Konservative Charme-Offensive Katholiken verschonen die Kanzlerin

Erst die Vertriebenen, nun die Katholiken: Angela Merkel wirbt um die verstimmte konservative Stammwählerschaft. Beim Besuch der Katholischen Akademie in Berlin drohte der protestantischen Kanzlerin nach ihrer Papst-Schelte ein Bußgang. Doch es kam anders.

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Berlin - Am Ende war es sogar der Kanzlerin ein wenig zu durchorganisiert, zu unspontan. "Wollen wer nicht noch ein, zwei Fragen machen?", drängte Angela Merkel. "Sonst ist das doch alles wie vorbestellt hier." Fast widerwillig gab Joachim Hake, Direktor der Katholischen Akademie Berlin, nach. Also noch zwei Wortmeldungen aus dem Publikum, nicht vorselektiert, nicht vorbereitet wie die zum Teil wundersamen Fragen, die Vertreter der Akademie in den Minuten zuvor gestellt hatten.

Angela Merkel in der Katholischen Akademie: Kein Gang nach Canossa
DDP

Angela Merkel in der Katholischen Akademie: Kein Gang nach Canossa

Doch Hake ging auf Nummer sicher, ließ das Saal-Mikrofon schnell in die erste Reihe wandern. Jetzt bloß keine unsicheren Kantonisten, so schien der Plan, und wenn es denn einer war, er ging auf. Wieder keine Frage, was sich Merkel nur dabei gedacht hat, als sie Papst Benedikt XVI. in der Sache des Holocaust-Leugners und Piusbruders Richard Williamson zur Ordnung rief. In den hinteren Reihen sanken die gereckten Hände unter leisem Murren wieder nach unten.

Das brisanteste Thema, es blieb an diesem Dienstagabend unausgesprochen. Und es schien fast so, als sei es den katholischen Veranstaltern sehr recht.

Katholiken verzichten auf scharfe Fragen

Der Besuch in der Katholischen Akademie war so etwas wie Teil zwei einer konservativen Charmeoffensive Merkels. Nachdem sie in der vergangenen Woche beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen um im Steinbach-Streit verlorengegangene Sympathien warb, ging sie nun auf die Katholiken zu. Viele von denen hatten es als Einmischung in Kirchenangelegenheiten empfunden, als die Bundeskanzlerin vom Pontifex ein klares Wort in der Debatte um Williamson einforderte.

Es hätte also ein politischer Gang nach Canossa werden können für die protestantische CDU-Chefin. Doch Merkel sparte sich in ihrem Vortrag jede Rechtfertigung ihrer Papst-Kritik, die sie schon in Interviews verteidigt hatte. Vielleicht hatte sie damit gerechnet, dass die Akademie das Angebot der Fragerunde schon dazu nutzen würde, um das Thema anzusprechen. Doch die Katholiken verschonten sie.

Stattdessen bereiteten sie Merkel einen herzlichen Empfang und einen ebensolchen Abschied. Selbstbewusst und gut aufgelegt sprach sie gut 50 Minuten über ihr "christliches Menschenbild", das sie in all ihrem Handeln leite, gerade in Zeiten der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise. Der Mensch sei geboren zu Freiheit in Verantwortung, betonte Merkel, Begriffe, die am Vormittag schon Bundespräsident Horst Köhler in seiner Berliner Rede immer wieder benutzte. Eine Rede, die Merkel dann auch als "beeindruckend" lobt.

Mit Bekenntnissen zu christlichen und konservativen Werten konnte Merkel an diesem Abend punkten. Sie verwies auf die Bedeutung des Gottesbezuges im Grundgesetz, führte die katholische Soziallehre und evangelische Sozialethik als Grundlagen auch der Sozialen Marktwirtschaft an.

Beifall für Familienwerte

Kräftigen Applaus spendeten die etwa 400 Zuhörer, als Merkel die besondere Stellung der Familie und der Ehe würdigte. "Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft." Und sie werde sich "mit aller Kraft" dagegen wenden, dass diese besondere Stellung zur Disposition gestellt werde. Für andere Lebensgemeinschaften habe sie Respekt, dies sei aber nicht gleichbedeutend mit Gleichstellung.

Nur einmal registrierte sie "skeptische Blicke", wie sie selbst am Rednerpult anmerkte: als sie den heiklen Punkt der Forschung mit embryonalen Stammzellen ansprach. Die CDU hatte hierbei nach heftigen Debatten für eine vorsichtige Öffnung der bisherigen Regelung für Wissenschaftler plädiert. "Wir haben uns das nicht leicht gemacht", betonte die Kanzlerin.

Leicht machten es ihr dafür die Katholiken an diesem Abend. Die Akademie erlebe viele Reden über das christliche Menschenbild, "die sind oft nicht besonders", merkte Direktor Hake am Ende an. Merkel aber habe einen "starken Vortrag" gehalten.

Und der sollte offensichtlich nicht durch eine leidige Papst-Debatte getrübt werden.

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