Kofferbomber-Prozess Nach neun Minuten klickten wieder die Handschellen

Der Anschlagsplan war perfide: In zwei deutschen Regionalzügen sollten im Sommer 2006 zeitgleich Bomben hochgehen. Doch die Zünder versagten. Gegen einen der Kofferbomber begann heute der Prozess in Beirut - und wurde nach neun Minuten schon wieder vertagt.

Von , Beirut


Beirut - Dschihad Hamad hat Mühe, die Hand zu heben. Der Vorsitzende Richter Michel Abu Arasch hatte mit leiser Stimme seinen Namen aufgerufen, doch Hamad kann sich nicht als anwesend melden: Seine Handgelenke sind mit Handschellen an die seiner Mitangeklagten gefesselt, er lächelt entschuldigend.

Libanesischer Sicherheitsmann vor dem Prozessgebäude in Beirut: Nach neun Minuten war alles vorbei
AFP

Libanesischer Sicherheitsmann vor dem Prozessgebäude in Beirut: Nach neun Minuten war alles vorbei

Erst, nachdem eine seiner sechs mit Sturmgewehren und schweren Schusswesten ausgerüsteten Wachen mit einem Schlüsselbund hantiert, kann Hamad aufstehen und die Fragen des Richters beantworten: Ja, sein Name sei Dschihad Hamid, ja, er stamme aus der nordlibanesischen Stadt Tripoli, sagt der 21-Jährige leise und wirkt dabei wie ein Schüler, der einen erzürnten Lehrer durch prompte und richtige Antworten besänftigen will. Ja, der Mann dort in der schwarzen Robe sei sein Anwalt, Fawaz Zakariya. Mehr ist nicht zu sagen, also setzt sich Hamad wieder und hört zu, wie seine drei Mitangeklagten im hallenden Marmorsaal des Beiruter Justizpalasts Auskunft zu ihren Personalien und Anwälten geben.

Die meisten Deutschen hätten Dschihad Hamad, gegen den heute der Prozess eröffnet wurde, wiedererkannt. Der junge Mann, den Deutschland als "Kofferbomber" kennt, hat sich kaum verändert, seit sein Fahndungsfoto im vergangenen Sommer wochenlang auf allen TV-Kanälen lief. Ein bisschen blass ist der ehemalige Student des Kölner Studienkolleg nach mehr als sieben Monaten in libanesischer Haft.

Ansonsten sieht er aber mit seinem ordentlich gestutzten Drei-Tage-Bart genauso aus wie auf den Plakaten, mit denen die Polizei nach ihm suchte: Harmlos, nett, ein Schwiegermuttertyp. Nicht wie ein Möchtegern-Terrorist, der angetrieben von islamistischem Gedankengut Gasflaschen zu Bomben umbaut. Nicht wie ein Fanatiker, der zusammen mit seinem Kumpel Youssef al-Hajdib diese selbstgebastelten Sprengsätzen in zwei Kölner Vorortzügen abstellt, wo sie per Zeitschaltuhr ausgelöst explodieren und möglichst vielen Menschen töten, verstümmeln und verbrennen sollen.

Bubu grinst immer wieder triumphierend

Doch genau dafür steht Dschihad Hamad vor Gericht: Am 31. Juli 2006 soll er den Terroranschlag auf zwei nordrhein-westfälische Nahverkehrszüge versucht haben, der nur fehlschlug, weil die Brandsätze nicht zündeten. Wenn es zur Explosion gekommen wäre, wären mehr Menschen gestorben "als bisher vorstellbar war", hat der Chef des Bundeskriminalamts im Laufe der Ermittlungen zu Protokoll gegeben, und genau deshalb will in der Generalstaatsanwalt des Libanon Hamad und seine mutmaßlichen Komplizen lebenslang im Gefängnis Zwangsarbeit leisten sehen: Den 21-Jährige Aiman Abdullah Hawwa, der mit modischem Ziegenbärtchen auf der Anklagebank sitzt und verdächtigt wird, Anleitungen zum Bombenbau und Botschaften von Osama Bin Laden besorgt und zu den beiden Akteuren nach Deutschland gemailt zu haben. Den 23-jährige Chalid al-Hajdib, dessen Verwandtschaft den Zuschauerraum füllt und der den Kontakt zwischen seinem in Deutschland studierenden Cousin Youssef und dem nach Deutschland reisenden Dschihad Hamad hergestellt haben soll. Den 24-jährigen Chalil Bubu, der im traditionellem Gewand des Gläubigen vor Gericht erschienen ist, Rauschebart und ein beiges Häkelkäppchen trägt und als einziger seinen Auftritt sichtlich genießt.

Bubu, der immer wieder triumphierend grinst, ist kein unbeschriebenes Blatt. Er sitzt bereits wegen Mordversuchs an einem libanesischen Soldaten und des Niederbrennens der dänischen Botschaft in Beirut während der Karikaturenkrise hinter Gittern und muss sich nun erneut verantworten, weil seine Telefonnummer in einem der Bombenkoffer gefunden wurde.



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