Ermittler im Fall Edathy Der Justizirrtum

Wird im Fall Edathy ein Unschuldiger verfolgt? An alle Rechtsstaatsbewahrer: Lasst die Staatsanwälte ihre Arbeit machen! Sie haben zwar keine Beweise für Kinderpornografie. Aber natürlich muss und darf ermittelt werden.
Ex-Abgeordneter Edathy (Archivbild): Von legalem Tun auf eine Straftat schließen?

Ex-Abgeordneter Edathy (Archivbild): Von legalem Tun auf eine Straftat schließen?

Foto: Michael Reichel/ dpa

Der Fall Sebastian Edathy erweist sich jetzt schon als Justizirrtum. Allerdings in der häufigen Form eines Irrtums über die Justiz. Groß und verbreitet ist die Empörung über die Aufklärungsarbeit der Staatsanwaltschaft in Hannover: Die Staatsanwälte hatten am Freitag auf einer Pressekonferenz erklärt, sie hätten zwar keine Beweise dafür, dass der SPD-Abgeordnete strafbare Kinderpornos in seinem Besitz hatte. Ein Ermittlungsverfahren mit Durchsuchungen sei trotzdem angemessen: Wer legale Nacktbilder von Knaben sammle, der habe vielleicht auch Schlimmeres.

"Verfolgung eines strafrechtlich Unschuldigen": Mit dieser Parole stürzen sich seitdem Rechtsstaatsbewahrer auf die ermittelnden Staatsanwälte. Und Edathys Verteidiger protestieren in einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Ankläger unter anderem dagegen, dass die Ermittler Konsequenzen aus "eindeutig strafrechtlich nicht relevantem Material" gezogen haben. Man könne doch von legalem Tun nicht auf eine Straftat schließen.

Kann man nicht? Natürlich kann man das, man muss es sogar. Wenn einer gleich nach dem Banküberfall, die Taschen voll Geld, aus der Bank rennt, gerät er in Verdacht, an dem Banküberfall beteiligt gewesen zu sein. Dabei ist es ja wohl nicht verboten, viel Bargeld mit sich zu führen, und ebenso wenig, aus einer Bank zu rennen.

Zugrunde liegt eine statistisch außerordentlich plausible Annahme: Die Zahl der Bankräuber, die mit viel Geld aus einer Bank rennen, ist signifikant viel höher als die Zahl der Kontoinhaber, die dasselbe nach einem freundlichem Gespräch mit ihrem Bankberater tun.

Beispiel O. J. Simpson

Derselbe Streit, der nun um Sebastian Edathy tobt, hat die Justiz schon einmal beschäftigt, im fernen Los Angeles. Da war Mitte der neunziger Jahre der Footballstar O. J. Simpson angeklagt, seine Frau ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft, in Beweisnot, klammerte sich an Informationen, wonach der Sportler des Öfteren seine Frau geschlagen habe.

Nun ist das wahrlich nicht legal, aber kann man aus der Tatsache, dass ein Ehemann seine Frau geschlagen hat, schließen, dass er sie gleich umbringt? Das könne man nicht, erklärte damals die Verteidigung: Nicht mal ein Promille der Männer, die ihre Frau schlagen, werden anschließend zu Frauenmördern. Das Argument leuchtete zumindest den Geschworenen ein. Sie sprachen Simpson damals frei.

Den Profis in Deutschland wäre das nicht passiert. Sie wissen, dass die korrekte Frage für die Stützung eines Tatverdachts nicht lautet: Wie viele Männer, die ihre Frau prügeln, bringen sie auch um? Sondern, genau umgekehrt: Wie viele Ehefrauenmörder haben vorher ihr Opfer auch geschlagen? Vermutlich sehr viele. So wird aus dem Vorwurf, seine Frau geschlagen zu haben, ein Mord-Indiz.

Theorem ist auf Seite der Ermittler

Diese Umkehrung der Fragestellung bei der Argumentation mit Verdächtigungen beruht auf Wahrscheinlichkeitstheorien, die schon Mitte des 18. Jahrhunderts der britische Priester und Hobbymathematiker Thomas Bayes entwickelt hat. Dass seine Argumentationsfigur logisch korrekt sei, hat damals keiner geglaubt, resigniert steckte Bayes sein Manuskript in seine Nachttischschublade.

Erst nach seinem Tod fand jemand das Manuskript und trug den Text zur Royal Society of London. Die alte Idee wurde als Bayes-Theorem weltberühmt - und findet sich mittlerweile auch in der Ausbildungsliteratur für deutsche Staatsanwälte und Richter.

Ist die Quote der Betrachter gerade noch legaler Knabennacktbilder unter den Nutzern illegaler Kinderpornos signifikant höher als unter den Menschen, die sich durchweg nur an legalen Fotos erfreuen? Das Edathy-Theorem ist da wohl auf der Seite der Ermittler.