Markus Feldenkirchen

Kritik an Silvesterkontrollen Akute Weltfremdheit

Die Polizei in Köln hat an Silvester Fehler gemacht, aber insgesamt vernünftig agiert. Eine Wiederholung der Übergriffe aus dem Vorjahr wäre verheerend gewesen.
Polizisten am Kölner Hauptbahnhof

Polizisten am Kölner Hauptbahnhof

Foto: Ronald Wittek/ dpa

Natürlich hat die Polizei in Köln auch in dieser Silvesternacht Fehler gemacht. Die Abkürzung "Nafri" für Nordafrikaner sollte sie schnell wieder aus ihrem Wortschatz streichen. Schon gar nicht hätte sie das Wort in jener Nacht fröhlich rumtwittern sollen.

Es zeugt jedoch von akuter Weltfremdheit, wenn die Beamten nun zu Rassisten erklärt werden, weil sie in der Nacht auf Sonntag verstärkt Personengruppen nordafrikanischer Herkunft kontrollierten.

In großen Teilen der USA gehört das sogenannte Racial Profiling zum Kern der Polizeiarbeit. Millionen Schwarze werden so täglich in ihrem Alltag schikaniert, allein weil sie schwarz sind. Sie werden weit häufiger im Auto angehalten oder auf Plätzen kontrolliert als ihre weißen Mitbürger - und zwar ohne jeden Anlass. Dieses Vorgehen erfüllt eindeutig die Definition von Rassismus: Benachteiligung aufgrund von Hauptfarbe, Herkunft oder anderer Faktoren, für die ein Mensch nichts kann.

In Köln aber gab es einen höchst konkreten Anlass, es gab eine Vorgeschichte. Die Ereignisse der Silvesternacht im Jahr zuvor haben das gesellschaftliche Klima wie kein anderes Ereignis verändert. Die sexuellen Übergriffe gegen Hunderte Frauen haben diese nicht unbedingt schöne, aber tolerante und liebenswerte Stadt zum weltweiten Symbol für falsch verstandene Toleranz werden lassen. Zum Inbegriff von Blauäugigkeit, wenn nicht gar Staatsversagen.

Vor allem aber wurde "Köln" als Beleg für das vermeintliche Scheitern einer zwar nicht risikofreien, im Kern aber menschlichen und richtigen Flüchtlingspolitik missbraucht.

Wenn Kritiker wie die Grünen-Vorsitzende Simone Peter nun sagen, es könne nicht sein, dass die Polizei in der Silvesternacht Menschen "alleine aufgrund ihres Aussehens überprüft" habe, muss sie sich schon die Frage gefallen lassen, ob sie noch Zeitung liest. Und ob sie irgendeine Lehre aus den Ereignissen des Vorjahres gezogen hat.

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass die Polizei am Samstagabend nicht vorwiegend kölsche Omis ins Visier genommen hat. Sondern jene Personengruppe, aus der im Vorjahr die Mehrzahl der Tatverdächtigen kam. Erst recht, da diese erneut in beachtlicher Gruppenstärke und offenkundig organisiert um den Bahnhof liefen oder per Bahn auf ihn zusteuerten.

Ein gezieltes Vorgehen gegen Menschen aufgrund ihres Äußeren darf gerade in Deutschland nie wieder Bestandteil von Polizeiarbeit sein. Dass die Kölner Beamten in dieser speziellen Nacht, an diesem speziellen Ort, mit diesen Erfahrungswerten und zu diesem heiklen historischen Moment beherzt vorgingen, kann man ihnen nicht ernsthaft vorwerfen.

Stellen wir uns doch mal kurz vor, was jetzt in Deutschland los wäre, wenn es vergleichbare Übergriffe wie im Vorjahr gegeben hätte. Wie das die ohnehin schon latent ausländerfeindliche Stimmung im Lande angeheizt hätte. Wir hätten, so viel lässt sich sagen, jetzt eine ganz andere, viel zerstörerische Rassismusdebatte.

Eine Personengruppe hätte übrigens am meisten unter einer erneuten Eskalation gelitten: jener übergroße Teil an Nordafrikanern, die völlig friedlich in Deutschland leben oder auf die Schutz- und Hilfsbereitschaft ihrer Mitbürger angewiesen sind.

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