Kredit-Enthüllung Wulffs merkwürdige Telefonate

Öffentlichkeitsarbeit ist nicht Sache des Bundespräsidenten. In der Kreditaffäre hat Christian Wulff dennoch telefonisch versucht, einen Artikel der "Bild"-Zeitung zu stoppen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hat er deswegen auch Springer-Chef Döpfner kontaktiert.
Bundespräsident Wulff: Den "Rubikon überschritten"

Bundespräsident Wulff: Den "Rubikon überschritten"

Foto: dapd

Berlin - Der Artikel über den günstigen Immobilienkredit in der "Bild"-Zeitung erschien am 13. Dezember. Er sollte für Christian Wulff schwere Zeiten einleiten. Schon am Tag zuvor, auf dem Rückweg von einer Staatsvisite in mehreren Ländern der arabischen Halbinsel, war dem Bundespräsidenten wohl die Brisanz der Recherchen bekannt geworden. Wulff ahnte offenbar, welchen Wirbel ein solcher Beitrag verursachen würde.

Darin ging es um die näheren Umstände zu einem privaten Hauskredit von 500.000 Euro, den Christian Wulff noch als niedersächsischer Ministerpräsident von der befreundeten Unternehmergattin Edith Geerkens erhalten hatte. Später stellte sich heraus, dass auch ihr Mann Egon Geerkens beteiligt war. Eine Anfrage des niedersächsischen Landtags Anfang 2010, ob es Geschäftsbeziehungen zwischen Wulff und dem Unternehmer gebe, hatte er damals mit Nein beantwortet.

Noch bevor der Artikel erschien, versuchte Wulff nicht nur bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann zu intervenieren und darauf zu drängen, den Artikel zurückzuhalten. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE telefonierte Wulff auch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, um diesen zu bitten, bei Diekmann Einfluss zu nehmen. Doch der Konzernchef, in dessen Haus die "Bild" erscheint, soll ihm in knapper Form beschieden haben, sich nicht in die Belange der Redaktion einmischen zu wollen.

Der Springer-Verlag antwortete zunächst nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es ein Telefonat mit Döpfner gab. Am Nachmittag bestätigte dann der Verlag den Gesprächsversuch Wulffs mit dem Vorstandschef.

Die Vorgehensweise Wulffs zeigt, wie ernst der Bundespräsident von Anbeginn die Recherchen rund um den Kredit nahm. Auch der SPIEGEL hatte bereits seit Monaten an der Geschichte um den Hauskauf gearbeitet und folgte wenig später mit weiteren brisanten Details.

Drohung mit dem "endgültigen Bruch"

Das Telefonat mit dem Springer-Vorstandschef Döpfner reiht sich ein in eine offenbar merkwürdig unpräsidiale Vorgehensweise. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und die "Süddeutsche Zeitung" berichteten, Wulff habe am 12. Dezember versucht, "Bild"-Chefredakteur Diekmann telefonisch zu erreichen, um sich über einen für den nächsten Tag geplanten Artikel zu beschweren. Statt Diekmann erreichte Wulff aber nur dessen Mailbox. Zu der Zeit befand sich der Bundespräsident noch in Kuwait. Er beklagte sich den Berichten nach wutentbrannt über die Recherchen der "Bild" und drohte im Falle einer Veröffentlichung mit einem "endgültigen Bruch"  mit dem Springer-Verlag. Außerdem soll er Diekmann aufs Band gesprochen haben, dass für ihn und seine Frau "der Rubikon  überschritten" sei.

Sogar von "Krieg führen" soll die Rede gewesen sein. Wenn es die "Bild"-Zeitung darauf absehe, so angeblich Wulff, dann solle man nach seiner Rückkehr bei einem Treffen darüber sprechen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, soll Wulff mit einem Strafantrag gegen die Journalisten gedroht haben. In einem späteren Telefonat entschuldigte sich Wulff laut "Bild" bei Diekmann für Ton und Inhalt seiner Äußerungen auf der Handy-Mailbox.

Die Intervention Wulffs nützte nichts. Seit den ersten Veröffentlichungen ist der Bundespräsident in der Defensive. Am 22. Dezember, nach weiteren Berichten, auch des SPIEGEL, ging Wulff schließlich selbst im Schloss Bellevue an die Öffentlichkeit. Und sagte dort einen Satz, der sich wie ein Gegenentwurf zu seinem ursprünglichen Vorgehen liest: "Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft. Das bedeutet gerade für Amtsträger, jederzeit die Wahrnehmung ihrer Aufgaben vor der Öffentlichkeit zu erläutern und gerade auch im Grenzbereich zwischen Dienstlichem und Privatem, zwischen Amt und privat, die erforderliche Transparenz herzustellen."

Am zweiten Tag im neuen Jahr erklärte das Bundespräsidialamt nun: Wulff habe zu den Krediten für sein Eigenheim und zu Urlaubsaufenthalten Transparenz hergestellt, Erklärungen abgegeben und mehrere hundert Medienanfragen beantwortet. "Über Vieraugengespräche und Telefonate gibt der Bundespräsident aber grundsätzlich keine Auskunft."