Kommentar Teufels Triumph auf Abruf

Trotz des desolaten Zustandes der Bundes-CDU, trotz miserabler Umfragewerte - Erwin Teufel hat es geschafft. Die CDU in Baden-Württemberg konnte vom Niedergang der Republikaner profitieren und bleibt mit 44,8 Prozent stärkste Kraft.

Von Kristina Jagemann


Die Ziele, die sich Teufel gesetzt hatte, sind erreicht: Das Ergebnis halten und die schwarz-gelbe Koalition fortsetzen. Und er hat mit seinem Wahlergebnis der umstrittenen Doppelspitze Merz/Merkel einen Aufschub gewährt. Wie lange bleibt aber Erwin Teufel noch auf dem Chefsessel sitzen? Zwar wiederholt er immer wieder, er bleibe die volle Legislaturperiode. Doch daran glaubt selbst in den eigenen Reihen keiner mehr. Die Frage ist, wann sein Kronprinz, CDU-Fraktionschef Günther Oettinger, ihn vom Thron stürzen wird.

Die SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt hat es mit einer professionell inszenierten Kampagne geschafft, Teufel Sympathiewerte abzujagen. Sie hat mit ihrem betont jungen Wahlkampf die SPD aus ihrem Tief von 25,1 Prozent herausgeholt. Vogt hätte mit ihrem Ideenreichtum und ihrer Kreativität sicher frischen Wind in die angestaubte Stuttgarter Regierungsvilla Reitzenstein bringen können - doch gegen ihren konservativen Gegner hatte sie schließlich doch keine Chance.

Eine 36 Jahre alte Frau als Regierungschefin, zudem noch unverheiratet, das war den Wählern im Ländle zu viel Neues, zu viel Aufbruch. Nein, da wählten die Baden-Württemberg doch lieber den frommen Katholiken Teufel, der emsig vor sich hinarbeitet, nicht viel Aufsehen erregt, aber für Kontinuität steht. Nach zehn Jahren im Amt kann er eine tadellose Bilanz vorlegen, um die ihn jeder Landeschef beneiden dürfte. Teufel steht für Wirtschaft, Wachstum, hohe Beschäftigung. Diese Kompetenz wollten die Wähler der jungen Sozialdemokratin nicht zusprechen. In unruhigen Zeiten setzen sie auf bewährte Konzepte - Börsensturz und stockende Wirtschaft animieren offenbar niemanden zu Experimenten.

Der temperamentvolle Star der baden-württembergischen SPD hat trotz des Stimmengewinnes Grund, sich zu grämen. Sie wird nicht als SPD-Oppositionsführerin in den Landtag einziehen. Sie hat ihren Wahlkreis in Pforzeim nicht gewonnenund damit kein Landtagsmandat. Doch ein echter Karriereknick ist das bei dem Ergebnis nicht.

Spätestens bis zur Bundestagswahl 2002 hat sie beste Aussichten auf einen Posten in Gerhard Schröders Kabinett. Ihr Schwerpunkt ist die Bildungspolitik, doch sie wäre auch als Innenministerin denkbar. Den Vorsitz des Bundestags-Innenausschusses hat sie bereits inne.

Der Liberale Walter Döring dürfte sich den Schweiß von der Stirn wischen. Mit seiner "No-Return-Aussage" - ein klares Nein zu einer rot-grün-gelben Koalition in Baden-Württemberg - hätte er sich auch kräftig verrennen können. Nun wird der mächtige Chef der Südwest-Liberalen weiterregieren im Ländle und sich für die Bundestagswahl 2006 als Wirtschaftsminister in Stellung bringen. Und Guido Westerwelle kann sich auf die Schulter klopfen. Er hat den ersten Test als künftiger FDP-Chef bestanden.

Die Angst bei der CDU war groß, dass die Republikaner mit einem starken Ergebnis die schwarz-gelbe Koalition hätten verhindern können und die Union zu einer großen Koalition gezwungen hätte. Dieses Thema ist erledigt. Die Wähler haben der rechten Partei eine Abfuhr erteilt. Sie sind nicht mehr im Landtag vertreten.

Übel erging es den Grünen, sie sind der Wahlverlierer des Abends: Trotz kräftiger bundespolitischer Unterstützung konnten sie mit 8,1 Prozent bei weitem nicht ihr Ergebnis von 1996 (12,1 Prozent) halten. Das liegt zum einen am farblosen Spitzenkandidaten Dieter Salomon. Die Wahlniederlage hat sich aber auch Umweltminister Jürgen Trittin zuzuschreiben. Seine "bekloppte" (Müntefering) Skinhead-Äußerung kurz vor der Wahl haben die Grünen wichtige Stimmen gekostet. Wichtig ist jetzt, wie sich Trittin bei den bevorstehenden Castor-Transporten als verantwortlicher Minister schlägt. Noch eine derartige Entgleisung und er ist zum Abschuss freigegeben.

Bei aller Begeisterung der Gewinner und dem Grollen der Verlierer geht eine alarmierende Botschaft fast unter: Die niedrige Wahlbeteiligung. Sie lag 1996 bei 67 Prozent, jetzt konnten sich grade einmal 63 Prozent der Wähler zum Urnengang aufraffen. Im Ländle herrscht offenbar die Auffassung: "Es geht uns gut, deshalb brauchen wir nicht wählen gehen." Die steigende Zahl der Nichtwähler sollte beunruhigen.



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