Krawalle in Rostock Fast tausend Verletzte, Dutzende Festnahmen

Der Tag danach: Behörden und Veranstalter geben sich erschüttert über die Bilanz der rohen Gewalt. Bei einer der schwersten Straßenschlachten der vergangenen Jahre wurden fast tausend Menschen verletzt. Autonome und Polizei hatten sich stundenlang härteste Auseinandersetzungen geliefert.

Rostock - Am Morgen danach herrscht um den Hafen von Rostock trügerische Ruhe, fast könnte man meinen, es sei ein ganz normales Wochenende. Das Wetter malt in blau: Weiter Ostseehimmel, sanfte Brise, Schäfchenwolken. Wenn nicht das Straßenbild verraten würde, dass hier noch vor wenigen Stunden schwerste Randale getobt hätte.

Rund 100 Arbeiter sammelten Steine und Flaschen auf. Schaulustige kommen zum Stadthafen und schauen sich "das Schlachtfeld" an, wie einer von ihnen sagt. Nach Angaben eines Stadtsprechers werden heute Experten unterwegs sein, um eine genaue Schadensaufnahme zu machen. Möglicherweise könne dann bereits im Laufe des Tages damit begonnen werden, die gröbsten Schäden an den Gehwegen zu reparieren. Autonome hatten gestern quadratmeterweise Platten aus den Gehwegen gerissen, um sie zu zertrümmern und als Wurfgeschosse gegen die Polizei zu verwenden.

Es waren Szenen rohen Hasses: Vermummte Radikale lieferten sich mit der Polizei eine der heftigsten Straßenschlachten, die das Land in den vergangenen zwanzig Jahren gesehen hatte. Autonome schleuderten Steine, Knüppel und Flaschen in die Reihen der Polizei, behelmte Ordnungshüter stürmten immer wieder gegen die Demonstranten. Stundenlang tobte auf den Straßen der Mob, steigerte sich in eine Orgie der Gewalt.

Heute heißt es von Seiten der Polizei, auf Seiten der Autonomen hätten sich viele Ausländer beteiligt. Polizeisprecher Axel Falkenberg zufolge waren unter den 125 festgenommenen Demonstranten aus dem Autonomen-Block Bulgaren, Österreicher, Japaner, Schweden, Spanier, Franzosen und Russen. Zudem seien bei den Aufräumarbeiten leere Reiz- und Tränengaspatronen mit kyrillischer Aufschrift gefunden wurden. Insgesamt waren nach Polizeiangaben rund 2000 gewaltbereite Autonomen nach Rostock gekommen.

Auch von Seiten der Veranstalter war das Erschrecken über die Gewaltbereitschaft groß. "Ein Teil waren besoffene Dissent-Kids (dissent engl. für Abweichler), die drauf sind wie Hooligans", sagte Manfred Stenner, einer der Organisatoren der Demo, zu SPIEGEL ONLINE. "Die denken nicht politisch, mit denen kann man gar nicht reden."

Kaum jemand hatte mit einer derartigen Eruption der Gewalt gerechnet, die Bilanz ist erschreckend: Laut Angaben der Polizei sind 433 Beamte verletzt worden, 33 von ihnen schwer etwa mit Knochenbrüchen oder Schnittwunden. Die Veranstalter geben an, 520 Demonstranten seien verletzt worden. Beide Zahlen lassen sich nur schwer überprüfen.

Zahlreiche Polizisten hatten sich offenbar erst nach Ende des Einsatzes am Hafen als verletzt gemeldet, sagte der Polizeisprecher. Sie hatten vor allem Reizungen durch Gas und Rauch erlitten. Die schwerste Verletzung traf laut Polizei einen zur Verkehrslenkung eingesetzten Beamten: Durch Steinwürfe erlitt er einen offenen Bruch des Oberarmes. Der Mann trug keinen Schutzpanzer, weil er mit dem direkten Einsatz gegen die Demonstranten nichts zu tun hatte, sondern nur den Verkehr regelte, wie es hieß.

Nach Angaben der Veranstalter seien mindestens 165 Demonstranten festgenommen worden und über sechs Stunden lang in Gefangenensammelstellen festgehalten worden. Die Polizei sprach von 128 Festgenommenen. Die Rostocker Staatsanwaltschaft hat heute Haftbefehle gegen zehn mutmaßliche Randalierer beantragt. Wie die Behörde mitteilte, besteht gegen die Beschuldigten der dringende Tatverdacht des schweren Landfriedensbruchs und der gefährlichen Körperverletzung. Beim Amtsgericht Rostock wurde Haft "zur Sicherung eines unverzüglich durchzuführenden beschleunigten Verfahrens" beantragt. Die übrigen Festgenommenen seien frei gelassen worden. Gegen sie werde aber weiter unter anderem wegen einfacher Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Widerstand gegen die Polizei ermittelt.

Wenigstens in der Nacht war es auf den Straßen ruhig, lediglich ein Auto und mehrere Müllcontainer gingen in Flammen auf.

Die Veranstalter räumten eigene Versäumnisse ein, setzen aber weiter auf Deeskalation. Lob gab es für das Verhalten der Polizei, die sich bis zum Zeitpunkt als die Kontrolle verloren ging an die Absprachen mit den Demo-Veranstaltern gehalten habe. Die Ausschreitungen seien durch nichts zu rechtfertigen, sagte Stenner heute Morgen. Die Polizei habe sich an ihren deeskalierenden Kurs gehalten. Die Demo-Organisatoren seien nach dem friedlichem Beginn davon ausgegangen, dass es ruhig bleibe. "Wir dachten, es passiert nichts mehr", sagte Stenner.

Ordnungskräfte und Autonome hatten sich am Samstag am Rande der Massendemonstration stundenlang Straßenschlachten am Rostocker Hafen geliefert.

Der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, verurteilte die Krawalle: "Das Bild tausender friedlicher Demonstranten wurde von 2000 brutalen Schlägern der gewaltbereiten autonomen Szene zunichte gemacht." Die auf Konfrontation ausgerichteten Chaoten hätten das berechtigte Ansinnen der friedlichen Demonstranten konterkariert. Auch Rostocks parteiloser Oberbürgermeister Roland Methling zeigte sich entsetzt über die Gewalt während der Demonstration.

Insgesamt bezifferte die Polizei die Gesamtzahl der Teilnehmer an der Großdemonstration auf rund 30.000. Die Veranstalter dagegen hatten rund 80.000 gezählt. An den Krawallen hatten sich laut Polizei "mehrere tausend militante Autonome" beteiligt.

Diese Gruppe habe kurz nach Beginn der insgesamt zwei Protestzüge zur Abschlusskundgebung einen geschlossenen "Schwarzen Block" gebildet, aus dem heraus später Einsatzkräfte attackiert worden seien. Nach Darstellung der Polizei waren die Einsatzkräfte mit Stöcken, Steinen und zerbrochenen Gehwegplatten "in bisher nicht gekannter Brutalität" angegriffen worden.

Zur Höhe der Schäden durch die Krawalle gab es bisher keine genauen Angaben. Ein Sprecher der Stadt Rostock sagte, die Schäden an öffentlichen Einrichtungen lägen vermutlich unter einer Million Euro. In der Innenstadt waren zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen, die Straßen waren mit herausgerissenen Pflastersteinen übersät, Autos waren umgeworfen oder in Brand gesetzt worden.

Vertreter der Veranstalter und die Polizei nannten übereinstimmend die Attacke von Autonomen auf ein Einsatzfahrzeug als Auslöser der Krawalle. Der Sprecher des Rostocker Aktionsbündnisses, Monty Schädel, kritisierte die Polizei dagegen scharf. "Die Polizei hat nicht zur Deeskalation beigetragen", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Die Beamten seien nach dem Angriff auf das Polizeiauto "stümperhaft und unprofessionell vorgangen".

Heute steht in Rostock der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft im Mittelpunkt der geplanten Protestaktionen. Nach einer Kundgebung im Zentrum wollen Demonstranten in einer Rallye "kreativer Aktionen" ins 15 Kilometer entfernte Groß Lüsewitz ziehen. Dort ist das Agrobiotechnikum beheimatet, das Zentrum für Forschung an grüner Gentechnik in Mecklenburg-Vorpommern.

ler/dpa/Reuters/AP

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