Kohl Altkanzler in der "Opferrolle"

Die Veröffentlichung seines politischen "Tagebuches" schlägt erneut hohe Wellen. SPD und CDU übten Kritik an den Darstellungen des Altkanzlers zur Spendenaffäre.


Altkanzler Helmut Kohl
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Altkanzler Helmut Kohl

Berlin - Die SPD warf Kohl vor, er wolle sich als Opfer darstellen, ohne mehr mitzuteilen, als er bisher gesagt habe. "Kohl setzt seine Linie fort, die man bei ihm kennt", kritisierte Generalsekretär Franz Müntefering im Berliner Radio FAZ 93,6. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Spenden-Untersuchungsausschusses des Bundestages, Volker Neumann (SPD). Er sagte, der Altkanzler "will in eine Opferrolle kommen. Aber das wird ihm nicht gelingen, solange nicht die Geldquellen offenbar sind." Im übrigen enthalte Kohls Tagebuch bisher nicht mehr, als er bereits im Untersuchungsausschuss gesagt habe.

Nach der Erstveröffentlichung von Auszügen in der "Welt am Sonntag" setzte die "Welt" am Montag die Serie fort. Darin erneuert der Altkanzler seine Kritik an Parteimitgliedern wie dem sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf. Dieser habe während der Spendenaffäre seine "Rachegefühle" ihm gegenüber nur schwer verbergen können. Biedenkopf empfinde es als eine Schande, dass er nicht selbst Bundeskanzler geworden sei, schrieb Kohl.

Der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Repnik, konnte im Tagebuch "nichts wesentlich Neues" entdecken. Er glaube auch nicht, dass diese Publikation tief hineinwirke in die Herzen der Parteimitglieder, sagte er im Südwestrundfunk. Die CDU habe wegen der Spendenaffäre ein schwieriges Jahr hinter sich. Aber in der Öffentlichkeit sei deutlich geworden, dass es in dieser Sache zwischen der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und Kohl unterschiedliche Ansichten gegeben habe. Dieses Kapitel sei jedoch zumindest parteiintern inzwischen abgeschlossen. CSU-Generalsekretär Thomas Goppel sagte in der "Welt", Kohl betreibe "Trauerarbeit" und versuche, mit einem schwierigen und selbst verschuldeten Kapitel fertig zu werden. Der "subjektiven Sicht" des Tagebuchs müsse man auf Dauer aber auch andere "subjektive Sichten" gegenüberstellen, verlangte Goppel. "Allein stehen lassen darf man das nicht."

Im Hessischen Rundfunk kritisierte der Kohl-Biograf Klaus Dreher die neueste Veröffentlichung des Altkanzlers als "ein schlimmes Buch". Die Publikation sei überhaupt kein Tagebuch, "wie man ganz klar sehen kann", sagte Dreher. Kohl habe nämlich nie ein Tagebuch geführt, auch nach seinem Sturz nicht. Das Buch sei vielmehr "nachträglich gefertigt" worden. Die im Buch aufgestellte "Konstruktion einer Verschwörung" sei "der reine Unsinn".



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