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09. April 2008, 00:27 Uhr

Kommunalwahlkampf in Schleswig-Holstein

Lafontaines Welt

Aus Lübeck berichtet Maike Jansen

Polternde Polemik, die ankommt: Zum Wahlkampfauftakt in Schleswig-Holstein holte die Linke ihren Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine nach Lübeck. Der machte deutlich, dass auch Kommunalwahlen mit dem Hindukusch gewonnen werden.

Lübeck - Warm-feuchte Luft strömt dem Besucher der großen Lagerhalle am Lübecker Hafen entgegen, dem "Schuppen", wie sie ihn hier nennen. Holz-Deckenbalken, Kopfsteinpflaster, Bier und Wasser zu kleinen Preisen. Und vorne, auf der schmucklosen Bühne, ein schlichtes Plakat: "Die Linke". Bodenständig gibt man sich hier im hohen Norden, zum Auftakt des Kommunalwahlkampfs in Schleswig-Holstein.

Oskar Lafontaine in Lübeck: Gefeiert wie ein Popstar
DPA

Oskar Lafontaine in Lübeck: Gefeiert wie ein Popstar

So wartet man hier vergeblich auf eine Lichtshow oder Band. Nur ein einsamer Gitarrenspieler beginnt um kurz nach sieben Cat Stevens "Father and Son" zu intonieren. "It's not time to make a change", singt der Mann - eine allzu schiefe Symbolik, die von den Veranstaltern dann auch kurzerhand unterbrochen wird, für den Sänger ist schließlich niemand hier. Nein, der Mann, auf den sie hier alle warten, steht zu dem Zeitpunkt noch hinter der Bühne: Oskar Lafontaine.

Der Parteivorsitzende der Linken ist zum Wahlkampfauftakt nach Lübeck gekommen, und wie so oft wird er auch hier gefeiert wie ein Popstar. Fast zu zwei Dritteln ist die Halle gefüllt, viele ältere Menschen sind gekommen, dazwischen ein paar Junge in Turnschuhen und Schirmmützen. Der Landesvorsitzenden Antje Jansen haben sie höflich Applaus gezollt, am meisten klatschen sie aber, als sie den Ehrengast des Abends begrüßt.

So scheint der Auftritt für den Saarländer auch in Lübeck zum Heimspiel zu werden, Vorlagen liefern die Nachrichten ihm genug. "Die Wahlen der letzten Monate zeigen: Je stärker die Linke, desto sozialer ist Deutschland", beginnt Lafontaine - die einzige frohe Botschaft, die er an diesem Abend zu verkünden hat. Mit den schlechten Entwicklungen beschäftigt er sich die weiteren vierzig Minuten.

Größtes Thema: die Anpassung der Rentenformel. In Lafontaines Augen ist Angst die Reaktion der Regierungsparteien auf die erstarkende Linke. Viele Zahlen hat er mitgebracht, Rechenbeispiele von Menschen, die ihr Leben lang hart arbeiten und trotzdem am Ende nur 440 Euro bekommen. "Sie selbst bestimmen über Ihre Rente", ruft er dem Publikum zu, "wählen Sie nicht weiter die Rentenkürzungsparteien." Es könne nicht sein, schimpft Lafontaine, dass trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs immer mehr Menschen in Armut lebten: "Der Kuchen wird größer, und die, die ihn backen, bekommen ein immer kleineres Stück davon ab."

Applaus für schlichte Sätze

Es sind schlichte Sätze wie "Wer arbeitet, muss auch ordentlich bezahlt werden", die dem Parteichef an diesem Abend große Zustimmung einbringen. Am lautesten geklatscht wird aber immer dann, wenn Lafontaine gegen die Mächtigen hetzt, die reichen Manager und arroganten Professoren, "die sich durch die Talkshows quatschen und den Leuten vormachen, sie seien unabhängig." Dabei müssten die genau wie Sportler ein Sponsorenzeichen auf dem Hemdkragen tragen: "Bezahlt von der Allianz oder der Deutschen Bank", poltert Lafontaine.

Noch polemischer wird er beim Thema Lidl. In einem Staat, in dem unschuldige Angestellte überwacht würden, herrsche keine Freiheit, poltert der Saarländer und fordert: "Manager, die so etwas einführen, sollten vor Gericht gestellt und dazu verurteilt werden, selbst eine Kamera auf ihrem Klo zu installieren." Johlendes Gelächter, zustimmende Pfiffe.

Auch beim Thema Mindestlohn weiß Lafontaine das Publikum auf seiner Seite. "Es kann nicht sein, dass bei uns in Deutschland noch immer die Brandmauer nach unten fehlt", bemängelt er mit Blick auf Frankreich, wo der Mindestlohn bei 8,44 Euro liege: "Was bei Sarkozy geht, muss bei Merkel auch möglich sein."

Mal direkt und lautstark, dann wieder leise und mit beißendem Zynismus arbeitet sich Lafontaine durch die klassische Themenpalette vor: Die "unsozialen Hartz-Gesetze" kanzelt er in wenigen Sätzen ebenso gnadenlos ab wie die zunehmende Leih- und Zeitarbeit, ein "weiteres Folterwerkzeug" der Wirtschaftsbosse. "Kanzlerin Merkel klagt darüber, dass wir zu wenig Kinder in Deutschland haben", sagt Lafontaine süffisant. "Man könnte sich ja mal fragen, wie jemand mit einem Minijob an Familienplanung denken soll."

So wird schnell deutlich: Lafontaine ist nicht hier, um kommunale Themen zu bedienen. Er ist für die großen Fragen gekommen, für die Manager- und Regierungsschelte. So wirkt auch niemand verwundert, als Lafontaine schließlich mit großer Geste in die Außenpolitik wechselt, den deutschen Afghanistaneinsatz verdammt, US-Präsident George W. Bush und den britischen Ex-Premier Tony Blair als Terroristen beschimpft. "Ich halte es da mit Willy Brandt", bekennt der ehemalige Sozialdemokrat, "Krieg ist nicht die Ultima ratio, sondern die Ultima irratio."

Und wer den Beifall des Publikums hört, der weiß: Auch Kommunalwahlen werden bei den Linken mit dem Hindukusch gewonnen.

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