Röttgen-Rausschmiss Ade Musterschüler!
Und wieder ist einer gefallen, ein Star, ein Musterschüler. Wieder war da einer, der zu viel wollte. Ein Schlauer. Einer, der dank seines Ehrgeizes blitzartig Karriere machte in der CDU von Angela Merkel. Umweltminister, CDU-Landeschef, Führungsreserve, so nannten sie ihn. Kanzlertauglich. Donnerwetter.
Aus, vorbei. Umweltminister Norbert Röttgen ist über seine eigenen Ambitionen und über seinen Hang zum Taktieren gestolpert. Er hat andere gerne spüren lassen, dass er sich für überlegen hielt, viele politische Freunde hatte er deshalb schon lange nicht mehr. Die Restschar seiner Unterstützer verdampfte nach der Blamage von NRW. Wenn einer immer alles besser weiß, es dann aber nicht besser macht, wird irgendwann gnadenlos abgerechnet - das ist in der Politik genauso wie im richtigen Leben.
Die Kanzlerin musste von Röttgen abrücken. Sein Versuch, die Wahl in NRW zu einer Abstimmung über ihre Euro-Politik zu machen, war ein Akt der Illoyalität. So wenige Tage vor der Wahl wussten alle, dass er es verbockt hatte, doch er versuchte noch, sie mit hineinzuziehen - das konnte sie ihm nicht verzeihen.
Chaosmanagement bei der Energiewende
Dann die Energiewende: Mehr und mehr zeigte sich, dass Röttgen zwar ein Meister der Ankündigungen ist, doch bei der Umsetzung dieses gigantischen Projekts kaum Erfolge vorzuweisen hatte. Die Wirtschaft stöhnte seit Wochen über das Chaosmanagement der schwarz-gelben Koalition. Merkel muss sich um den Euro kümmern - sie braucht deshalb jemanden, der das Projekt Energiewende zumindest einigermaßen geräuschlos organisieren kann. Sollte das die lahme Ente Röttgen besorgen?
Unvorstellbar. Nachfolger Peter Altmaier ist eindeutig die bessere Wahl.
Und dann noch Horst Seehofer: Nach dem polternden Auftritt des CSU-Chefs im ZDF musste Merkel fürchten, dass ein längeres Festhalten an Röttgen zur Last für ihre gesamte Koalition geworden wäre. Letztlich war Seehofers kalkulierter Zornesausbruch im ZDF nichts anderes als eine unverhohlene Aufforderung an Röttgen zum Rücktritt. Wenn einer dann nicht selber gehen will, muss er eben gegangen werden.
Röttgens politisches Ende ist ein Einschnitt, auch für Merkel. Nun zeigt sie sich von ihrer brutalen Seite, den Rauswurf eines Kabinettsmitglieds hätte ihr bis jetzt wohl kaum jemand zugetraut. Damit ist auch ein Signal an die eigene Minister-Truppe verbunden: Es wird wirklich ernst für Schwarz-Gelb, viele Fehler kann sich diese Regierung nicht mehr erlauben. Wenn sie bei der nächsten Wahl noch eine Chance haben will, muss jetzt durchregiert werden.
Koalition auf wackligen Füßen
Es zeigt sich, auf welch wackligen Füßen diese schwarz-gelbe Koalition steht: Merkel mag dank guter Umfragewerte immer noch der Fels in der Brandung sein, doch sie führt eine Koalition mit zwei Partnern, die ums nackte Überleben kämpfen.
Und wieder ist einer gefallen. Man kann die Namen der Gescheiterten in der Union schon alle nicht mehr aufzählen. Angela Merkel ist jetzt ziemlich allein in dieser Partei. Es bleiben noch Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière als potentielle Nachfolger - dann kommt lange nichts.
Natürlich kann man sagen, das ist Merkels Schuld. Aber man kann auch sagen, das ist der Gang der Dinge. Der Union geht es wie jeder Regierungspartei, sie zerfällt bei der Arbeit. Auf der Strecke wird die Mannschaft aufgerieben, bis am Ende kaum noch jemand übrig bleibt.
Von Angela Merkels Regierungszeit wird sich diese Partei lange nicht erholen.
Die Kanzlerin und ihr ehemaliger Kronprinz: Lange galt Norbert Röttgen als "Muttis Bester", nun musste er nach dem Wahldebakel in Nordrhein-Westfalen als Bundesumweltminister zurücktreten.
Der Umweltminister war in die Kritik geraten, nachdem er am Sonntag als Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen das schlechteste Ergebnis der CDU in Nordrhein-Westfalen eingefahren hatte.
Röttgen am Sonntagabend: In Nordrhein-Westfalen hagelte es eine deftige Wahlniederlage für die CDU und ihren Spitzenkandidaten Röttgen.
Röttgen als Wahlkämpfer: Ihm wurde das Potential zugesagt, selbst einmal Kanzler zu werden. Doch dann kam der Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen - und alles wurde anders.
Norbert Röttgen ist ein seltener politischer Absturz widerfahren. "George Clooney" vom Rhein wurde er in Nordrhein-Westfalen genannt. Aus der Union gab es viel Kritik an Röttgen, weil er stets offen gelassen hatte, ob er auch im Fall einer Wahlniederlage in Düsseldorf bleiben werde.
Mitte April läutete Röttgen in Münster die heiße Wahlkampfphase ein. Mit dabei auch seine Ehefrau Ebba. Die beiden haben zwei Kinder, leben in Königswinter.
"Norbert Röttgen Wählen" - Parteifreunde empfangen den CDU-Politiker in Wuppertal mit Plakaten. Am Ende taten dies nur 26,3 Prozent der Wähler. Ein volksnaher Straßenwahlkämpfer zum Anfassen war Röttgen nie. Er wirkte nüchtern, kam eher als "Klassenprimus" denn als "Landesvater" rüber.
Röttgen wurde lange in der CDU als "Kronprinz" von Kanzlerin Angela Merkel gehandelt. "Muttis Bester" hieß er in Berlin, hier sind die beiden beim Wahlkampfauftakt 2012 in Münster zu sehen.
Im Januar 2005 begann Röttgens steiler Aufstieg. Der Politiker wurde auf Vorschlag Merkels zum Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gewählt (hier im August 2004).
Röttgen bei seiner Vereidigung als Bundesumweltminister im Oktober 2009: Mit geschliffener Rhetorik, nüchternem Intellekt und fachlicher Kompetenz profilierte sich der promovierte Jurist.
Der CDU-Mann stand für einen Modernisierungskurs und Annäherung an die Grünen - das gefällt nicht jedem in seiner Partei. Hier besucht der Minister im April 2010 einen Offshore-Windpark in der Nordsee. Röttgen setzt auf alternative Energien.
Röttgen bei seiner ersten Bundeskabinettsitzung im Oktober 2009: Er war es, der gegen Widerstände in der schwarz-gelben Koalition den Atomausstieg vorantrieb. Er gilt als Modernisierer in seiner Partei und Türöffner zu den Grünen. Den Konservativen in seiner Partei war er ein Dorn im Auge.
In der CDU baute Röttgen seine Machtbasis aus und gewann im Jahr 2010 den Mitgliederentscheid um den Landesvorsitz klar gegen Ex-NRW-Integrationschef Armin Laschet, hier links im Bild.
Röttgen und Jürgen Rüttgers, der den NRW-Landesverband von 1999 bis 2010 führte. Der Ex-Ministerpräsident Rüttgers zog sich 2010 nach der Landtagswahl zurück, seine CDU war damals auf 34,5 Prozent abgestürzt. Röttgen machte es 2012 noch schlechter - die Wahlniederlage läutete seinen Rücktritt ein.
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