Kommentar zur Hamburg-Wahl Fifty Shades of Grau

Blass, und die Deutschen finden's sexy: Olaf Scholz gewinnt die Hamburger Wahl wie zuletzt Angela Merkel im Bund. Auch weil Europa politisch in Flammen steht, holt in Deutschland Mehrheiten, wer Stabilität ausstrahlt.

Ein Kommentar von


Seit ewig und drei Tagen ist der Name Olaf Scholz ein anderes Wort für - Langeweile in der Politik. "Scholzomat" wird der Mann in seiner Partei bis heute genannt, in Erinnerung an seine Berliner Zeit, auch wenn die schon ziemlich lange zurückliegt.

Scholzomat, das war ein Schimpf-, bestenfalls ein Spottwort. Heute ist es so etwas wie ein Erfolgsrezept. Nur die verbohrte SPD-Linke will es noch nicht wahrhaben.

Fifty shades of grey: Grau ist längst keine politische Fehlfarbe mehr, so scheint es, sondern öfter als früher für stattliche Wahlergebnisse oder Mehrheiten gut. Langeweile ist Trumpf, Verlässlichkeit, kleines Karo, kleine Brötchen. Olaf Scholz holte fast 46 Prozent der Stimmen in Hamburg. Und nur weil noch fünf andere Parteien in der neuen Bürgerschaft sitzen werden, reicht das nicht für eine SPD-Alleinregierung.

Fotostrecke

19  Bilder
Wahlabend in Hamburg: Jubel, Frust und eine Zitterpartie
Europa steht in Flammen, militärisch wie politisch. Im Osten dieses so reichen wie satten Kontinents, in der Ukraine, herrscht ein höchst brüchiger..., ja, was? Frieden? Gewiss nicht. Waffenstillstand? Vielleicht, sehen wird man das erst in den nächsten Tagen. Im Süden wiederum, in Griechenland, stellt eine neu gewählte Regierung die Zukunft des eigenen Landes und die des Euro gleichermaßen in Frage. Das wirkt so irreal und irrational wie die Beteuerungen von Wladimir Putin, die russische Armee habe eigentlich nichts mit dem Krieg in der Ostukraine zu tun - und die russischen Soldaten dort seien nur "auf Urlaub".

Diese Konflikte schüren die beiden Urängste der Deutschen, die um den Frieden und die um ihr Geld. Und alle politische Erfahrung lehrt: Solche Momente sind die der Regierenden. Das spiegelt sich vor allem in den "Sonntagsumfragen" zur nächsten Bundestagswahl, aber auch die Hamburger Wahl scheint sich nach diesem Muster aufschlüsseln zu lassen. Wer ordentlich regiert, wird in unordentlichen Zeiten dafür belohnt. So sind die Deutschen.

Angela Merkel, die Solide, die Verlässliche, kann sich ihres Kanzleramts vorerst ziemlich sicher sein, eben weil die Deutschen sich in Krisenzeiten hinter ihre Regierung stellen. Aber für ihre CDU muss sie eines zur Kenntnis nehmen: Wann immer die SPD in den Bundesländern ihren Politikstil kopiert und einen verlässlich wirkenden Amtsinhaber aufbieten kann, ist sie kaum mehr zu schlagen und die CDU geradezu erschütternd blank.

In Hamburg hat Merkel in männlich gesiegt, und die Original-Merkel in weiblich hat nicht viel daran ändern können. Sie und ihr Stil sind also keineswegs einzigartig. Und das wird sie sich merken müssen.

Zum Autor
imago
Nikolaus Blome studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Politik in Bonn und Paris. Seit Oktober 2013 ist er Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Hauptstadtbüros von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Nikolaus_Blome@spiegel.de

Mehr Artikel von Nikolaus Blome

insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kaiserp 16.02.2015
1. Gesunder Menschenverstand
"Wer ordentlich regiert, wird in unordentlichen Zeiten dafür belohnt. So sind die Deutschen. " Und das ist auch gut so! Wir Informatiker sagen da immer ganz gerne: Never touch a running system!
KuGen 16.02.2015
2. Fifty shades of Grau
Was do you will uns tell ?
stefan.p1 16.02.2015
3. Recht hat Hr Blome
aber er sollte das nicht so abwertend darstellen - schließlich kennt er sich als Autor einer Merkel - Biographie gut mit dem Thema aus - und seltsam ,seltsam - bei Angie ist das Grausein okay....
yogi65 16.02.2015
4. Wo ist das Problem?
Ob jemand als Politiker langweilig ist oder nicht ist mir egal. Wir sind hier nicht in einer Samstag-Abend Show. Wollen Sie einen Tsipras oder Putin an der Spitze unseres Landes? Da wir es bestimmt nicht langweilig. Da ist mir und vermutlich auch den meisten anderen Berechenbarkeit und Stabilität wichtiger. Ich denke da fährt Deutschland insgesamt besser mit.
tinyentropy.com 16.02.2015
5. Als Bundesarbeitsminister
... eine Enttäuschung. Scholz profitiert vom Merkelfaktor. Seine pragmatische, zurückhaltende Art kommt an. Aber meine Erinnerungen an ihn als Arbeitsminister sind keine prickelnden. Soll er also bitte in Hamburg bleiben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.