Kohl-Krimi So korrupt ist die Republik?

Der 600-Seiten-Wälzer "Helmut Kohl, die Macht und das Geld" erschreckt selbst jene, die sich über den Spendensumpf auf dem Laufenden glaubten. SPIEGEL-Autor Wolfram Bickerich über ein Buch, dessen Inhalt man kaum glauben mag.

Von Wolfram Bickerich


Nun ist es endlich erschienen, das Buch zum Film. Der Film läuft schon fast ein Jahr ziemlich erfolgreich vor unser aller Augen und heißt so ähnlich wie "Der Pate oder Wie ein Patriarch sein Haus zerstört": Er hat den Umgang von Helmut Kohl mit seiner CDU zum Inhalt. Das Buch heißt "Helmut Kohl, die Macht und das Geld", verfasst von den drei Journalisten der "Süddeutschen Zeitung" Hans Leyendecker, Heribert Prantl und Michael Stiller. Es ist in seiner niederschmetternden Brutalität beinahe schlimmer als die Wirklichkeit.

Der Leser ist nach 608 Seiten fassungslos bis entsetzt

Der Leser ist nach 608 Seiten fassungslos bis entsetzt

Unsere Wirklichkeit, das waren doch die Häppchen an Wahrheit, die uns der unglückliche Kohl-Nachfolger Wolfgang Schäuble oder auch der brutalstmögliche Hessen-Aufklärer Roland Koch tages- oder wochenweise seit letztem November angedeihen ließen. Nun aber kommt's knüppeldick am Stück, auf 608 Seiten in edlem schwarzen Leinen, und am Ende ist selbst der Leser, der alle Facetten des CDU-Spendenskandals kennt, der selbst jahrelang Kanzler Kohl und seinen Dauerrivalen Franz Josef Strauß publizistisch begleitet hat, fassungslos bis entsetzt: So korrupt ist die Union? So egozentrisch sind ihre Anführer? So geldgierig unsere Parteien? So krank unsere Demokratie?

Das Buch erhebt nicht den Anspruch, Helmut Kohls skandalöses und des Kanzlers Kohl staatsmännisches Wirken geschichtsgetreu abzuwägen. Starreporter Leyendecker erschlägt uns mit finanziellen Transaktionen und der Geldgier, die das so genannte System Kohl über lange Jahre steuerte. Bayernexperte Stiller erinnert an den nun wirklich korrupten Franz Josef Strauß, und Ressortleiter Prantl, einst Richter in Regensburg, der alles klug zusammenfasst, macht es sich ein wenig leicht, zu leicht, mit der Behauptung, Kohl und Strauß seien trotz aller Unterschiede im Detail und Habitus quasi Brüder im Geiste, nämlich gleichermaßen korrupt und raffgierig.

Nein, nein!, möchte man schreien und den dicken, für Journalisten ja stets unsympathischen Kohl in Schutz nehmen: Der hat sich doch gar nicht persönlich bereichert! Hat er nicht sogar eine Hypothek aufs eigene Haus in Oggersheim aufgenommen, um den von ihm angerichteten Schaden zu mindern? Hat er nicht als Kanzler die Deutschen - manche unter Protest - 16 Jahre lang einigermaßen sicher ans Ende des Jahrhunderts geleitet?

Weshalb hat keiner früher gefragt?

Klar, er hat mit Geld unrechtmäßig seine Macht gesichert, die ohne Geld vielleicht schon eher zerbröselt wäre. Wir denken an die immer wiederholten Sprüche von Kohls einst engstem Mitarbeiter, dem damaligen Generalsekretär Heiner Geißler, über seinen Chef: "Der kann es nicht!" Und trotzdem hat er es gekonnt, allerdings im rechtsstaatlichen Sinne illegal. Übrigens hat ihn auch Geißler, mit dem ihn seit Mitte der achtziger Jahre eine herzlich intime Abneigung verbindet, niemals gefragt, wo denn das viele Geld herstammen könne, mit dem der Kanzler seine Pfründe sicherte. Kohl hatte eben einfach Kohle, das gehörte zu seiner Aura, da fragte man besser nicht.

Und wenn einer gefragt hätte, wie zuletzt Schäuble vor dem endgültigen Bruch mit dem Lehrmeister - dann hätte Kohl, wir wissen es ja, so gelogen wie immer seit dem letzten November. Er hätte etwas von geheimnisvollen Gönnern gemurmelt, denen er sein Wort der Vertraulichkeit gegeben habe. Dabei ist nicht nur Schäuble fest davon überzeugt, dass es diese geheimnisvollen Spender nie gegeben hat; das viele Geld stammt aus schwarzen Kassen, von denen gewusst zu haben Kohl sich nicht zu bestätigen traut.

Im Vergleich dazu Strauß, der unheimliche Bayernherrscher: Er verwaltete ähnlich autoritär wie Kohl die Kassen seiner Partei; und während Kohl sich manchmal von Juliane Weber, seiner Allzeit-Vertrauten, helfen ließ, so war das bei Franz Josef die liebe Tante Käthe, Buchhalterin der Familie und von den Strauß-Kindern oft geschmähte Köchin. Sie führte ein eigenes Haushaltsbüchlein für die Partei; jedenfalls waren davon die Schatzmeister der CSU fest überzeugt.

Der Unterschied zu Kohl: Strauß ließ sich Zeit seines Lebens (er starb 1988) beim liederlichen Umgang mit Parteigeldern nicht erwischen. Weiterer Unterschied: Strauß war korrupt bis in die Zehenspitzen. Er vergab als Ministerpräsident des Freistaats PR- und Marketingaufträge an die Firma seines Freundes Walter Schöll, an der er verbotenerweise über eine komplizierte Treuhandkonstruktion selber beteiligt war. Er schanzte sich also höchstselbst Geld zu, indem er es von der Staatskasse in die eigene Tasche beförderte. Er war umgeben von Hofschranzen und seltsamen Gestalten, für die Steuerhinterziehung eine kleinliche Sünde und Millionenprovisionen eine normale Sache waren. Niemand, außer den Kindern und dem Steuerberater, kennt das FJS-Vermögen exakt; aber dass der Metzgersohn diese Welt als mehrfacher Millionär verließ, gilt als gesichert.

Verhallendes Hoffen auf Halt im Morast

Dennoch zeigt der seltsame Strauß-Epigone und Zögling Edmund Stoiber mit weit ausgestrecktem Finger auf die Skandalfiguren aus der Schwesterpartei, die das Vertrauen der Bürger in Recht und Demokratie zu schädigen im Stande seien. Dass sein früherer Chef das Vertrauen schon recht weit zerstört hat, kommt Stoiber nicht in den Sinn; er verlässt sich auf ein Wort, das Altphilologe Strauß gern benutzte; de mortuis nil nisi bene - sag über Tote nur Gutes. Dabei zeigen die meisten Finger an Stoibers Hand auf seine eigene CSU zurück.

Die parlamentarische Arbeit um Kohls CDU-Spendenskandal ist besser geeignet, ein wenig Vertrauen in die Selbstreinigungskraft von Parlament und Demokratie zurückzugewinnen. In Berlin, selbst in Wiesbaden wird ein wenig Aufklärung versucht und nicht alles unter den Teppich gekehrt.

Dennoch bleibt ein tristes Fazit am Ende der Affäre, deren letzte Verästelungen noch lange nicht aufgehellt sind: Deutschlands Parteienlandschaft ist ein Sumpf, in Sonderheit ein christdemokratischer. Vielleicht findet sich im ganzen Morast und Modder doch noch ein Halt, der vor dem Versinken bewahrt.

Altbundespräsident Roman Herzog hat die Affäre um Spenden- und Parteienmüdigkeit ziemlich nüchtern beurteilt: Es sei ein bisschen viel verlangt, wenn das Volk in einer Demokratie ausgerechnet Leute wählen soll, die ihm moralisch haushoch überlegen sind. Warum es stattdessen Leute wählte, die unentwegt Gesetze brachen oder sich darüber hinwegsetzten, hat Herzog nicht näher untersucht.

Hans Leyendecker, Heribert Prantl, Michael Stiller: "Helmut Kohl, die Macht und das Geld". Steidl Verlag, Göttingen 2000; 608 Seiten, 48 Mark.



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