"Körper, Liebe, Doktorspiele" Experten haben an umstrittener Broschüre nichts auszusetzen

Sexualpädagogen sind entsetzt über die Angriffe auf die Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele". Von Verleumdung und einem Zerrbild ist die Rede. An dem Elternratgeber zur frühkindlichen Sexualität, den Ursula von der Leyen gestoppt hat, sei "nichts auszusetzen".

Von Franziska Badenschier


Ein Elternratgeber mit zwielichtigen Zitaten, die Pädophile als Ausrede für ihre Vergehen nutzen könnten: So geriet die Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele - Ein Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualentwicklung" in der vergangenen Woche in Verruf. Bundesministerin Ursula von der Leyen (CDU) fand einige Formulierungen "missverständlich und zweideutig". Daraufhin strich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) die Broschüre aus ihrem Repertoire. Zum Entsetzen der Fachwelt: Die kritisierten Zitate seien aus dem Zusammenhang gerissen, die BZgA und die Autorin Ina-Maria Philipps würden verleumdet, sagen Experten.

Umstrittener Elternratgeber: "öffentliche Aufforderung zum sexuellen Missbrauch von Kindern" contra "keine Beanstandung"
BZgA

Umstrittener Elternratgeber: "öffentliche Aufforderung zum sexuellen Missbrauch von Kindern" contra "keine Beanstandung"

"Aus sexualwissenschaftlicher und sexualpädagogischer Perspektive ist an der Aufklärungsbroschüre 'Körper, Liebe, Doktorspiele' nichts auszusetzen", schreibt der Kieler Sozialpädagoge Uwe Sielert. Er ist wissenschaftlicher Beirat des Instituts für Sexualpädagogik (ISP) in Dortmund, der renommiertesten Institution dieser Fachrichtung in Deutschland.

Das ISP schreibt in einer eigenen Stellungnahme: "Dieser Versuch, die Broschüre samt Autorin in die Nähe von Pädophilenfreunden zu stellen und eine Förderung von sexuellem Kindesmissbrauch zu konstruieren, ist eine böswillige Verleumdung, die deren Wirken für einen liebevollen, gewaltfreien Umgang mit Kindern ins Gegenteil verkehren will." Das Institut ist überzeugt: "Die Zielrichtung der in der Broschüre beschriebenen Sexualerziehung ist in keiner Weise fragwürdig oder zweideutig; der Text muss dazu nicht 'gerade gerückt' werden."

BZgA-Direktorin Elisabeth Pott hatte sich in der vergangenen Woche vorsichtiger geäußert: Es habe sie zwar überrascht, dass nun - sechs Jahre nach der Veröffentlichung - erstmals Missverständnisse aufgekommen waren und Kritik laut wurde. Aber: "Wir nehmen die Kritik ernst", sagte sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE mehrfach. Bei der Überarbeitung der Broschüre sollten die Beanstandungen berücksichtigt werden.

Sozialpädagogen: "Zerrbild", "fundamentalistische Angreifer"

Sozialpädoge Sielert spricht denn auch von einem Zerrbild: In der Broschüre sei "neben der sexuellen Erlebnisfähigkeit von Liebe und Verantwortung die Rede, von Erziehung im familiären Kontext und vor allem ausführlich von dem Bemühen, Kinder gegen sexuellen Missbrauch stark zu machen. Wenn man nun einige Aussagen anders rahmt, das heißt aus dem Zusammenhang reißt und in einen völlig neuen Kontext bettet, entstehen Fragen und Missverständnisse, die der Klärung bedürfen. (...) Wenn die neue Rahmung aber nicht der Klärung, dem Verstehen wollen, sondern völlig anderen Interessen dient, entsteht ein Zerrbild des ursprünglich in der Broschüre Gemeinten." Siefert spielt damit auf "religiös-fundamentalistische Kritiker an", die einzelne Aussagen der Aufklärungsbroschüre "in den Kontext ihrer Perspektive des Kulturverfalls westlicher Gesellschaften" stellen.

Das ISP sieht als "Ausgangspunkt der Pressekampagne" einen Artikel der Publizistin Gabriele Kuby, der am 29. Juni in der rechtsextremen Wochenzeitung "Junge Freiheit" erschien. Unter der Überschrift "Auf dem Weg zum neuen MENSCHen" ließ sich die Soziologin und dreifache Mutter über "die Zwangssexualisierung durch Staat und Medien" aus. "Kostproben" aus der BZgA-Aufklärungsbroschüren wurden serviert, darunter auch Zitate aus "Körper, Liebe, Doktorspiele": einzelne Sätze aus dem 40 Seiten umfassenden Band, der sich der frühkindlichen Sexualentwicklung während des ersten bis dritten Lebensjahrs widmet. Ein zweiter Band beschäftigt sich mit der vorschulischen Entwicklung vom vierten bis sechsten Lebensjahr. Am vergangenen Dienstag erschien dann ein Artikel im "Kölner Express" - mit Kubys Zitat-Auswahl und ausschließlich kritischen Statements.

In infamer Weise habe die Zeitung Aussagen aus ihrer Broschüre aus dem zusammenhang gerissen, sagt Autorin Ina-Maria Philipps SPIEGEL ONLINE. "Kinderschutz und das Gegenstück Missbrauch sorgen immer für entsprechendes Interesse", sagt die Sexualpädagogin, die vom ISP sehr geschätzt wird. "Es muss eine fachliche Debatte geführt werden. Die Gegner sexualfreundlicher Pädagogik outen sich nicht; sie veröffentlichen keine konstruktive Kritik, sondern sind nur polemisch."

Die Autorin und die BZgA wurden sogar angezeigt - wegen öffentlicher Aufforderung zum sexuellen Missbrauch von Kindern. "Ich habe die Broschüre von Bekannten bekommen, sie gelesen und war der Meinung, dass das so nicht geht", sagte Ulla Lang in der vergangenen Woche SPIEGEL ONLINE. Die 64-jährige Mutter von zwei erwachsenen Töchtern beanstandete in ihrer Anzeige sechs Passagen - die allerdings von den Ermittlern deutlich weniger kritisch gesehen werden. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagte heute Günther Feld, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Köln, das Verfahren sei schon vorige Woche gleich eingestellt worden: "Kein Tatverdacht."

Broschüre verurteilt Pädophilie statt sie zu unterstützen

Das ISP fordert in der Stellungnahme, Kinder bräuchten wie in allen Lebensbereichen eine "bewusste Wahrnehmung und Anerkennung ihres Körpers und ihrer sinnlichen Bedürfnisse, die Beantwortung ihrer Fragen und das gemeinsame Gespräch zu allem, was mit Sexualität und Beziehung zusammenhängt". Diese "akzeptierende und fördernde Haltung" nennt das Institut "sexualfreundlich" - und will sich so von jenen abgrenzen, "die behaupten, ihr Kind durch Leugnung des Sexuellen am besten schützen zu können".

Deswegen ist es laut ISP "aus sexualerzieherischer Perspektive grundsätzlich begrüßenswert", wenn Kleinkinder ihren eigenen Körper erkundeten und sich selbst befriedigten. "Fremderkundungen im Doktorspiel sollten von Eltern mit gutem Gewissen erlaubt werden dürfen, ohne dass diese glauben, im Falle einer Berührung der Analgegend oder bei einer (harmlosen) Untersuchung der Scheide dazwischen springen zu müssen." Außerdem dürften Väter die Genitalien ihrer Töchter durchaus mit Kosenamen bezeichnen. "Es besteht ein sehr grundlegender Unterschied zwischen einer für eigene Zwecke ausnutzenden, grenzverletzenden Berührung und einer uneigennützigen, respektvollen Zärtlichkeit", teilt das ISP mit. "Die Wahrnehmung genau dieses wichtigen Unterschiedes wird durch eine sexualfreundliche Aufklärung, wie sie die Broschüre 'Körper, Liebe, Doktorspiele' leistet, unterstützt."



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