Merkel und die Tränen-Schülerin Die Kühle der Kanzlerin ist nicht das Problem

Reagierte Angela Merkel zu abgeklärt, als ein Flüchtlingsmädchen vor ihr in Tränen ausbrach? Vielleicht. Doch das eigentliche Drama liegt woanders.
Merkel mit Schülerin in Rostock: Jenseits der Inszenierung

Merkel mit Schülerin in Rostock: Jenseits der Inszenierung

Foto: Steffen Kugler/ dpa

Frostigkeit kann man der Kanzlerin bei ihrer Begegnung mit einer Schülerin aus dem Libanon kaum vorwerfen. Als die Sechstklässlerin in Tränen ausbricht, hält Angela Merkel das Pflichtprogramm an. Sie geht zu ihr, sie bittet um Zeit, sie streichelt das Kind. Immerhin zeigt sie in einem ungewöhnlichen Moment Mitgefühl.

In der Sache ist Merkel jedoch hart geblieben. Da saß ein Mädchen mit Zukunftsängsten vor ihr, vor vier Jahren aus einem palästinensischen Flüchtlingslager nach Deutschland gekommen. Die Kanzlerin machte ihr ziemlich direkt klar, dass Deutschland "nicht alle nehmen" könne. "Einige müssen auch wieder gehen." Viele Menschen ließ die Szene in einer Rostocker Schule irritiert zurück (sehen Sie hier die Kurzfassung des Videos).

Das wahre Problem ist aber nicht Merkels angebliche Gefühlskälte. Die Emotionen der Kanzlerin sind zweitrangig. Entscheidend ist, wie Merkel ihre Politik für Flüchtlinge, Asylbewerber, Zuwanderer, Migranten in den vergangenen Jahren ausgerichtet hat. Leider ist die Bilanz kläglich. Einzelne Gesetze gab es viele, grundlegend überdacht wurde die Haltung zur Flüchtlingskrise nie. Währenddessen gehen Kriege und Konflikte weiter, setzt die EU auf Abschreckung, sterben Menschenmassen im Mittelmeer.

Trotzdem zeigte Merkel keinerlei Selbstkritik an der hauseigenen Flüchtlingspolitik. Ganz im Gegenteil, bei ihrem Auftritt vor den Schülern vermied sie wieder einmal klare Worte.

So berichtete das Mädchen über eine Freundin, ebenfalls aus einem anderen Land, die an einer deutschen Schule beschimpft werde. Merkel hätte Mut machen können. Zum Beispiel mit einem Appell gegen Alltagsrassismus. Stattdessen erzählte sie von überforderten Lehrern.

Die einzige Antwort ist viel zu wenig

Auch fragte das Mädchen: "Warum ist das so, dass Ausländer nicht so schnell arbeiten dürfen wie Deutsche?" Merkel antwortete nicht. Das Ausweichen zeigt, dass die Kanzlerin keine konkreten Versprechen machen will. Noch immer nicht. Das ist das wahre Drama hinter der Geschichte des weinenden Flüchtlingsmädchens.

Natürlich hätte sie dem Mädchen und ihrer Familie nicht ad hoc ein Visum herzaubern können und dürfen. Aber sie ließ sich nicht einmal zu der wolkigsten Andeutung hinreißen, dass der jetzige Kurs irgendwann einmal überholt sein könnte. Die Schwesterpartei CSU darf derweil weiter auf "finanzielle Anreize" für Flüchtlinge  schimpfen.

An einer Stelle entlarvte sich die Regierungschefin selbst. Asylanträge würden künftig schneller bearbeitet, betonte sie. "Und die einzige Antwort, die wir haben, ist: Bloß nicht, dass es so lange dauert", sagte sie wörtlich. Wohlgemerkt: Die einzige Antwort.

Das ist zu wenig, und kaum eine Szene zeigt die Schwächen und Widersprüche deutscher Flüchtlingspolitik so klar und verdichtet wie das Gespräch zwischen der Regierungschefin und der Rostocker Schülerin.

Die sogenannten Bürgerdialoge der Kanzlerin sind selten authentisch. Akribisch bereitet Merkels Stab das Format vor, nichts überlässt man dem Zufall. Die weinende Schülerin aus dem Libanon hat diese Inszenierung jetzt gestört. Wenn die Kanzlerin gut beraten ist, macht sie etwas daraus.

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