Kredit für Wulff Die reinigende Kraft des Skandals

Die Kredit-Affäre um Bundespräsident Wulff zeigt: Das alte Prinzip "Man kennt sich, man hilft sich" zwischen Politik und Wirtschaft funktioniert nach wie vor. Die Aufdeckung des Skandals erfolgt dabei nach dem Muster des Bühnenstücks.
Von Franz Walter
Bundespräsident Wulff: Man kennt sich, man hilft sich

Bundespräsident Wulff: Man kennt sich, man hilft sich

Foto: dapd

Die Geerkens haben den Wulffs einen Gefallen getan. Und die Empörung der Kommentatoren schwillt an. Was dabei gerne vergessen wird: In der alten rheinischen Bundesrepublik ging es dagegen noch weit nachsichtiger, augenzwinkernder zu. Adenauers Formel "Man kennt sich, man hilft sich" war nicht einfach Aperçu, also eine Randbemerkung, sondern jahrelang praktizierte Politik, die der erste Bundeskanzler von der Pike auf im Kölner Klüngel und als Oberbürgermeister der Domstadt gelernt hatte.

So gehe es doch, lautete das Rhöndorfer Credo, seit ewigen Zeiten in der Welt zu: Man nimmt und gibt zurück, man hilft sich und darf im Gegenzug seinerseits auf Unterstützung rechnen. Das sei nun mal das tragende Prinzip politischer Freundschaften, die Grundlage des gegenseitigen Einvernehmens zwischen Politikern der Macht und Wirtschaftsleuten ökonomischer Potenz.

In der Tat: Über etliche Jahrhunderte galten solche Geflechte als unverzichtbar für eine vernünftige Gestaltung jedes ordentlichen Gemeinwesens. Den Freundschaftsbund als sichernden Ausgangspunkt für die Politik belobigte bereits Aristoteles. In der griechischen Polis waren solche Bünde häufig anzutreffen. Die römische Politik war ebenfalls durch einen dichten Klientelismus charakterisiert, der als Amicitia - lateinisch für Freundschaft - firmierte. Das System der Freundschaftsallianzen erstreckte sich dann selbstverständlich über das Mittelalter.

Doch mit der Aufklärung, mit der Moderne, mit der Norm der staatsbürgerlichen Gleichheit und Rationalität gerieten die informellen Freundschaftszirkel als Lenker der politischen Macht in Misskredit. Mit dem Anspruch von Demokratie, von Volksherrschaft, von Öffentlichkeit und Diskursen waren die meist verborgen operierenden Kleingruppen schwer vereinbar.

Indes, sie verschwanden deshalb nicht vollends aus der Politik. Die verborgenen Zirkel bildeten weiter bemerkenswert stabile Pfeiler von moderner politischer Macht. Sie konnten sich mit dem Reputationsgewinn der Kategorie "Netzwerke" auch ein wenig rehabilitieren. Doch im gleichen Zuge wurden immer wieder die Schattenseiten von oft männerbündischen, durch gegenseitige Leistungszusagen verschworener Gemeinschaften hinter den Kulissen des öffentlich gespielten politischen Theaters ruchbar. Die politische Freundschaft und die politische Patronage waren oft Zwillingsgeschwister, die schlimmstenfalls in der politischen Korruption aufgingen. Das bildet dann regelmäßig den Auftakt des Skandals.

Skandale werden geradezu inszeniert

Im Skandal drückte sich stets eine Differenz zwischen der Moralerwartung der Bürgermehrheit und der realen Handlungsweise herrschender Gruppen aus. Allerdings scheint es auch ein anthropologisches Bedürfnis nach einem Ventil des Skandals zu geben, neben der funktionellen Notwendigkeit, über Skandale in regelmäßigen Abständen Licht in die Dunkelkammern der verschwiegenen Vereinbarungen zwischen den Regenten zu bringen und die Kluft im Wertehaushalt einer Gesellschaft zwischen oben und unten stärker zu schließen.

Skandale werden geradezu inszeniert. Und das geschieht durchweg nach dem Muster des Bühnenstücks, das Schurken und Helden kennt, Aufstieg, Ruhm und Fall darstellt. Bevor der Skandal ausbricht, genauer: durch Enthüllungen aparter Fehltritte erst zu einem Ereignis wird, existiert eine Phase der Latenz, in der einige oder mehrere Personen bereits längst in Kenntnis sind über das, was später Gegenstand allgemeiner Empörung wird. Oft trifft es soziale Aufsteiger. Denn die social climbers haben in ihrem Fortkommen nicht selten das Gefühl, dass ihnen nach all den anstrengenden Wegen nun zusteht, was ihnen von Herkunft her lange vorenthalten, anderen jedoch bereits leistungslos in die Wiege gelegt worden war.

Doch wäre es falsch, das Thema gewissermaßen zu individualisieren und damit die Politik und ihre Systeme zu entlasten. Politologen pflegen die politische Technik wechselseitiger Unterstützung als Akkomodierung zu bezeichnen. Akkomodierung bedeutet, dass sich die handelnden Figuren in Parteien, Verwaltungen und Verbänden über Interessenausgleich und gegenseitig nützliche Tauschvorgänge miteinander vereinbaren. Nicht Konflikt, nicht Wettbewerb, nicht Konkurrenz wird angestrebt, sondern Formen des Übereinkommens durch gütliche Arrangements, gegenseitige Patronage und sicherheitsspendende Versorgung. Bezeichnenderweise treten die Akkomodierer allesamt dezidiert pragmatisch auf. Ideologie oder Programme sind ihnen suspekt und zuwider. Akkomodierung funktioniert nur in einem entpolitisierten Raum, wo "geerdete Männer", die keinen "fixen Ideen" anhängen, im informellen "Freundschaftsbündnis" sich auf "vernünftige Lösungen" verständigen. Dass gerade der Entzug eines ideellen Ethos den Raum zur Selbstbereicherung und Vorteilsannahme öffnen kann, haben die Akkomodierer nicht präsent.

Insofern ist der öffentliche Skandal tatsächlich unverzichtbar, um den Dunkelraum von Protektionen zu durchleuchten und die stillen Einvernehmlichkeiten der oft gerühmten politischen Pragmatiker, zu denen Christian Wulff als niedersächsischer Landespolitiker unzweifelhaft gehörte, der legitimen Kritik auszusetzen.

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