Jakob Augstein

Gefloppte Muslim-Demo Onkel-Tom-Türken

Früher hieß es: Ali, mach mal Klo sauber. Heute heißt es: Ali, geh mal demonstrieren. Die Deutschen wollen immer noch, dass ihre Gastarbeiter gehorchen. Aber die Zeit der Onkel-Tom-Türken ist vorbei.
Friedensmarsch von Muslimen in Köln

Friedensmarsch von Muslimen in Köln

Foto: Henning Kaiser/ dpa

Die Kölner Anti-Terrorismus-Demo war ein Flop. Macht nichts. Ohnehin ist fraglich, was eine Demonstration gegen den Terror bewirken soll. Wir zeigen dem IS den zivilgesellschaftlichen Stinkefinger - und dann was?

Dann steckt der Terrorist den Zünder wieder ein und sprengt sich woanders in die Luft? Das ist absurd. Terror ist keine Frage der Zivilgesellschaft - sondern eine der Politik. Wichtiger aber ist: der Demonstrationsaufruf richtete sich ausdrücklich an die Muslime in Deutschland. Das ist eine Frechheit. Was hat der deutsche Durchschnittsmuslim mit dem Terrorismus zu tun? Nichts. Eben.

Zur Kölner Anti-Terror-Demo hatte unter anderem die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor eingeladen. Sie hatte gesagt: "Wir Muslime müssen uns von den Tätern stärker abgrenzen und ihre gesellschaftliche Ächtung herbeiführen." Die Taten von Manchester und London, mitten im heiligen Fastenmonat Ramadan, hätten das Fass zum Überlaufen gebracht: "Wir wollen diesen Verbrechern zurufen: Es reicht uns." Aber diesem "Wir" liegt eine fragwürdige Logik zugrunde. Und nur wenige Muslime wollen sie sich zu eigen machen.

10.000 Demonstranten wurden erwartet. Gekommen waren aber viel weniger, vielleicht 2000. So viele Onkel-Tom-Türken gibt es offenbar in Köln und Umgebung nicht. Das ist ein gutes Zeichen. Was ist ein Onkel-Tom-Türke?

Einer, der immer macht, was man von ihm erwartet. Früher hieß es: Ali, mach das Klo sauber. Aische, wisch Opa den Arsch ab. Heute heißt es: Ali und Aische, ab auf die Anti-Terror-Demo. Und wenn nicht, dann sind wir sehr, sehr enttäuscht.

"Einfach schade" sei es, hatte Regierungssprecher Seibert gesagt, als der Islamverband Ditib eine Teilnahme an der Demonstration abgelehnt hatte. Ditib mag sonst ein konservativer, von Erdogan ferngesteuerter Haufen sein - aber hier hatte der Islamverband einfach recht: Solche Demonstrationen "stigmatisieren die Muslime und verengen den internationalen Terrorismus auf sie, ihre Gemeinden und Moscheen."

Wir wollen unsere Gastarbeiter immer noch schön folgsam. Wenn sie sich mit ihren ausländischen Namen um eine Arbeit bewerben, haben sie zwar schlechte Chancen. Und wenn sie eine Wohnung suchen, noch schlechtere. Und wenn ihr Kind aufs Gymnasium will, wird es ganz schwierig. Aber wenn es um den Terrorismus geht - dann sollen sie bitte ganz vorne mitmarschieren.

Als neulich ein Musikfestival wegen einer Terrorwarnung für einen Tag unterbrochen wurde, rastete der Veranstalter Marek Lieberberg vor der Presse aus: "Ich bin der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit 'This is not my Islam and this is not my shit and this is not my whatever'. Jetzt ist die Situation, wo jeder sich dagegen artikulieren muss. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten. Ich habe bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich!" Anwesende brachen spontan in Beifall aus - was auf Pressekonferenzen eher ungewöhnlich ist.

Tatsache ist: Lieberbergs Aufruf war erstens der reine Kulturrassismus und zweitens Unsinn. Es gab in ganz Europa in den vergangenen Jahren zahlreiche Demonstrationen und Mahnwachen von Muslimen gegen den islamistischen Terror. Der Mann hatte davon einfach nichts mitbekommen - und die klatschenden Journalisten offenbar auch nicht.

Terrorismus ist ein politisches und soziales Phänomen - kein religiöses

Kein Wunder. Denn in Wahrheit können die Muslime auf noch so vielen Demonstrationen gegen dies und das und jenes mitlaufen, die Biodeutschen würden sie doch nicht akzeptieren.

Im Netz wurde jetzt der Vergleich gezogen zwischen den Zehntausenden Deutschtürken, die Erdogan im vergangenen Jahr zujubelten - und den im Vergleich dazu viel weniger Teilnehmern in Köln vom vergangenen Samstag.

Mit dem Da-sieht-man-es-mal-Gestus wurde darauf hingewiesen, wo sich die Ränge füllen und wo sie leer bleiben. Aber wundert sich darüber jemand? Der Undemokrat Erdogan vermittelt seinen Landsleuten jenen Stolz, der ihnen in Deutschland verwehrt bleibt.

Nur weil Terroristen ihre Verbrechen mit dem Islam rechtfertigen, besteht noch lange keine besondere Verpflichtung von Menschen muslimischen Glaubens, sich von diesen Verbrechen zu distanzieren. Im Gegenteil - man täte den Terroristen damit geradezu eine Ehre an, die ihnen nicht zukommt: man nähme sie nämlich als - wenn auch fehlgeleitete - Repräsentanten des Islam ernst. Genau das sind sie aber nicht.

Wer ausdrücklich die Muslime in Deutschland zur Demonstration gegen den Terrorismus aufruft, sieht sie offenbar im Rechtfertigungsdruck. Aber Terrorismus ist ein politisches und soziales Phänomen - kein religiöses.

Auf der Welt gibt es mehr als 1,5 Milliarden Muslime. Sollen die alle demonstrieren gehen?

Wäre ich Muslim - ich würde mir solche Aufforderungen verbitten.