Kraftwerk-Störfall Greenpeace verriegelt Pannen-AKW Krümmel

Der neue Störfall soll schnelle Konsequenzen haben, die Kritik am Betreiber Vattenfall wächst: Grüne und Linke fordern die sofortige Abschaltung des Atomkraftwerks Krümmel. Umweltschützer haben am Vormittag die Einfahrt mit eisernen Ketten verriegelt. Kanzlerin Merkel verteidigt die Energiekonzerne.


Berlin - "AKW Krümmel geschlossen wegen Unzuverlässigkeit von Vattenfall", steht auf dem Schild, das Greenpeace-Aktivisten am Einfahrtstor des Kernkraftwerks Krümmel in Geesthacht angebracht haben. Die Tür haben die Umweltschützer mit Ketten verriegelt.

Greenpeace-Aktivisten in Krümmel: "Krümmel muss für immer vom Netz"
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Greenpeace-Aktivisten in Krümmel: "Krümmel muss für immer vom Netz"

Greenpeace fordert von der Atomaufsicht, Vattenfall die Lizenz zum Betreiben von Atomkraftwerken in Deutschland sofort zu entziehen und den Reaktor Krümmel endgültig stillzulegen.

Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler verwies auf Parallelen zwischen dem Trafokurzschluss am Samstag, der eine Schnellabschaltung des AKW ausgelöst hatte, und dem Trafobrand im Jahr 2007. Vattenfall sei unfähig, für einen zuverlässigen Betrieb des AKW zu sorgen. "Die Konsequenz kann nur lauten: Entzug der Betreiberlizenz, und Krümmel muss für immer vom Netz", sagte Edler.

Auch in den politischen Parteien sorgt der Störfall in Krümmel für Forderungen nach einer schnellen Stilllegung des Pannenreaktors: Grünen-Chefin Claudia Roth hat den Energiekonzern Vattenfall aufgefordert, das Kernkraftwerk nach der jüngsten Panne endgültig abzuschalten. "Mit Krümmel darf Vattenfall nicht länger ein gefährliches Vabanquespiel betreiben", teilte Roth am Montag mit und forderte eine umfassende Untersuchung des Störfalls vom Wochenende. "Die Pannenserie im Altreaktor Krümmel ist höchst besorgniserregend." Es stelle sich die Frage, ob Vattenfall überhaupt in der Lage sei, ein Atomkraftwerk mit der nötigen Sorgfalt zu betreiben.

Auch die Linke im Bundestag will, dass Krümmel stillgelegt wird. "Vattenfall ist eindeutig nicht in der Lage, ein Atomkraftwerk zu betreiben", erklärte am Montag in Berlin der energiepolitische Sprecher der Fraktion, Hans-Kurt Hill. Ein Konzern, der sein Image vor die Sicherheit der Menschen stelle, dürfe in keinem Fall eine derartige Risikotechnik in die Finger bekommen, meinte er. Hill stellte fest, dass zwei meldepflichtige Störfälle im Atomkraftwerk Krümmel vom schwedischen Betreiber vertuscht worden seien. "Für die Atomaufsicht verstrichen wertvolle Stunden zum Schutz der Bevölkerung", monierte er. Das jetzige Verhalten sei "schlicht kriminell".

Zuvor hatte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) einen schnelleren Atomausstieg sowie eine einheitliche Atomaufsicht gefordert.Gabriel machte das Thema Atomkraft nach dem Störfall in Krümmel zum Wahlkampfthema.

Unterdessen erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), sie halte die deutschen Atomkraftwerke grundsätzlich für sicher. Sie will trotz des Störfalls in Krümmel nicht von der Forderung nach längeren Laufzeiten abrücken. Die Kanzlerin habe keinen Zweifel daran, dass nur Anlagen in Betrieb seien, für die Zuverlässigkeit und Fachkompetenz gewährleistet seien, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Montag in Berlin. Merkel lehnt die Pläne von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ab, den Ländern die Atomaufsicht zu entziehen. Die Kanzlerin sei der Ansicht, "dass daran festgehalten wird", sagte Steg. Bund und Länder sollten sich weiter um Kooperation bemühen.

Das Atomkraftwerk Krümmel hatte sich am Wochenende selbsttätig abgeschaltet, als es wieder auf seine volle Leistung hochgefahren werden sollte. Es war nach zwei Jahren Stillstand erst vor zwei Wochen wieder ans Netz gegangen, aber nicht störungsfrei gelaufen. Ursache der neuen Abschaltung war ein Kurzschluss in einem Transformator.

Der Energiekonzern Vattenfall geriet wegen der Pannenserie in Krümmel verschärft in die Kritik. Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast sprach dem Konzern die Eignung ab, Atomkraftwerke zu betreiben. Dem Berliner "Tagesspiegel" sagte sie: "Es zeugt von gefährlichem Dilettantismus, dass Vattenfall das AKW in nur zwei Wochen zweimal vom Netz nehmen muss." Bei der Bundestagswahl werde auch über die Zukunft der Kernenergie entschieden.

Atomkraftwerke in Deutschland
Zahlen
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In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.
Geografische Verteilung
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Die meisten Atomkraftwerke gibt es in Bayern. Dort stehen fünf AKW: Isar 1 und 2, Gundremmingen B und C, sowie Grafenrheinfeld. In Baden-Württemberg gibt es vier Atomkraftwerke: Neckarwestheim 1 und 2, sowie Philippsburg 1 und 2. Je drei Anlagen stehen in Schleswig-Holstein (Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel) und in Niedersachsen (Unterweser, Grohnde, Emsland). In Hessen stehen Biblis A und Biblis B.

anr/AP/ddp/dpa

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