Körting und die Araber Falsche Schablonen im Kopf

Der Berliner Innensenator Erhart Körting hat vorgeschlagen, arabischsprachige Nachbarn, die sich auffällig verhalten, bei der Polizei zu melden. Seine nachgeschobene Relativierung hilft nicht: Er scheint zu vergessen, wer einige der zuletzt festgenommenen Gefährder waren - urdeutsche Fanatiker.
Von Yassin Musharbash
Berliner Innensenator Körting: "Seltsam aussehende Menschen"?

Berliner Innensenator Körting: "Seltsam aussehende Menschen"?

Foto: Angelika Warmuth/ dpa

Erhart Körting

Gerade hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die nicht einfache Aufgabe gemeistert, der Öffentlichkeit ein Bild von der Terrorgefahr zu zeichnen, ohne in Panikmache zu verfallen. Nun verlässt der Berliner Innensenator (SPD) die Fahrrinne der Seriosität und schwadroniert im RBB: "Wenn wir in der Nachbarschaft irgendetwas wahrnehmen, dass da plötzlich drei etwas seltsam aussehende Menschen eingezogen sind, die sich nie blicken lassen oder ähnlich, und die nur Arabisch oder eine Fremdsprache sprechen, die wir nicht verstehen, dann sollte man glaube ich schon mal gucken, dass man die Behörden unterrichtet, was da los ist."

Ein Innensenator, dem als erstes solche Vorschläge einfallen, hat weder die Natur der Gefahr verstanden, noch ein Gespür dafür entwickelt, wie angespannt die Stimmung bereits ist. Viele Menschen fragen sich derzeit, ob sie in diesem Jahr auf den Weihnachtsmarkt gehen können - und Körting redet ihnen ein, die Gefahr lauere womöglich schon in der Nachbarwohnung.

In Großbritannien und den USA, wo - auch wegen der schrecklichen Erfahrung tatsächlich erfolgter Anschläge - die Debatte über wirksame Methoden der Terrorabwehr und -prävention weiter fortgeschritten ist, würde jemand wie Körting ausgelacht. Dort weiß man, dass das Beharren auf einer gefühlten Trennungslinie zwischen "uns" und "denen", zwischen den "Deutschen" und "den Muslimen", den "Normalen" und denen, die "fremde Sprachen sprechen", ein Zerrbild ist - und nicht hilft, wenn man Anschläge verhindern will.

Einige der zuletzt gefassten Terroristen, die in Deutschland Bomben zünden wollten, haben geschwäbelt. Einige der Terrorverdächtigen, die sich derzeit in Terrorcamps in Waziristan aufhalten und als mögliche Attentäter gelten, berlinern. Sie würden eine arabischsprachige Bombenbauanleitung nicht einmal verstehen. Etliche von ihnen haben sich zudem in einem derartigen Tempo radikalisiert, dass nicht einmal die engsten Verwandten in derselben Wohnung etwas mitbekamen.

All diese Fakten scheinen Körting nicht präsent, das ist erschütternd. Einen Teil seiner Aussagen hat er mittlerweile relativiert, aber das ändert daran wenig. Die Schablonen in seinem Kopf sind offenbar nie aktualisiert worden - und das ist wirklich beunruhigend. Was würde passieren, wenn in Berlin tatsächlich ein Anschlag verübt würde - und es eine besonnen und angemessen reagierende politische Führung braucht?