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17. Juni 2001, 15:12 Uhr

Kommentar zum Kirchentag

Der entmachtete Gott

Von Alexander Schwabe

Das "Forum Gentechnik" war Schwerpunktthema beim Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main. Die begrüßenswerte Weltoffenheit eines Kirchentages wurde eingelöst, doch gleichzeitig legen sich die Christen selbst lahm.

Abschlussgottesdienst des Kirchentags im Frankfurter Waldstadion
DPA

Abschlussgottesdienst des Kirchentags im Frankfurter Waldstadion

Frankfurt am Main - Der ethische "Dammbruch" sei bereits vollzogen, der Mensch pfusche Gott längst ins Handwerk. Dies liege wohl daran, dass die Mehrheit der Gesellschaft inzwischen ethisch analphabetisiert sei und die Verkrustungen des Problems kritikunfähig hinnehme, sagte der Theologe und Studienleiter Friedrich Schorlemmer zur Debatte über die Embryonenforschung. Diese Analyse trifft zu, allein, der evangelische Kirchentag trug nicht dazu bei, dem Mitchristen Schorlemmer in seiner Verzweiflung zu helfen. Ausgerechnet der Kirchentag hat zu einer theologisch qualifizierten Steigerung der Kritikfähigkeit nicht beigetragen.

Verlautbarungen führender Repräsentanten der Kirche gegen die Stammzellenforschung gibt es zwar zuhauf, doch sie genügen nicht. Sie sind plakativ und damit öffentlichkeitswirksam, doch sie tragen nicht zu einer Verfeinerung der Argumentation bei. Der Kirchentag hätte die Chance gehabt, die Glaubenden in eine von christlichen Grundlagen bestimmte Argumentationswelt zu führen, damit sie eine theologisch fundiertere, weil differenziertere Position hätten finden können.

Vertan! Das Auditorium, angesichts der von Forschern proklamierten medizinischen Revolution und der infolgedessen von Skeptikern flugs befürchteten Revision eines selten näher bestimmten Menschenbildes zutiefst verunsichert, bekam keinen sich aus christlicher Logik ergebenden Standpunkt vermittelt, der in der Zeit der genetischen Umwälzung Orientierung geben könnte.

Däubler-Gmelin hat recht, Clement hat recht, was aber ist christlich?

Freilich kann man gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen sein. Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin etwa plädierte dafür, die Alternativen, vor allem die Forschung an adulten Stammzellen zuerst auszuschöpfen. Das "Tabu", an embryonalen Stammzellen zu forschen, dürfe nicht gebrochen werden.

Freilich hat Ministerpräsident Wolfgang Clement gute Argumente, wenn er seine Unterstützung eines Antrags Bonner Neuropathologen verteidigt, embryonale Stammzellen aus Israel nach Deutschland zu importieren, um in zehn bis zwanzig Jahren möglicherweise Alzheimer, Multiple Sklerose, Parkinson, Herzmuskelschwäche oder juvenile Diabetes heilen zu können.

Doch wo bleibt das genuin christliche Steuerungsinstrument, das dem Schiff, das sich Gemeinde nennt, erlaubt, so zu bestehen, dass es nicht zwischen den Brechern, die von links und rechts gegen die Flanken schlagen, wie ohnmächtig hin und her schaukelt?

Polemik gegen den Kanzler kommt an

Bei einer Polemik des Hamburger Psychiaters Klaus Dörner, Bundeskanzler Schröder sei ein "Neuling in diesem Diskurs" - was ja nicht falsch ist -, brandet Applaus auf. Ein Applaus jedoch, der eher signalisiert, die vom Kanzler vorsichtig geäußerte Befürwortung der embryonalen Stammzellenforschung entbehre eines begründeten Urteils und führe somit ins Unheil. Doch das begründete Gegenurteil fehlt. Gegenargumente, die sich nicht nur aus fortschrittsfeindlichen Ressentiments speisen, Gegenargumente, die mehr sind, als Artikulationen von Ängsten und Befürchtungen.

Im Meer der Ideen und Interessen kämpfen Politiker, Vertreter der Genindustrie, Neuropathologen und Psychiater auf dem Kirchentag - doch wo bleiben die Theologen? Wo die theologische Begründung für den behaupteten "Tabubruch", vor dem die Christin Däubler-Gmelin so eindringlich warnt? Wo bleibt die zeitgemäße theologische Antwort auf die Frage, was der Mensch eigentlich sei? Wo bleibt die theologische Auseinandersetzung über das Verhältnis von Mensch und Natur und über die Frage, inwieweit er als Kulturwesen sich diese Natur Untertan machen darf oder gar soll?

Nachhilfeunterricht für christliche Bürger

Das klassische Feld der Theologie, die Rede von Gott, kommt rudimentär daher, etwa ganz unbeabsichtigt in Gestalt des grünen Europaabgeordneten Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf: "Wir meinen, wir könnten es besser machen, als der liebe Gott, und das ist eine Hybris." Theologisch spärlicher und oberflächlicher geht es kaum. Standpunkte von Bio-Wissenschaftlern und Medizinern hingegen werden von Kennern ihres Faches vorgetragen. Der Kirchentag gerät so zu einer Art Nachhilfeunterricht für christliche Bürger. Er versäumt es aber, Christen Argumente an die Hand zu geben, damit sie für ihre Wahrheit in der Welt bürgen können.

"Wir wollen die Leute daran gewöhnen, dass sich das Christsein nicht an Theologen delegieren lässt", sagt Elisabeth Bücking von der Forumsleitung Gentechnik zur Strategie der Veranstaltung. Wohl wahr. Doch der Christ lebt auch davon, dass theologische Wissenschaftler darüber reflektieren, wie Glaube und christlich motiviertes Handeln in einer modernen Welt glaubhaft bleiben. Ausgerechnet auf die eigenen Experten zu verzichten, hat geradezu einen masochistischen Zug.

So kommt es zu der bizarren Situation, dass Gott, nach christlichem Credo Schöpfer des Himmels und der Erde, nicht von den Wissenschaftlern entmachtet wird (für sie mag Gott gar keine Macht sein), sondern von der abwesenden Theologie.

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