Kommunalwahlen in Brandenburg Hetzer von Guben will für die NPD ins Stadtparlament

Berührungsängste mit gewaltbereiten Neonazis hat die NPD längst nicht mehr: Bei der Kommunalwahl in Brandenburg tritt für die Rechtsextremisten der verurteilte Rädelsführer der Hetzjagd von Guben an, bei der 1999 ein Algerier starb. Die NPD verharmlost die Tat und spricht von Resozialisierung.

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Berlin - Farid Guendoul alias Omar Ben Noui verblutet binnen 15 Minuten. Das splitternde Glas hat die Hauptschlagader in der rechten Kniekehle des Algeriers zerfetzt, als er die Haustür des Plattenbaus an der Hugo-Jentsch-Straße 14 eingetreten hat und durch das Loch ins Haus gekrochen ist - auf der panischen Flucht vor einer wütenden Meute Neonazis, die es auf ihn und seine beiden Freunde abgesehen hat.

Irgendwo draußen auf einer schneebedeckten Wiese verprügeln sie seinen Kumpel Khaled, der andere, Issaka, rettet sich per Taxi in eine Kneipe. Im Treppenhaus schleppt sich Farid Guendoul, 28, noch ein paar Stufen hinauf, das Blut schießt aus seinem Bein, der Boden färbt sich rot. Er stirbt, noch bevor ein Bewohner den Notarzt ruft.

Es ist die Nacht zum 13. Februar 1999, die zum Stigma für das brandenburgische Guben wird. Die kleine Stadt an der deutsch-polnischen Grenze wird fortan nur noch in einem Atemzug mit der tödlichen Hetzjagd genannt. Über Jahre kämpft man gegen das braune Image - nun reißen die alten Wunden wieder auf.

Zwei Jahre Knast - nun Kandidat

Der Rädelsführer des rechtsradikalen Mobs von damals will ins Stadtparlament. Zur Kommunalwahl in Brandenburg am kommenden Sonntag kandidiert Alexander Bode, Jahrgang 1979, arbeitssuchend, als Wahlvorschlag Nummer zwei der NPD für die Gubener Stadtverordnetenversammlung. Auch für den Kreistag im Landkreis Spree-Neiße ist er aufgestellt.

Bode hat nach dem Tod Guendouls zwei Jahre im Jugendknast gesessen - wegen versuchter Körperverletzung mit Todesfolge. Der junge Mann mit dem "White Power"-Tattoo auf dem linken Oberarm war der einzige von insgesamt elf Angeklagten, der ohne Bewährung davonkam.

Dass der verurteilte Hetzer nun kommunalpolitisch in Erscheinung tritt, sorgt in Guben für Empörung. Es sei "entsetzlich", dass "so ein verurteilter Totschläger und Neonazi" kandidieren darf, erklärte Landrat Dieter Friese (SPD). Gubens Stadtparlament erklärte den 29-Jährigen zur "nicht erwünschten" Person, Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) rief seine Bürger dazu auf, nicht zuzulassen, dass durch einen Einzug der NPD "das Image der Stadt Guben erneut beschädigt wird".

NPD nennt Hetzjagd "Klamotte"

Wie gut die Chancen stehen, die Provokation auf den Gipfel zu treiben, ist nicht abzuschätzen. Brandenburgs NPD-Landeschef Klaus Beier rechnet in Guben mit "fünf Prozent plus X". Der Kandidat selbst ist dieser Tage für Journalisten nicht zu sprechen. Bis vor kurzem habe sich niemand für ihn interessiert, daher sehe Bode nicht ein, warum er sich jetzt den Fragen stellen sollte, übermittelt Beier.

Die rechtsextreme Partei tut ohnehin so, als verstehe sie die Aufregung nicht: Als "Klamotte" verharmlost sie die mörderische Hatz von 1999. "Herr Bode hat den Mann ja nicht mal angefasst", sagt Beier, der auch Bundespressesprecher der NPD ist. Im Übrigen verstehe man die Kandidatur auch als "Resozialisierung".

Der Resozialisierungsprozess sieht im Fall Bode derzeit so aus: Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt gegen den Neonazi momentan wegen Körperverletzung - er soll im September vergangenen Jahres einen Mann geschlagen haben. Im Archiv finden sich weitere Vorwürfe: Im August 2002 berichtete die "Lausitzer Rundschau" über Ermittlungen gegen Bode, weil dieser einen Mann mit einer Schreckschusspistole im Gesicht verletzt haben sollte. Auch von einer weiteren Körperverletzung nach der Verurteilung wegen der Todesnacht von Guben ist die Rede. Noch während des Prozesses war er dabei, als der Gedenkstein für Farid Guendoul geschändet wurde.

Auch gegen drei weitere NPD-Kandidaten, die sich in Guben zur Wahl stellen, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft. Einem wird Körperverletzung vorgeworfen, zwei weitere sollen in der Stadt Parolen wie "Nationaler Sozialismus jetzt" und den Kopf des einstigen SA-Sturmführers und NSDAP-Hymnenschreibers Horst Wessel auf Wände gesprüht haben.

Rechtsextremisten mit "dünner Basis"

Dass die NPD bei der Kommunalwahl in Brandenburg keine Berührungsängste mit der Neonazi-Szene hat, zeigt auch die Kandidatur von Frank Hübner in Cottbus. Hübner war schon zu DDR-Zeiten in der Neonazi-Szene aktiv, nach seiner Abschiebung in die Bundesrepublik bei der DVU und der verbotenen FAP. Anfang der neunziger Jahre war Hübner Chef der später verbotenen Neonazi-Splitterpartei "Deutsche Alternative" (DA), die die Organisation gewalttätiger "mobiler Einsatzkommandos" plante. Der DA war einst auch NPD-Landeschef Beier zuzurechnen.

Für das so krampfhaft bemühte Biedermann-Image der NPD ist die Aufstellung von Bode und Co. sicher nicht förderlich. Sie schmeichelt zwar der gewaltbereiten Neonazi-Szene, das bürgerliche Milieu dürfte aber eher abgeschreckt sein. Doch den Rechtsextremisten bleibt oft keine Wahl - weil es an vorzeigbarem Personal fehlt.

Zwar schickt die NPD am Sonntag in Brandenburg 49 Kandidaten ins Rennen, die mit der Partei im sogenannten "Deutschlandpakt" verbundene DVU sogar 72. Um flächendeckend anzutreten hat es allerdings nicht einmal im Paket gereicht. Der Verfassungsschutz bescheinigt der in Brandenburg derzeit rund 250 Mitglieder zählenden NPD eine "dünne Basis" im Land, registriert allerdings auch aufmerksam die Aufbauhilfe, die die starken Landesverbände aus Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern leisten.

Bis zum Herbst nächsten Jahres soll diese grenzüberschreitende Hilfe fruchten: Dann will die NPD bei der Landtagswahl punkten und im Potsdamer Parlament die Sitze der DVU einnehmen, der man hier eigentlich das Terrain überlassen wollte. Am Sonntag will NPD-Landeschef Beier dafür das braune Fundament legen. In einer landesweiten Infratest-Umfrage kamen beide rechtsextremen Parteien zusammen zuletzt jedoch nur auf vier Prozent.

Die tatsächliche Stärke wird am Ende wohl vor allem von der Wahlbeteiligung abhängen, die vor fünf Jahren nur bei 45,8 Prozent lag. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hat daher schon eindringlich an die Brandenburger appelliert, am Sonntag an die Urnen zu gehen, um rechtsextreme Erfolge zu verhindern.

Für die Menschen in Guben und im Kreis Spree-Neiße gilt das besonders. Das Signal, das von einem Mandat für den verurteilten Hetzer Alexander Bode ausgehen würde, wäre verheerend. Landrat Friese warnte bereits vor einem "bundesweiten Desaster".

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