Kohl-Auftritt in Berlin "Noch einmal die klappernden Kameras hören"

Die Einheit ist sein Lebensthema - dafür zeigt sich Helmut Kohl auch im Rollstuhl: Sichtlich von seiner Krankheit gezeichnet, präsentierte der Altkanzler in Berlin eine Sonderedition des Fotobands "Die Mauer". Kohl genoss die Aufmerksamkeit und fand einige bewegende Worte.

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Berlin - Ein alter Mann sitzt an diesem Nachmittag im Berliner "Kennedy"-Museum, unweit des Brandenburger Tors. Der Hemdkragen ist ihm weit geworden, sie mussten ihn im Rollstuhl vor die Kameras und Fotoapparate schieben. Helmut Kohl, 79, ist nur ein Schatten seiner selbst - aber noch immer vermag er seine Umgebung zu beeindrucken. Als "mein Lehrmeister" begrüßt ihn Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der Malerfürst Markus Lüpertz nennt Kohl ein "lebendes Symbol".

Das Leben hat es zuletzt nicht gut gemeint mit Kohl. Lange war der CDU-Politiker nach einem schweren Sturz vor anderthalb Jahren nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten. Erst Anfang Mai tauchte der von seiner Krankheit Gezeichnete wieder für eine Preisverleihung in Stuttgart auf. Dann dauerte es erneut Monate, bevor er sich am Wochenende mit seinen einstigen Verhandlungspartnern George Bush und Michail Gorbatschow zeigte, die Adenauer-Stiftung hatte zu einer Mauerfall-Feierstunde geladen. Die Einheit ist Kohls Lebensthema. Und nur deshalb tut er sich auch an diesem verregneten Novembertag das Blitzlichtgewitter an. Minutenlang.

"Es ist die Chance, dabei zu sein und noch mal die klappernden Kameras zu hören", wird er am Ende einer kurzen Ansprache sagen. Letzteres scheint mehr der altersweisen Höflichkeit geschuldet, denn Kohl war nie ein Blitzlicht-Junkie. Im ersten Teil dieses Satz steckt das Anliegen des Altkanzlers: "Die Mauer/The Wall" stellt in beeindruckenden Fotos das zunächst geteilte und dann vereinigte Berlin in den Jahren von 1961 bis 1992 dar. Kohl hat ein Vorwort zu dem Fotoband verfasst.

Kohl freut sich, dabei zu sein

Es sei lange nicht damit zu rechnen gewesen, dass der Altkanzler am heutigen Termin teilnehmen könne, sagt Herausgeber Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild". Umso mehr freue er sich, dass Kohl nun neben ihm sitze.

Noch mehr freut das ganz offensichtlich den so Gewürdigten. Seine Augen blitzen, beinahe wie früher.

"Verehrter lieber Herr Bundeskanzler" nennt ihn Diekmann zur Begrüßung. Der "Bild"-Chef verehrte Kohl schon als Gymnasiast - und durfte ihn damals für seine Schülerzeitung "Passepartout" interviewen. Brav verweist Diekmann nun auf eine weitere Publikation, das soeben erschienene Kohl-Buch "Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung - Meine Erinnerungen".

Vor Diekmann las Maler Lüpertz - der nur Monate nach dem Mauerbau nach Berlin zog - ein paar prosaische Erinnerungen an diese Tage, zu Beginn sprach Kulturstaatsminister Neumann, ein alter Weggefährte Kohls. Es sind manche da im weißwandigen "Kennedy"-Museum, die ihm politisch und persönlich nahe waren: wie Eberhard Diepgen, schon im geteilten Berlin Regierender Bürgermeister. Oder Jörg Schönbohm, der in diesen Tagen als brandenburgischer Vizeministerpräsident ausscheidet - unter Kohl diente er als Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Aber auch Fans sind gekommen, wie der Modedesigner Wolfgang Joop.

Der Oggersheimer Kohl-Sound ist nur noch manchmal herauszuhören

"Erlauben Sie mir ein kurzes Wort", sagt Kohl schließlich. Es geht dann für ein paar Minuten um gute Freunde und richtige Entscheidungen, ums Erinnern und Vergessen. Nicht jeder Satz ist zu verstehen, die Worte bereiten dem Altkanzler Mühe, auch seine Stimme ist schwach geworden. Der typische Oggersheimer Kohl-Sound ist nur noch manchmal herauszuhören, beispielsweise in dem Satz: "Ich wünsche mir, dass noch in 20 Jahren viele Leute diese Bücher zur Hand nehmen." Darum geht es dem "Kanzler der Einheit", das ist ihm wichtig.

Als er endet, klatscht eine zierliche Dame besonders eindringlich, die links hinter Kohl an der Wand lehnt. Maike Richter - 34 Jahre jünger - fand ihren Lebensgefährten, als er im Frühjahr 2008 gestürzt war. Tagelang kämpfte der Altkanzler mit dem Tod, noch während der Reha-Zeit heirateten die beiden im kleinen Kreis.

In Kohls neuem Buch ist folgende Widmung zu lesen: "Für Maike, ohne die ich das Jahr 2009 nicht erlebt hätte."

insgesamt 1962 Beiträge
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Seite 1
derweise 31.10.2009
1. Außenpolitisch
Außenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
c++ 31.10.2009
2. ritualisierter Vergangenheitsbewältigung
Wir haben diese Form der ritualisierten Vergangenheitsbewältigung noch nicht einmal 64 Jahre nach dem Ende des 2. WK überwunden, noch immer kommt, meist unangebracht, die erhobene Zeigefinger: "Deutschland bei seiner Geschichte ...", "Aufgrund des historischen Erbes...". Und da wollen die Genossen schon nach 20 Jahren aus ihrer historischen Schuld entlassen werden. Nein, Genossen, noch über 40 Jahre muss das Gedenken an den DDR-Sozialismus in Deutschland allgegenwärtig sein. Da darf es nicht zu Verharmlosungen und Relativierungen kommen. Die eigentliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit begann 1968, 23 Jahre nach dem Zusammenbruch. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur müsste jetzt mal langsam beginnen. Ansonsten hat Platzeck natürlich Recht. Wer die DDR als Irrweg sieht, sich zum demokratischen Rechtsstaat bekennt, warum sollte man da Barrieren errichten? Allerdings wirklich nur dann, wenn es keine DDR-Nostalgiker sind. Und die gibt es noch in der Linken. Noch ist die Einsicht in das Unrecht nicht ausgelöscht, der Schoß ist fruchtbar noch.
goethestrasse 31.10.2009
3.
Versöhnen mit den SED - Erben .. Schwamm drüber , über 40 Jahre DDR. da bin ich mal gespannt, was hier im forum abgeht.
mursilli 31.10.2009
4. Mit oder ohne Hoffnungen
Zitat von sysopZwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer darf Bilanz gezogen werden. Nach großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anstrengungen bleiben für viele Deutsche die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Welche Hoffnungnen weckte der Mauerfall, welche konnten Ihrer Meinung nach erfüllt werden?
- der Fall der Mauer selbst war das Ereignis. Plötzlich war das Zuchthaus offen und seine Leitung entmachtet.
ArbeitsloserMathematiker 31.10.2009
5.
Zitat von derweiseAußenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
Tja, die "geistig-moralische Wende" kann man eher mit der Inversion am Einheitskreis vergleichen...
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