S.P.O.N. - Im Zweifel links Trauen wir uns!

Im Mittelmeer ertrinken Menschen. Aber die Politik hat mehr Angst als Herz. Sie fürchtet die Fremdenfeindlichkeit im eigenen Volk. Man sollte den Deutschen mehr zutrauen. Hilfe für Flüchtlinge, das ist eine Übung in Zivilcourage. Wir schaffen das!

Eine Kolumne von


Es wird zu viel geredet. Im Mittelmeer geht es jetzt darum, Menschen zu retten. Alles andere kommt später. Die Schlepperbanden, die gescheiterten Staaten, der internationale Terrorismus, das Dublin-Abkommen - das sind alles zu viele Worte zum falschen Zeitpunkt. Frauen, Männer, Kinder ertrinken. Wir könnten sie retten und tun es nicht. Das ist das einzige, was zählt.

Wir werden "alles tun, um zu verhindern, dass weitere Opfer im Mittelmeer vor unserer Haustür, auf quälendste Art und Weise umkommen". Angela Merkel hat das gesagt, nachdem wieder ein Schiff mit Flüchtlingen gesunken war. 800 Tote dieses Mal. Kurz vorher bis zu 400. Im Februar 330. Mehr als 1700 Menschen bislang allein in diesem Jahr. Und das Frühjahr hat gerade erst begonnen. Die Bundeskanzlerin redet selten Klartext. Dieses Mal hat sie auf die übliche Schwiemelei verzichtet. Werden wir alles tun, diese Opfer zu vermeiden? Hoffentlich!

Das Schlimmste ist das verlogene Argument der Verantwortung: Wer Flüchtlingen über das Meer hilft, unterstützt die Schlepper und lockt nur noch mehr Menschen ins Verderben. Es ist ein verdrehtes Argument. Mancher versteckt dahinter schlicht seine Fremdenfeindlichkeit, wie jener rechtspopulistische Journalist aus der Schweiz, der in der Talkshow von Günther Jauch neulich vor den "muslimischen Massen" warnte. (Immerhin, die Jauch-Redaktion musste offenbar auf die Schweiz ausweichen, um einen so kalten Fisch wie diesen zu finden.)

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Aber auch jemand wie Thomas de Maizière, dem man Rassismus nicht unterstellen mag, redet ähnlich: "Würden wir jetzt jeden, der im Mittelmeer ankommt, einfach aufnehmen nach Europa, dann wäre dies das beste Geschäft für die Schlepper, das man sich denken könnte", sagte der deutsche Innenminister unlängst. Wenige Tage nach de Maizières Äußerung kenterte jenes Schiff, das etwa 800 Menschen den Tod brachte.

Es war ja auch eine verquere Vorstellung, die sich de Maizière von diesen Leuten machte. Meinte er denn, dass die Schlepper aufhören, die Menschen in Gefahr zu bringen, wenn die Europäer aufhören, sie zu retten? Glaubte er denn, diese Kriminellen stellen bessere Boote bereit, seit die Italiener aufgehört haben, das Meer zu überwachen? "Mare Nostrum" wurde eingestellt, weil Italien keine Lust mehr hatte, die Kosten allein zu tragen. Neun Millionen Euro im Monat. Ein Witz.

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Flüchtlingskatastrophen: Dramen im Mittelmeer
Den Schleppern ist vollkommen gleichgültig, was aus ihren Passagieren wird. Uns kann es nicht gleichgültig sein. Dass wir überleben und die anderen sterben, das ist unsere Schuld. "Demokraten mögen nur Demokraten", schrieb der französische Philosoph Alain Badiou mit Abscheu: "Was die anderen anbelangt, jene aus den Hunger- und Todeszonen, da geht es vor allem um Papiere, Grenzen, Gefangenenlager, Polizeiüberwachung."

Die Deutschen können mehr, als die Regierung ihnen zutraut

Warum? Weil die Politiker Angst haben vor ihren eigenen Wählern. Weil sie dem Volk misstrauen. Ist das in Deutschland noch berechtigt? Das Land hat sich doch verändert seit den rassistischen Angriffen von Hoyerswerda. Die Deutschen können mehr, als die Regierung ihnen zutraut.

Ja, die Rassisten sind unter uns. Natürlich. In einem sächsischen Kurort haben neulich Empörungsdeutsche am Ortseingang ein Schild aufgestellt: "Bitte flüchten sie weiter, es gibt hier nichts zu wohnen!" Das ist die nackte Feindschaft. Die will nichts erklären, und mit der ist auch nicht zu argumentieren.

Aber das ist nicht das ganze Bild. Der Schriftsteller Navid Kermani hatte recht, als er jetzt in der "FAZ" schrieb: "Wo immer ein Flüchtlingsheim errichtet wird, bildet sich sofort eine Bürgerinitiative nicht etwa gegen, sondern für die Flüchtlinge!" Die ausländerfeindliche Pegida-Bewegung ist nie über den Osten hinausgekommen. Und die auch nicht gerade weltoffene AfD liegt in den Umfragen bei sechs Prozent.

Aber selbst wenn beide Bewegungen sich verdoppeln würden - die deutsche Zivilgesellschaft würde das aushalten. Es würde sie am Ende sogar stärken.

insgesamt 514 Beiträge
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Seite 1
bonngoldbaer 23.04.2015
1. Angst
Die Politiker haben nicht nur Angst vor den Wählern. Sie haben auch Angst vor den Kosten. Schwarze Null, Steuergeschenke für Reiche und Hilfe für Flüchtlinge. Das sind drei Dinge, von denen man maximal zwei haben kann. Und ich fürchte, CDU und SPD sind sich darüber einig, auf welches von den dreien sie verzichten wollen.
skeptiker6 23.04.2015
2. Da bin ich aber mal sehr gespannt,
ob sich das mit dem "aushalten" bewahrheitet. Denn das die "Rettung" aus mutwillig herbeigeführter Seenot nichts anderes ist als eine Einladung zu mehr Völkerwanderung, das kann nur der übersehen, der jegliches Eigeninteresse seinem Gutmenschentum unterzuordnen bereit ist.
demokratiesucher 23.04.2015
3. nicht verlogen, sonder wahr ist ...
Wer Flüchtlingen über das Meer hilft unterstützt die Schlepper und lockt nur noch mehr Menschen ins Verderben !
ultimaratiofarm 23.04.2015
4. Das Ende Europas, wie wir es kennen (und lieben)!
Das unsägliche Leid der Flüchtlinge kann nicht dadurch gemildert werden, dass wir durch die massenhafte Aufnahme dieser Menschen in wenigen Jahren das uns vertraute und lieb gewonnene Europa ad acta legen! Bedenkt eigentlich niemand, dass mit den Flüchtlingen auch deren Bildung, Sozialverhalten und Rollenverständnis nach Europa kommt? Vom religiösen Wahn ganz zu schweigen!? Man hilft den Menschen am besten, wenn man ihre Lebensbedingungen vor Ort, also dort, wo ihre HEIMAT ist, verbessert. Bis dahin müssen alle Flüchtlingsboote noch im Hafen in Libyen versenkt werden, bevor der erste Flüchtling es betritt! Und Schleuser sollten ausnahmslos eine lebenslängliche Haftstrafe bekommen. So hart es klingt, aber lassen wir weiter jeden rein, bedeutet das nicht weniger als das Ende Europas in jeder Hinsicht. Und weil der doofe Michel mal wieder am meisten Flüchtlinge aufnimmt, fängt der Niedergang genau bei uns an! Aber viele wollen das ja sogar, man denke an Die Linke und Die GrünInnen...
Joachim Petrick 23.04.2015
5. Ist die EU, wirklich das Land letzter Hoffnung?
Sind wir sicher, dass die Flüchtlinge alle nach Europa wollen, wollen diese nicht eher hin zu Lohnarbeit, wo sie diese finden, die bis zur Arabellion 2011 in Tunesien, Libyen, Ägypten, Syrien möglich war und dort nun auf lange Sicht verunmöglicht scheint? Viele der Flüchtlinge kamen bereits aus vielen Regionen Afrikas hochverschuldet in die Länder nach Nordafrika und trauen sich nun nach Verlust ihrer Arbeit in Nordafrika nicht in ihre Heimatländer zurück, wo ganze Dörfer, eigene Clans, sich selber verschuldend, in sie investiert haben, damit diese durch Lohnarbeit in fremdem Ländern harte Devisen erwirtschaftet, in die Heimat transferieren? Diese Seite gegenwärtiger Fluchtbewegungen von Arbeitssuchenden wird meines Erachtens bisher kaum bedacht? Geht es womöglich auch darum, diese arbeitssuchenden Flüchltinge aus EU- MItteln zu entschulden, mit monetärer Unterstützung zu versehen, damit diese wieder Mut finden, in ihre Heimatländer, ihre Städte, Dörfer zu ihren Familien zurück zu finden? Wieweit europäische Länder mit ihrer mit Steuermittlen subventionierten Exportwirtschaft auf allen Gebieten, Textilien, Fischfang, Wasser- , Agrarwirtschaft, Landnahme ursächllich die Flucht von Arbeitssuchenden in Afrika zu verantworten haben, gehört, denke ich, auch auf die Agenda
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