Bayern und seine CSU Die Unverwundbaren

Die Amigo-Affäre, unsinnige Luxusdienstreisen und diverse andere Skandale: In Bayern haben sich viele über die CSU aufgeregt - aber am Ende wählten sie doch wieder die Schwarzen. Denn wer an der Spitze galoppiert, wechselt offenbar nicht die Pferde.

REUTERS

Ein Kommentar von , München


Wer etwas lernen will über Horst Seehofer und die bayerische Politik, der muss den Ministerpräsidenten beobachten, wenn er in einem Konferenzsaal im Maximilianeum sitzt. Der fast zwei Meter große Hüne zwängt sich in einen Stuhl, und seine Oberschenkel drücken von unten an die Tischplatte. Das sieht sehr eng und schon fast schmerzhaft aus, selbst das Mobiliar ist hier offenbar eine Nummer zu klein für den Regierungs- und Parteichef. Seehofer hockt am Tisch, als wäre er gerade dabei, über den Landtag hinauszuwachsen. Und über Bayern. Vor allem aber über seine Gegner.

Heute Abend wächst Seehofer in den weiß-blauen Himmel hinauf. "Bayern ist die Pforte zum Paradies", hatte er im Wahlkampf in die Bierzelte gerufen. Am Sonntagabend um 18 Uhr, als die erste Hochrechnung die CSU in alte Höhen katapultiert, ist es nicht mehr nur die Pforte, Bayern ist das Paradies der CSU.

Seehofer dürfte den Kopf in den Wolken haben. Nach der Schmach von 2008 kann die CSU wieder alleine mit einer komfortablen absoluten Mehrheit regieren, die Koalitionspartner von der FDP wurden abgewählt und abgestraft für ihre Politik der Anbiederung und der Unzuverlässigkeit. "Hauptsache, wir dürfen mitregieren", war das Motto der Liberalen in Bayern, Seehofer brauchte bei kontroversen Themen nur die Stirn in Falten zu legen und schon warf sich Martin Zeil, sein Stellvertreter von der FDP, auf den Rücken und winselte um Gnade. Nicht ein einziges Mal blieb die FDP in den vergangenen fünf Jahren konsequent bei ihren Forderungen, zuletzt ließ sie sich das Nein zu Studiengebühren abkaufen. Nun hat der Wähler ihr zu recht attestiert: als Korrektiv ungeeignet.

Seehofer hat eine neue CSU geschaffen

Viele, die die FDP nicht mehr wollten, haben wohl ihre Stimme den Schwarzen gegeben. Die Mehrheit der Bayern will, dass alles so bleibt, wie die CSU es in den vergangenen mehr als sechs Jahrzehnten für den Freistaat gerichtet hat. Wohlstand, Sicherheit, Technologie, Bildung, Finanzen, Gesundheit: Es gibt kaum ein Feld, in dem Bayern nicht die Spitze der deutschen Bundesländer bildet. Von einer Wechselstimmung ist das Land so weit weg wie der FC Bayern vom Abstieg in die zweite Liga. Die SPD bleibt der ewige Verlierer, die kleinen Parteien - Linke oder Piraten - mobilisieren nur zwei Prozent.

Und die Affären? Peinlichkeiten, die Journalisten ans Licht zerrten? Abgeordnete, die ihre Ehefrauen vom Landtag bezahlen lassen, die sich sündhaft teure Kameras auf Steuerzahlerkosten kaufen, die unsinnige Dienstreisen in aller Herren Länder abrechnen? Skandale reichten noch nie aus in Bayern, um der CSU überdrüssig zu werden. Schon unter Franz Josef Strauß, als sie wirklich deftig waren, wurde das von den Wählern nur mit einem Schulterzucken quittiert. Kein Tschernobyl, keine Amigos, keine Waffengeschäfte mit Schurkenstaaten konnten der CSU je etwas anhaben. Diese Partei ist unverwundbar.

Heute ist die CSU schon fast brav geworden. Und Horst Seehofer hat alles aus dem Weg geräumt, was das Volk noch an ihr stören könnte. Der Erfolg des Parteichefs gründet zwar auch auf die Leistungen von Strauß und Edmund Stoiber, aber Seehofer hat eine neue CSU geschaffen: die Partei der Zuhörer. Kein erhobener Zeigefinger fuchtelt vor dem Publikum, keine Moralpredigt ergießt sich in den Zuschauerraum. Das Oberlehrerhafte von Stoiber und dessen Wichtigtuerei findet sich höchstens noch bei Generalsekretär Alexander Dobrindt, aber der spielte im Bayern-Wahlkampf kaum eine Rolle.

Der aktuelle Ministerpräsident zieht es dagegen vor, stundenlang im Plenum zu sitzen und jedem Redner der anderen Fraktionen aufmerksam zu lauschen. Seehofer bearbeitet keine Akten in den Landtagssitzungen, geht nicht vor die Tür, telefoniert nicht. "Man hört da ja auch erstaunlich gute Ideen", sagt er. Die nimmt er dann ins eigene Programm. So einfach ist Politik.

Nur die Münchner trauen Ude was zu

An Seehofers kluger Strategie ist diesmal alles abgeprallt: Der "Ude"-Effekt, der der SPD neues Leben eingeblasen hatte, und sogar die Politikverdrossenheit war offenbar heilbar. Trotz der Verwandtenaffäre lag die Wahlbeteiligung über dem letzten Ergebnis, die Anzahl der Briefwähler in den Städten sprengte alle Rekorde.

Doch auch davon konnte der Herausforderer nicht profitieren. Dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude huldigen jedes Jahr Zehntausende Menschen, wenn er auf dem Oktoberfest ein Bierfass anzapft. Er ist der Superstar. Aber eben nur in München. Die Bayern trauen ihm nicht allzu viel zu. Das liegt nicht an Udes Kompetenz. Es liegt an der seit Jahrzehnten blassen SPD im Freistaat und an den Problemen, die die Menschen hier einfach nicht haben.

Seehofer hat einen Wahlkampf gewonnen, der kein einziges Reizthema besaß. Es gab keine Idee, keine Vision, über die man hätte abstimmen können. Das Programm der CSU hieß schlicht: Horst Seehofer. Wäre es schiefgegangen, hätte es an ihm allein gelegen.

Die Rechnung ging auf. Nun ist es sein Sieg.

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insgesamt 152 Beiträge
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TangoGolf 15.09.2013
1. So what?
Man mag vieles kritisieren an der CSU - auch wenn einiges davon bei LIcht betrachtet wesentlich unspektakulärer ist, als uns etwa SPON immer wieder weismachen wollte. Doch Bayern ist bei allem vorn. Ein Vorbild für Deutschland - und das schreibe ich ganz bewusst als NRW´ler. Never Change a winning Team, sagt der Amerikaner. Und der SPD-regierte Deutsche schaut neidisch auf die Bayern.
WhereIsMyMoney 15.09.2013
2.
Wenn ich in Bayern leben würde und Interesse daran hätte dass es den Menschen in Bayern gut geht, dann würde ich auch CSU wählen. Wieso? Weil die CSU im Bund Bayern-Politik macht. Die holen das Bestmögliche für Bayern heraus, während SPD, Grüne, FDP für ganz Deutschland denken. Die Landesverbände der anderen Parteien haben nicht viel im Bund zu sagen. Dass das ganze eine große Ungerechtigkeit ist, sollte mal etwas mehr diskutiert werden.
gasparowitsch 15.09.2013
3. Erpresserbremse
Wenn die SPD bereit ist eine Koalition mit der CDU eingeht und die CSU nicht rausschmeisst ist sie bescheuert. Das Land mia soam mia erpresst ständig die Republik. Nichts, dem die zustimmen ohne einen Zuschlag für mia soam mir. Mir bleibt nur noch strahlkotzen.
kone 15.09.2013
4. Entscheidend ...
Zitat von sysopDPADie Amigo-Affäre, unsinnige Luxus-Dienstreisen und viele andere Skandale: In Bayern haben sich viele über die CSU aufgeregt - aber am Ende wählten sie doch wieder die Schwarzen. Denn wer an der Spitze galoppiert, wechselt offenbar nicht die Pferde. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zu-bayern-und-csu-die-unverwundbaren-a-922358.html
... dafür, daß die Wähler der CSU die Skandale "verziehen" haben, war sicher, daß die politische Konkurrenz von der SPD sich AUCH nicht glaubhafter machen konnte...! Wichtiges Ergebnis: Die neoliberalen Sektierer von der FDP sind draußen ! Ihren Anbiederungsversuchen als "Korrektiv" zur CSU, ist also niemand mehr auf den Leim gegangen. Die Wähler haben offenbar genug gesehen ...!
reinero59 15.09.2013
5. Csu
never change a winnig team, die Menschen in Bayern haben sich für das richtige und gute entschieden und sie haben dafür gesorgt das die FDP in Bayern keine Rolle mehr spielen. Nun kann man nur hoffen und sich wünschen das die Wähler am nächsten Sonntag Brüderle, Rössler und Co ebenfalls die rote Karte zeigen, Deutschland würde wesentlich weniger korrupt und wesentlich ehrlicher werden ohne die Ärzte,Apotheker und Hoteliers-Partei FDP. Ein guter Tag für Bayern und ich hoffe nächste Woche ein guter Tag für Deutschland. Wer gerade die Grüne die Fr.Lemke im TV gesehen hat weis das man die selbstgerechte und besserwisserische Grünen und die Lobbyisten-Partei FDP niemals in Deutschland braucht. Ein vier Parteien Parlament aus CDU/CSU SPD und Linke wäre eine gute und richtige Alternative für unser Land.
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