Kommunikations-Stress Die Smartphone-Sklaven

Mail und Twitter sind wunderbar, der technische Fortschritt ist ein Segen. Aber wir haben noch nicht gelernt, damit umzugehen, meint Angela Elis. Wir sind heute zwar jedereit erreichbar, immer und überall dabei - aber zu gehetzt, um jemals wirklich anzukommen.
Geschäftsmänner mit Handy: Dominiert von der Angst, etwas zu verpassen

Geschäftsmänner mit Handy: Dominiert von der Angst, etwas zu verpassen

Foto: Oli Scarff/ Getty Images

Es gab eine Zeit in meinem Leben, da war es egal, wie lange ich von irgendwo nach nirgendwo unterwegs war. Jede Reise ein Aufbruch, möglichst weit weg von der miefigen, piefigen DDR. Rucksack auf den Rücken, Kocher und Zelt im Gepäck, so zogen meine Freunde und ich los, Fremdes zu erkunden, wochenlang im Gebirge zu wandern. Augen und Ohren offen. Aber anders als Horch und Guck.

Es waren nicht die Lehr- und Wanderjahre zwischen Schule und dem, was danach karrieremäßig folgen könnte. Viel Auswahl gab es da im real existierenden Sozialismus nicht. Es war ein Lebensgefühl. Ein Lebensgefühl in einem Land, in dem man eh keine Karriere machen wollte, denn dies hätte logischerweise bedeutet, sich der Einheitspartei zu fügen, ihren ideologischen Betonköpfen dienstbar zu sein.

Trotz Mauer und Stacheldraht ertrotzten wir uns die Freiheit, anders zu sein. Improvisierten unser Leben von innen heraus selbstbestimmt und hatten sogar Spaß dabei. Wir waren Piraten, lange bevor sie nun die Parlamente als neue Häfen ansteuern. Wir lernten, nicht einfach nur im Strom der Masse mitzumachen, sondern uns bewusst zu distanzieren.

Sich distanzieren können, genau das gelingt uns heute nicht mehr, behauptet der Psychiater Michael Winterhoff, der sich seit Jahrzehnten von Berufs wegen mit den Menschen und ihren Reisen, ob nun ins Innere oder auf der Suche nach der bloß nicht zu versäumenden Zeit, beschäftigt. Ständig verfügbar über Handy und Internet sind Zeit-Reisende der Gegenwart mit allem Möglichen in Kontakt - bloß nicht mit sich selber. Zu gehetzt, zu leistungsgetrieben, um bei sich anzukommen. Fremdbestimmt.

In Alarmbereitschaft werden die alltäglichen Kampfzonen bewältigt

Deshalb, so der Seelenarzt, ist unsere Psyche inzwischen im Dauerkatastrophen-Zustand. Überhitzt und dominiert von der Angst, etwas zu verpassen, nicht schnell genug am Apparat zu sein. In Alarmbereitschaft werden die alltäglichen Kampfzonen bewältigt: Familie, Arbeit, Straßenverkehr. Mit Kopfhörern auf oder in den Ohren und iPhone in der Hand. Dampfkesseln unter Hochdruck gleich. In Explosionsgefahr. Winterhoff, der jetzt das Buch "Lasst Kinder wieder Kinder sein" geschrieben hat, meint nicht auffällig gewordene Einzelfälle. Die Unfähigkeit zum guten Leben habe Systemcharakter angenommen, sei längst ein gesellschaftliches Phänomen, eine chronisch gewordene Krankheit.

Dabei sind nicht die Telefone, Computer oder Fernseher das Problem - wie gut, dass es sie gibt, und was hätten wir früher dafür gegeben, in diesen Welten unterwegs anstatt begrenzt zu sein - das Problem sind wir, die Nutzer. Weil wir uns nicht mehr davon distanzieren können, was schlicht und einfach hieße, öfter aus- und dann abzuschalten. Wir schaffen es nicht, weil wir uns einimpfen lassen, dass das alles wichtig ist. Ja, weil wir inzwischen glauben, wer oft genug über irgendeines der Medien zu uns plaudern darf, habe auch etwas mitzuteilen.

Konsumenten sind zu Sklaven geworden

Wir lassen uns einreden, dass man nichts davon auslassen darf, vor allem nichts von dem, was sich auf elektronischen Marktplätzen abspielen lässt. Die Geräte sind nicht mehr Diener, sie beherrschen uns. Konsumenten sind zu Sklaven geworden. Das Medium reicht als Botschaft.

Einst war es von den Kanzeln der Kirchen herab eine frohe, die verkündete, dass man sich am Allerhöchsten nach oben hin orientieren, aufrichten und erlösen lassen darf, statt in den Niederungen der Gosse zu verkommen. Doch heute sind die meisten Kirchen leer. Die Herde will keinen Hirten mehr, sondern ihre Erregung auf medialen Weiden haben. Und da das Angebot auf diesen Wiesen des Fortschritts, Dank sei Gott, riesig ist, bleibt gar keine Zeit mehr zum Nachdenken. Keine Zeit mehr für die Frage, ob etwas nicht nur geil, sondern auch wichtig ist.

Zum Beispiel: Ob nicht statt der Plaudertaschen (die mit Vorliebe darüber reden, was sich alles ändern müsste und dabei inständig hoffen, das sich an ihrem Status nichts ändert), ob nicht statt der Balltreter (die zwar etwas Besonderes können, aber wem nützt das was?) und ob nicht statt der Finanzhaie (die angeben, Werte zu erkennen und dann doch nur in ihre Tasche wirtschaften) - ob nicht stattdessen Menschenfürsorger (wie die in den Krankenhäusern und Pflegeheimen, die tatsächlich Nützliches vollbringen und selbst Dahinsiechenden den Hintern waschen) zu den von uns millionenschwer Gemachten gehören sollten.

Als wir noch über Berge wanderten, waren Handys noch nicht erfunden, und für die Normalbürger in der DDR gab es noch nicht einmal ein Telefon. Auch das war Mangelware. Dennoch haben wir es geschafft, uns zu verabreden, was heute bei manchem noch nicht einmal mit Hilfe der Funktelefone gelingt, weil inzwischen Zeit und Verbindlichkeit Mangelware sind.

Das, was wir damals miteinander vereinbart haben, muss verlässlich gewesen sein, sonst hätten all die Unternehmungen und Treffen nicht über so viele Jahre geklappt, bevor dann über Nacht die große Freiheit in die DDR einbrach.

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