Eigenverantwortung der Bürger Wir brauchen eine Sündenversicherung
Mann mit Bierbauch: Es ist keineswegs automatisch illiberal, die Leute für bestimmte Sonderheiten ihres Lebenswandels haftbar zu machen
Foto:Sven Simon / IMAGO
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Anno domini 1977 war es, da diskutierte die alte Bundesrepublik, ob Raucher höhere Beiträge als Nichtraucher zur gesetzlichen Krankenversicherung entrichten sollten. Das Päckchen kostete damals zwei Mark, wenn ich mich recht erinnere. Vergangene Woche, wir schreiben das Jahr 2023, brachte ein renommierter Gesundheitsprofessor die Frage wieder einmal zur Verhandlung. Inzwischen kostet das Päckchen knapp acht Euro, und ich selbst rauche seit zwölf Monaten nicht mehr.
In einem RTL-Format mit Jakob Augstein habe ich for the sake of the argument nun das Gegenteil dessen vertreten, was ich früher in dieser Sache dachte. Das hält den Geist gelenkig und tut in diesen Zeiten manchmal wirklich wohl, zumal, wenn fast alle einer Meinung sind, wie es in dieser Frage verlässlich der Fall ist: Es gilt als Ausweis lebensweltlicher Toleranz, im Gesundheitswesen die Bepreisung eines individuellen Risikoverhaltens abzulehnen. Freiheit ist demnach immer auch die Freiheit, sich selbstbestimmt selbst zu schaden – und sei es auf Kosten anderer.
Zudem, so geht das Argument weiter, würden die Abgrenzungsprobleme geradewegs in die Moral- und Verbotshölle einer Gesundheitsdiktatur führen: Skifahren nur mit selbst bezahlter Risikopolice, aber Hobbyfußball auf Kranken(kassen)schein? Für adipöse Antialkoholiker zahlt die Solidargemeinschaft, nicht aber für koksende Marathonläufer? Und ab wann genau ist Zucker zu viel, Rohkost zu wenig, und welche Sünden lassen sich mit einer vierwöchigen Haferschleimkur kassentechnisch kompensieren?
Man kann das endlos treiben, oder hilfsweise sofort den Untergang der kontinentaleuropäischen Solidargemeinschaft an die Wand malen, mithin US-amerikanische Verhältnisse, die ja keiner will. Alles das sind valable Punkte, nur: Gerade, wenn das Dammbruchargument aus dem Philosophie-Propädeutikum grüßt, könnte an der Idee erst recht etwas dran sein. Wenn man sie zu Ende denkt.
Für die großen Risiken müsste meines Erachtens die Versichertengemeinschaft weiterhin einstehen. Das darf dem Einzelnen nicht aufgebürdet werden, egal, wie er sich verhält. Darum fand ich es damals grundfalsch, auch nur zu diskutieren, ob die gesetzlichen Kassen die Behandlungskosten für freiwillig ungeimpfte Coronakranke auf den Intensivstationen übernehmen sollen oder nicht. Natürlich mussten sie das. Oft ging es um Leben und Tod.
Doch wer etwa den Terrorradlern in der Berliner Innenstadt hinterherschaut, den beschleichen tatsächlich Fragen nach vermeidbaren Krankheiten und ihren Kosten. Und wenn noch dazu den verhaltensblinden Krankenkassen sage und schreibe 17 Milliarden Euro jährlich fehlen, darf man über eine »Sündenpolice« nachdenken. Also über eine persönliche Zusatzversicherung für Erkrankungen infolge gesundheitsgefährdender wiewohl vermeidbarer Verhaltensweisen. Es ist keineswegs automatisch illiberal, die Leute für bestimmte Sonderheiten ihres Lebenswandels haftbar zu machen. Eigenverantwortung, nennt man das, die Herzkammer liberalen Denkens.
Mehr noch:
Wir sind in der Lage, Hunderte von (Lebens-)Risiken trennscharf zu formulieren, zu kalkulieren und hernach zu versichern, inzwischen selbst schlechtes Ferienwetter. Das sollte uns bei schematisierbaren Verhaltensunarten ebenso gelingen.
Schon heute lassen sich Gesundheitsrisiken für hochpreisige Körperteile nur privat absichern. Bei Models und Kickern sind es die Beine, bei normalen Menschen die Zähne. Da die gesetzlichen Kassen kaum zahlen, geht der übermäßige Gummibärchenkonsum der Kleinen geradewegs ins Portemonnaie der Eltern. Warum gilt das nicht auch für bestimmtes Verhalten der Eltern selbst? Tarife mit und ohne Selbstbehalt sind in anderen Zusammenhängen die Regel.
Gesellschaftlich unerwünschter Umgang mit Alkohol wird von 1,1 Promille schon heute im Versicherungsbereich massiv sanktioniert bzw. aus dem Leistungsschutz herausgenommen: Die Kfz-Haftpflicht kann den Berauschten nach einem Unfall zu Teilen in Regress nehmen, die Kaskoversicherung ihnen die Zahlungen ganz verweigern. Von einer grün-linken »Sündenpolice« war in diesen Fällen bis dato nie die Rede. Sondern von Fahrlässigkeit.
Bleibt die Trigger-Warnung Gerechtigkeit: Weil sie sich Sündensteuern oder Zusatzversicherungen nicht leisten können, dürfen nur die Ärmeren nicht mehr rauchen, saufen oder Nackensteaks (fr)essen. Der sozialdemokratische Bundesgesundheitsminister twitterte prompt: »Für die große Mehrheit der Bevölkerung geht das nicht.« Das freilich trifft auf viele Dinge des täglichen Lebens zu, aber trotzdem nennen wir das Ganze unterm Strich Soziale Marktwirtschaft – in der etliche Belastungen und Begünstigungen sozial gestaffelt werden. Warum nicht hier? Auf dem Nanny-State-Index jedenfalls ist noch Luft: Entlang von 35 Kriterien ermittelt der Index, wo der größte Regelungsdruck auf Genussmitteln wie Alkohol, Essen und Tabak liegt. Deutschland steht auf Platz 30 von 30. Hier lebt es sich »am besten«, heißt: am sündigsten.
Gesamtgesellschaftlich auszuhandeln und auszuhalten, bliebe die Frage, was Sünde ist, was Moral und wo staatliche Übergriffigkeit beginnt. Nicht ganz leicht, aber auch nicht ganz neu: In Wahrheit praktizieren wir das inzwischen jeden Tag, weite Teile der Identitätspolitik handeln von nichts anderem. So sehr mich diese nabelpuhlende Selbstbesprechung ansonsten abstößt, hier könnte sie einen Beitrag leisten: Sollen alle Versicherten wirklich immerfort für die unbelehrbar Doofen und freiwillig Dicken bezahlen?