was sie denn nun eigentlich wolle: Ein Gesetz oder kein Gesetz.

Löschen statt sperren

Nach mehr als zwei Monaten liegt die Antwort im Präsidialamt seit Ende vergangener Woche vor - und sie hat es in sich: "Die gegenwärtige Bundesregierung beabsichtigt eine Gesetzesinitiative zur Löschung kinderpornografischer Inhalte im Internet", heißt es in dem fünfseitigen Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt. Die Regierung will also ein Gesetz, aber ein anderes.

Maiziere

Leutheusser-Schnarrenberger

Man werde sich bis dahin "auf der Grundlage des Zugangserschwerungsgesetzes ausschließlich und intensiv für die Löschung derartiger Seiten einsetzen, Zugangssperren aber nicht vornehmen", heißt es in der Stellungnahme des Bundeskanzleramts, die auf eine gemeinsam abgestimmte Position von Bundesinnenminister Thomas de (CDU) und Bundesjustizministerin Sabine (FDP) zurückgeht. "Die damit gemachten Erfahrungen werden in die Gesetzesinitiative einfließen."

Löschen statt sperren: Für die libertäre Internetgemeinde ist der Kurswechsel der neuen Bundesregierung ein Triumph. Mehr als 130.000 Netznutzer hatten eine Online-Petition gegen das Gesetz unterzeichnet, es war die Geburtsstunde einer Art digitaler Bürgerrechtsbewegung. Sie bekämpfte nicht das Ziel, kinderpornografische Inhalte aus dem Netz zu verbannen, aber den durch das Gesetz gewählten Weg: Ineffektiv, intransparent, das waren die Kritikpunkte. Und immer schwang die Angst mit, dies sei nur der erste Schritt für eine viel weitergehende Internetzensur.

Die jetzt erfolgte Abkehr vom Sperrkurs wird vor allem die FDP für sich reklamieren: Sie kann ihrer Bürgerrechtsklientel endlich ein erfülltes Wahlkampfversprechen präsentieren. Auch bei den einstigen Urhebern ist die Stimmung in den vergangenen Monaten gekippt - wohl nicht zuletzt durch den überraschenden Erfolg der Piratenpartei bei der Bundestagswahl, die am lautesten für ein freies Internet kämpft. Die Sozialdemokraten drehten bei, sobald sie in der Opposition waren: "Das Gewürge muss ein Ende haben", gab der neue Parteivize Olaf Scholz im Dezember als neue Lösung aus und schlug vor, das gerade noch mitfabrizierte Gesetz ersatzlos zu streichen.

Wolfgang Schäuble

Selbst in der Union war die Leidenschaft für das eigene Zugangserschwerungsgesetz zuletzt spürbar abgekühlt. Der ehemalige Bundesinnenminister räumte im vergangenen Herbst "handwerkliche Fehler" ein. Sein Nachfolger de Maiziere hörte sich die Vorbehalte der Netzgemeinde im Januar dann persönlich an. Er hatte zur Deeskalation der angespannten Beziehungen Vertreter der Netzgemeinde zum Gespräch gebeten, und die nutzten die Chance, ihre Bedenken zur aktuellen Netzpolitik der Bundesregierung vorzutragen ausgiebig - satte drei Stunden lang.