Körperwelten-Fabrik Leichen-Schausteller von Hagens in Polen unter Druck

Leichen-Aussteller Gunther von Hagens will in Polen eine Fabrik zur Präparierung von Toten eröffnen. Sein Vater dient ihm dabei als Statthalter. Doch jetzt sorgt ein Bericht des SPIEGEL über die SS-Vergangenheit des 88-Jährigen für Aufregung. Die polnische Staatsanwaltschaft nimmt Vorermittlungen auf.


 Von Hagens auf Werkschau: Von der Vergangenheit des Vaters angeblich nichts gewusst
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Von Hagens auf Werkschau: Von der Vergangenheit des Vaters angeblich nichts gewusst

Warschau/Berlin - Nach Erscheinen der neuesten SPIEGEL-Ausgabe erklärte die Posener Abteilung des Instituts des Nationalen Gedenkens (Instytut Pamieci Narodowej,IPN), sie wolle die Vergangenheit von Gerhard Liebchen - dem Vater des Körperwelten-Machers von Hagens - überprüfen lassen.

Der heute 88-Jährige war nach Dokumenten, die nach Informationen des SPIEGEL in polnischen und deutschen Archiven lagern, nicht nur NSDAP-Aktivist, sondern auch Mitglied der SS, zumindest in den Jahren 1939/40 sowie 1942. Zudem soll ihn der spätere Vernichter des jüdischen Ghettos in Warschau, der SS-Führer Jürgen Stroop, 1940 beim SS-Hauptamt für die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes vorgeschlagen haben. Liebchen hatte gegenüber dem SPIEGEL erklärt, es sei ihm bis Redaktionsschluss mit den ihm "zur Verfügung stehenden Mitteln" nicht möglich gewesen, "zu so komplexen Sachverhalten Aussagen in angemessener Weise zu machen, die schon 60 Jahre und mehr zurückliegen".

Liebchen ist Vater des Körperwelten-Betreibers Gunther von Hagens, dessen präparierte Leichen weltweit für Schlagzeilen sorgten. Zu Zeit betreut er ein geplantes Unternehmen seines Sohnes im polnischen Sieniawa Zarska, rund 50 Kilometer östlich von Cottbus. Hier will der Leichenpräparator eine neue Fabrik zur "Endfertigung" seiner menschlichen Präparate errichten.

"Aufgrund der journalistischen Berichte der polnischen und deutschen Zeitungen werden wir überprüfen, ob Herr Liebchen an der Verschickung von rund 60 Polen in Konzentrationslager beteiligt war", so Staatsanwalt Josef Krenz von der Posener Abteilung des IPN. Diese Überprüfung könnte eine Grundlage sein für weitere Ermittlungen wegen der Teilnahme an Massenmord, so Krenz weiter. Das 1998 gegründete IPN, das seine Arbeit Mitte 2000 aufnahm, dokumentiert und verfolgt Verbrechen gegen die polnische Nation im Zeitraum von 1939 bis 1989.

Nach Recherchen der Warschauer Zeitung "Rzeczpospolita" ist Liebchen, Sohn eines Eisenbahners aus dem Warthegau, möglicherweise an der Verschickung von Polen in Konzentrationslager beteiligt gewesen sein. Nach dem Bericht der Zeitung soll der Pole Stefan Tomczak den Sohn eines "pensionierten Eisenbahners" aus Alt-Skalden beschrieben haben, der eine Liste mit den Namen von 60 polnischen "Aufständischen, Studenten und Reserve-Offizieren" aus der Umgebung von Skalmierzyce erstellt haben soll, die im April 1940 in Konzentrationslager deportiert worden seien.

Im Gemeinderat von Sieniawa Zarska, einem von hoher Arbeitslosigkeit betroffenen Ort, wurde am Montagabend über eine offizielle Stellungnahme zum geplanten Betrieb des Ausstellungsmachers von Hagens debattiert. Dabei verständigte man sich darauf, zunächst ein Treffen mit dem "Körperwelten"-Betreiber abzuwarten. Entscheidend werde die Begegnung der Gemeindeverwaltung mit von Hagens im April sein, so Bürgermeister Jan Dzyga.

Von Hagens reagiert online

Gunther von Hagens reagierte inzwischen mit einer umfangreichen Presseerklärung, die auf seiner Homepage (www.koerperwelten.de) veröffentlich ist. Darin schreibt der heute 60-Jährige, von den Vorwürfen, einschließlich der SS-Vergangenheit seines Vaters, habe er erst in den letzten Tagen Kenntnis erhalten. "Mein Vater lehnte bisher jedes konkrete Gespräch über seine Kriegserlebnisse mit der Begründung ab, er wolle uns Kinder nicht mit der Vergangenheit belasten. So beschränkte sich meine Kenntnis über die Vergangenheit meines Vaters jener Zeit im Wesentlichen auf Erzählungen der Eltern meines Vaters", so von Hagens weiter.

Er halte es angesichts deutscher historischer Schuld, in der auch ich als Nachkriegsgeborener stehe, für unverzichtbar, dass sein Unternehmen personell jenseits allen Zweifels unbelastet sei. "An dieser Entscheidung wird sich auch dann nichts ändern, wenn es meinem Vater gelingen sollte, alle Vorwürfe schuldhaften Verhaltens zu entkräften", so von Hagens.

 Demonstration der Patientenschutzorganisation: Verachtung der Toten
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Demonstration der Patientenschutzorganisation: Verachtung der Toten

"Konkret auf die vom SPIEGEL erhobenen Vorwürfe der Beteiligung an der Unterdrückung der polnischen Bevölkerung, die in Rede stehende Denunziation und die vorgeschlagene Auszeichnung mit dem "Kriegsverdienstkreuz" angesprochen, versicherte er mir, weder jemals eine solche Liste erstellt, noch aktiv an der Unterdrückung polnischer Bürger mitgewirkt zu haben", schreibt von Hagens. Auch sei der Name des im SPIEGEL genannten Zeitzeugen seinem Vater unbekannt. Des Weiteren habe sein Vater sich nie an Pogromen oder anderen Unterdrückungsmaßnahmen beteiligt und auch nie Gefangenentransporte begleitet.

Inzwischen hat Gunther von Hagens seinen Vater von der Betreuungsfunktion für das geplante Werk in Polen entbunden. Sein Vater habe ihm angeboten, ab sofort und dauerhaft nicht mehr in seinem Namen und dem seines polnischen Unternehmens aufzutreten, so von Hagens weiter. Sein Vater habe ihm empfohlen, "mit dieser Aufgabe einen polnischen Staatsbürger zu betrauen. Dieses Angebot habe ich angenommen", so von Hagens.

Severin Weiland, Übersetzungen aus dem Polnischen Marta Glowacka



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