Köhlers Berliner Rede Lotse im Sturm der Krise

Schlicht im Ton, klar in der Botschaft - der Bundespräsident stimmt die Deutschen auf harte Zeiten ein und warnt die Koalition, das Regieren dem Wahlkampf zu opfern. Was Merkel nicht schafft, gelingt Köhler: Er gibt dem Kampf gegen die Krise einen tieferen Sinn.

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Berlin - Der Himmel über der Kirche verdunkelt sich bedrohlich, Blitze zucken, Donner grollt, der Sturm peitscht Regen und Schnee gegen die Mauern und Fenster. Die Gäste im Gotteshaus schauen ungläubig, schütteln den Kopf, wie Schutzsuchende wirken sie in diesem Moment im kalten Kirchenschiff. Sie hoffen auf Zuspruch - und hören die Botschaft: Fürchtet Euch nicht.

Köhler in der Elisabethkirche: "Bewährungsprobe für die Demokratie"
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Köhler in der Elisabethkirche: "Bewährungsprobe für die Demokratie"

Als Bundespräsident Horst Köhler am Dienstagvormittag in der St. Elisabethkirche seine Berliner Rede zur Wirtschafts- und Finanzkrise hält, liefert das Wintergewitter, das da dem Frühlingsauftakt über der Hauptstadt trotzt, die perfekte Szenerie. Von düsteren und harten Zeiten spricht das Staatsoberhaupt, von der Weltwirtschaft, die "unser Schicksal ist", von einer "Bewährungsprobe für unsere Demokratie".

"Monster" hat Köhler jene einmal genannt, die dafür verantwortlich sind, dass die Finanzmärkte an den Rand des Kollapses gerieten und die Wirtschaft in eine Krise stürzten, "deren Ausgang das 21. Jahrhundert prägen kann". Die "Monster" bemüht er diesmal nicht. Seine Botschaft ist jedoch auch ohne krasse Wortwahl deutlich.

"Die Menschheit sitzt in einem Boot"

Knapp 40 Minuten liest er der Finanzbranche die Leviten - und appelliert an ihre Verantwortung und Vernunft für die Zukunft. Er lobt die Politik für ihr entschlossenes Handeln - und mahnt sogleich an, diese Entschlossenheit nicht dem Wahlkampf zu opfern. Er stimmt die Bürger darauf ein, dass die Talsohle des Abschwungs noch längst nicht erreicht ist - und macht ihnen gleichzeitig Hoffnung, dass die Krise die Chance birgt für eine neue globale Solidarität. "Die Menschheit sitzt in einem Boot", sagt Köhler. "Und die in einem Boot sitzen, sollen sich helfen. Eigennutz im 21. Jahrhundert heißt: sich umeinander kümmern."

Das klingt sehr nach Allgemeinplatz, einfach, wenig kreativ. Aber es klingt auch nach einer ehrlichen Vision. Das Staatsoberhaupt schafft, was der Bundeskanzlerin und ihrer Regierung derzeit so schwer fällt: Dem Kampf gegen die Krise einen tieferen Sinn zu geben.

Horst Köhler war noch nie ein guter Redner, doch an diesem Tag, zu diesem Thema, entfalten sein bedächtiger Tonfall, sein bewusst schlichter Duktus, ihre Wirkung.

"Schrankenlose Freiheit birgt Zerstörung", sagt der Bundespräsident. "Der Markt braucht Moral und Regeln."

Freiheit sei ein "Gut, das stark macht", aber dieses Gut dürfe nicht zum Recht des Stärkeren werden.

"Solidarität ist nicht Mitleid", sagt Köhler. "Solidarität ist Selbsthilfe."

"Schaffen wir mehr Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Zuwendung füreinander in diese Welt."

Köhler kann diese schlichten, sehr grundsätzlichen Sätze glaubhaft vortragen, weil er in seiner Rede an anderer Stelle auch konkret wird. Er fordert eine völlige Neuordnung der Finanzmärkte, in der Banken mit einem höheren Anteil an Eigenkapital arbeiten, um ihr Risikobewusstsein zu schärfen; in der es keine unregulierten Finanzräume, -institute und -produkte mehr gibt.

Köhler verlangt von den Banken Gegenleistungen für staatliche Hilfen, Zinsen und Mitsprache bei der Krisenbewältigung etwa. Er sagt klar und deutlich: "Auch vorübergehende staatliche Beteiligungen können nicht ausgeschlossen werden."

Und Köhler fordert von den Industriestaaten, mehr Verantwortung zu übernehmen im Kampf gegen den Klimawandel und die Armut: "Wir wissen heute: Es wäre ein geringeres Risiko gewesen, eine Eisenbahnlinie quer durch Afrika zu bauen, als in eine angesehene New Yorker Investmentbank zu investieren", sagt der Bundespräsident. Eine deutliche Kritik am Geschäftsgebaren der Pleitebank Lehman Brothers.

Wahlkampf um Bellevue

Es ist Köhlers vierte Berliner Rede. Und es ist die, von der am meisten in Erinnerung bleiben könnte. Das liegt auch an den besonderen Vorzeichen. Die Amtszeit des Bundespräsidenten neigt sich dem Ende zu, am 23. Mai kommt die Bundesversammlung in Berlin zusammen, um das Staatsoberhaupt wiederzuwählen - oder aber Gesine Schwan ins Schloss Bellevue zu schicken.

Die Herausforderin nennt Köhlers Rede am Dienstagmittag kühl "eine Stellungnahme, auf die viele lange gewartet haben". Sie wolle "bald eine eigene Antwort auf die weltweite Krise, ihre Ursachen und mögliche Auswege daraus geben". Klar sei, dass diese Krise nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine kulturelle Krise sei. Wann und in welcher Form mit der "Antwort" zu rechnen ist, ist in Schwans Büro an diesem Dienstag nicht zu erfahren.

Fest steht: Köhler hat mit seinem Vortrag an diesem Dienstag vorgelegt - und er hat gepunktet. Über die Parteigrenzen gibt es Lob, sogar von Linksfraktionschef Oskar Lafontaine, der das allerdings nicht als Wahlaussage verstanden wissen will.

Auch die Zuschauer in der Elisabethkirche spenden kräftigen Beifall, nicht euphorisch, aber offensichtlich ehrlich angetan, eine Minute applaudieren sie, erheben sich sogar von ihren Stühlen.

Pathetisches Ende

Dass der Vortrag eine Spur zu pathetisch endet, sehen sie Köhler nach. "Schauen Sie sich um in dieser Kirche", fordert der sie auf. "Sie spricht zu uns bis heute über das Werk der Zerstörung. Aber sie sagt auch: Wir können immer einen neuen Anfang schaffen."

Der im Zweiten Weltkrieg zerstörte klassizistische Bau des Architekten Karl Friedrich Schinkel aus dem 19. Jahrhundert wird derzeit saniert, nachdem er in der DDR völlig verfallen war. Bis vor einigen Jahren wuchsen hier noch Bäume im Kirchenschiff. Im Juni soll alles fertig sein, 2010 wohlgemerkt.

Eher ist auch wirtschaftlich nicht mit einer Erholung zu rechnen.



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