S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Subvention einer Sehnsucht

Das Betreuungsgeld zementiere die traditionelle Rollenverteilung, heißt es. Aber wo steht denn, dass nur Frauen in den Genuss dieser Wohltat kommen können? Tatsächlich steckt hinter der Kritik ein anderes Problem: das heimliche Verlangen nach einem ruhigen Leben zu Hause.

Auch die Adenauer-Jahre gehören offenbar zu den Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen. 150 Euro im Monat für jeden, der seine Kinder lieber zu Hause erzieht, und schon sind wir wieder auf dem Weg in jene dunkle Epoche, die dem Wort des großen Dichters Günter Grass folgend an Spießigkeit noch die Nazizeit übertraf.

Wann war das letzte Mal, dass eine Ausweitung des Sozialstaats solchen Protest hervorrief wie die Pläne der Regierung zum Betreuungsgeld? Normalerweise setzt man sich als Politiker ins Unrecht, wenn man einer Gruppe etwas nimmt - nicht, wenn man ihr etwas gibt. Aber in der Familienpolitik galten immer schon andere Regeln. Da steht das fortschrittlich gesinnte Deutschland eng zusammen, das ist diesmal nicht anders.

Das Betreuungsgeld zementiere die traditionelle Rollenverteilung, heißt es, es verleite Frauen dazu, ihr Glück wieder im Haushalt zu suchen. Möglicherweise beginnt hier schon das erste Missverständnis. Ich habe mir die Vorschläge zum Betreuungsgeld angesehen; ich habe dort nirgendwo einen Hinweis finden können, dass die geplante Zuwendung auf Frauen begrenzt ist. Tatsächlich sind Männer, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder zu Hause zu betreuen, genauso empfangsberechtigt, was die Frage aufwirft, wer hier eigentlich an überkommenen Rollenbildern festhält. Offenbar fällt es den Kritikern des Unterfangens schwer sich vorzustellen, dass auch Männer Kinder wickeln oder das Mittagessen vorbereiten.

Familienpolitiker überschätzen den Wert finanzieller Anreize

Es ist eigenartig, welchen Aufruhr die nun als "Herdprämie" geschmähte Subvention auslöst. Ich würde ja verstehen, wenn man daran Anstoß nähme, dass der Staat sich ständig ins Familienleben einmischt. Aber das steht gar nicht zur Debatte. Als die Regierung Merkel das Elterngeld auf den Weg brachte, waren die gleichen Leute, die nun so vehement protestieren, unter den ersten, die damals applaudierten. Dabei lässt sich auch gegen diese gefeierte soziale Wohltat einwenden, dass sie die Frauen länger aus dem Erwerbsleben holt, als der Karriere förderlich ist.

Es gäbe gute Gründe, für einen Rückzug des Staates aus der Familienpolitik zu optieren. 156 verschiedene Leistungen listet das zuständige Ministerium auf, 100 Milliarden Euro gibt die Bundesrepublik im Jahr zur Förderung von Ehe und Familie aus. Vor ein paar Jahren hat die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen einmal einen Bericht angekündigt, wo eigentlich genau welches Geld bleibt und was es bewirkt. Man hat dann nie wieder etwas von der Studie gehört. Einige Journalisten behaupten, weil ihr die ersten Ergebnisse nicht gefielen - wahrscheinlicher ist, dass die Beamten ihres Hauses irgendwann aufgaben, weil auch sie den Überblick verloren hatten.

Familienpolitiker tendieren dazu, die Wirkung finanzieller Anreize weit zu überschätzen. Das war schon beim Elterngeld so. Was zunächst als Maßnahme gedacht war, der Kinderarmut in Deutschland abzuhelfen, gilt jetzt als Instrument zur Väterpädagogik. Seit sich herausgestellt hat, dass das teure Programm keinen nennenswerten Einfluss auf die Geburtenraten hat, stehen die sogenannten "Wickelmonate" im Vordergrund. Die Väter, die ich kenne, nehmen das Angebot, einmal länger im Beruf auszusetzen, gerne an. Es gibt ja zu Hause immer genug zu tun, angefangen damit, dass der Hobbykeller schon lange nicht mehr richtig aufgeräumt wurde. Es fragt sich nur, ob solche Heimarbeit dem Staat einige Milliarden Euro wert sein sollte.

Hier wird bekämpft, was viele insgeheim begehren

Auch im Fall des Betreuungsgeldes kann niemand ernsthaft annehmen, dass sich in nennenswerter Zahl Frauen für den Haushalt entscheiden, weil das Familienministerium 150 Euro im Monat für die heimische Kinderbetreuung auslobt. So gut rechnen können die Leute dann doch, um zu erkennen, dass sich das nicht wirklich lohnt. Tatsächlich geht es bei dem ganzen Aufruhr auch nicht darum, Geld für andere Zwecke zu sparen, allem voran den Kita-Ausbau. Wer das im Sinn hat, findet weit größere Ausgaben, die sich streichen oder umwidmen ließen. Den Kritikern geht es um die Delegitimierung eines Lebensentwurfs, der in Konkurrenz zu dem favorisierten Modell der durchgängigen Berufstätigkeit steht.

Ich würde keiner Frau raten, den Beruf zu quittieren, um künftig ihre Kinder zu erziehen. Man muss schon ein besonderes Vertrauen in die Stabilität der Ehe haben, wenn man sich diese Entscheidung zutraut. Alle Reformen des Scheidungsrechts laufen seit Jahren darauf hinaus, die rechtliche Position der Hausfrau zu schwächen. Wer mit 50 entdeckt, dass die Beziehung am Ende ist, hat in der Regel keine große Zukunft mehr. Dennoch käme ich nicht auf die Idee, mich deswegen einer Protestbewegung anzuschließen.

Müsste man den aktuellen Aufstand psychologisch deuten, würde man wohl zu dem Schluss kommen, dass hier bekämpft wird, was viele insgeheim begehren. Dieser Übertragungsvorgang ist in der einschlägigen Literatur gut dokumentiert, tatsächlich steht der Furor der Ablehnung oft in einem direktem Verhältnis zu der Anstrengung, die es braucht, das heimliche Verlangen zu unterdrücken.

Es ist ja auch verständlich: Wer träumt nicht gelegentlich davon, die Brocken hinzuschmeißen und sich zu Hause einzuigeln, weitab vom Stress der Arbeitswelt, dem Zwang zu Erfolg und Leistung. Der Rückzug in die Mutterschaft ist eine verlockende Alternative, jedenfalls deutlich verlockender, als viele Frauen sich das eingestehen mögen. Vielleicht sollte man all den StreiterInnen wider das Betreuungsgeld empfehlen, die Yoga-Matte mit ein paar Monaten in einem tibetanischen Kloster zu tauschen. Denkbar, dass dies die Lage deutlich entspannt.

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