Kohl und Merkel Rührung im Tränenpalast

Es war der erste gemeinsame Auftritt seit der Spendenaffäre. Kohl und Merkel demonstrierten in Berlin Harmonie. Alles wie gehabt: Der Alte ist wieder da, und der Feind steht links.


Merkel und Kohl im Tränenpalast
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Merkel und Kohl im Tränenpalast

Berlin - Der Tränenpalast an der Friedrichstraße in Berlin kennt die großen Gefühle von Abschied und Wiedersehen. Hier war der Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin, hier verabschiedeten sich und trafen sich Familien und Freunde zu Zeiten der deutschen Teilung. Am Mittwoch gab es an historischer Stätte wieder die großen Gesten von Erinnerung und Ankunft. Im Rahmen eines Kongresses der Konrad-Adenauer-Stiftung traten erstmals seit der CDU-Spendenaffäre die neue Vorsitzende Angela Merkel und Altkanzler Helmut Kohl gemeinsam auf.

Bereits am Abend vorher hatte sich angedeutet, wie die beiden künftig gemeinsam miteinander umgehen wollen. In Berlin war die erste politische Biografie über Merkel vorgestellt worden. In dem Buch ist auch ein Interview mit Kohl über Merkel aus dem Mai dieses Jahres abgedruckt, in dem sich der ehemalige Ehrenvorsitzende lobend über seine Ziehtochter auslässt. Und Merkel erklärte brav bei der Präsentation des Buches, sie habe sich "sehr gefreut über dieses Interview".

Versöhnung lautet das Stichwort. Merkel bemüht sich, die umstrittene Figur wieder in die Partei zu integrieren. In ihrer Rede am Mittwoch über "Deutschlands Zukunft in Europa" lobte sie brav den Kanzler der Einheit. Der saß in der ersten Reihe und klimperte gerührt mit den Augendeckeln. Zwei Sitze weiter saß Fraktionschef Friedrich Merz, noch vor wenigen Monaten einer derjenigen, der die deutlichsten Worte gegen Kohl fand. Am Mittwoch wanderte sein Blick immer wieder interessiert zum Altkanzler, und brav applaudierte er mit, wann immer Kohls historische Rolle erwähnt wurde. Ebenso Generalsekretär Ruprecht Polenz, ebenfalls in der ersten Reihe sitzend. Das Signal der neuen CDU-Spitze war nicht zu übersehen: Kohl gehört wieder zur Familie. Der einzige, der das Idyll hätte stören können, schwieg: Wolfgang Schäuble.

So gestärkt, nutzte Kohl nach Merkel in einer einstündigen Rede die Gelegenheit, nach all den lästigen Enthüllungen der vergangenen zehn Monate, wieder sein Lieblingsprojekt voranzutreiben: Das Bild von seiner Rolle in der Geschichte. Nicht weniger als drei Manuskriptseiten widmete er dem innenpolitischen Gegner, um klarzustellen, dass es sich bei SPD und Grünen schon immer um vaterlandslose Gesellen gehandelt habe, die das Ziel der Deutschen Einheit längst aufgegeben hatten. Weil die Einheit aber Verfassungsauftrag gewesen sei, kümmere es ihn wenig, wenn ausgerechnet diese Leute ihm nun Verfassungsbruch vorwerfen würden. Die Botschaft war klar: In seinen Augen geht es im Untersuchungsausschuss nicht um schwarze Kassen und anonyme Spender, sondern darum, den Altkanzler vom historischen Sockel zu stoßen.

Kohls Mühe mit historischen Vergleichen sorgte aber auch am Mittwoch bei einigen Gästen der Adenauer-Stiftung für Stirnrunzeln. Die Diktatur in der DDR habe tiefere Spuren hinterlassen als die NS-Zeit. Begründung: Sie habe ja 40 Jahre gedauert und nicht nur zwölf. Da wurde es dann kurz recht still im Saal. Aber weil Harmonie im Vordergrund stehen sollte, freuten sich alle, als Kohl es nicht vergaß, seinen Nachfolger Wolfgang Schäuble kurz zu erwähnen und zu loben für dessen Rolle als Architekt des Einigungsvertrages.

Der Bruch zwischen den beiden war ihm keine Worte wert. Man wird sehr genau registrieren, was Angela Merkel in der kommenden Woche sagen wird, wenn sie Schäubles Buch öffentlich vorstellt, in dem dieser schreibt, er habe schon viel zu viel seiner "knapp bemessenen Lebenszeit" mit Kohl verbracht. Doch bis dahin will die CDU die Leuchtkraft des Jubiläums der Einheit nutzen, um zu altem Glanz und alter Stärke zurückzufinden. Und dazu mussten sie den "Alten" in ihre Mitte nehmen, mit zögerlichen Ovationen und Rührung im Tränenpalast.



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