Jakob Augstein

S.P.O.N. - Im Zweifel links Wir sind der Gegner

Der Westen kommt im Kampf gegen den islamistischen Terror nicht voran. Kein Wunder: Man kann einen Feind nicht bekämpfen, indem man ihm ähnlich wird. Wer den Krieg gegen den Terror aufnimmt, hat ihn bereits verloren.

Nur wenige Stunden nach dem Anschlag wandte sich der Staatschef an sein Volk und sagte: "Unsere Antwort auf Gewalt ist noch mehr Demokratie, noch mehr Humanität, aber niemals Naivität."

Nicht Rache, Rückschlag und Vergeltung. Noch mehr Demokratie. Noch mehr Humanität. Und das nach einem Angriff auf Demokratie und Humanität. So eine Antwort hatte man vorher nicht gehört - und seitdem nicht wieder. Die Worte des Norwegers Jens Stoltenberg, die er im Juli 2011 nach dem Attentat des Islamhassers Breivik sagte, blieben im Gedächtnis - aber ohne Wirkung.

François Hollande zog es am Wochenende vor, von gnadenloser Vergeltung und von Krieg zu sprechen. Der französische Präsident besiegelte damit den Erfolg der Attentäter von Paris.

Seit Jahren kommt der Westen im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus nicht voran. Kein Wunder: Man kann einen Feind nicht bekämpfen, indem man ihm ähnlich wird. Das ist das Problem mit dem "Krieg gegen den Terror": wer ihn führt, hat ihn bereits verloren. Die einzige Waffe gegen den Hass ist die Versöhnung. Wohlgemerkt: mit Naivität, das hat der Norweger Stoltenberg richtig bemerkt, hat das nichts zu tun. Im Gegenteil.

Welche Schlüsse ziehen wir aus Paris? Wieder die falschen. Präsident Hollande verhängte nach den Angriffen den Ausnahmezustand. Er soll nun auf drei Monate ausgeweitet werden. Und noch am Wochenende warfen französische Kampfflugzeuge zwanzig Bomben über Stellungen des IS in Syrien ab. Mehr Waffen, mehr Soldaten, mehr Überwachung, mehr Einschnitte in bürgerliche Freiheiten. Wieder setzen wir auf Rezepte, die erstens unseren eigenen Werten widersprechen und zweitens schon in der Vergangenheit nicht funktioniert haben.

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Fotostrecke: Paris nach den Terroranschlägen

Foto: CHRISTIAN HARTMANN/ REUTERS

Unsere Werte? Von denen ist allenthalben die Rede. Es komme jetzt darauf an, dass der Westen "seinen Willen und seine Fähigkeit demonstriert, seine Werte zu schützen", schreibt Berthold Kohler in der "FAZ". Und setzt sicherheitshalber hinzu: "Das wird angesichts des Ausmaßes der Bedrohung und der Asymmetrien des Konflikts nicht gänzlich ohne Einschränkungen der Freiheiten möglich sein, die es zu verteidigen gilt." Wir müssen unsere Werte verletzen, um sie zu schützen? Wenn schon immer vom Abendland die Rede ist, dann lohnt der Blick ins römische Recht. Da heißt es: "Protestatio facto contraria non valet" - ein Protest, der im Widerspruch zum eigenen Handeln steht, gilt nicht.

Mathias Döpfner, Chef des mächtigen Springer-Konzerns setzte am Wochenende in der "Welt" die Verbrechen von Paris in den Zusammenhang eines "Kulturkampfes, der seit Langem schwelt". Es gibt diesen Kulturkampf tatsächlich. Aber er wird nicht zwischen Islam und Christentum geführt. Er findet statt zwischen denen, die auf den Konflikt setzen und jenen, die an Versöhnung glauben. Döpfner sieht den Westen vor der "schicksalhaften Frage: Wie wollen wir unsere vielbeschworene Freiheit verteidigen?" Und mit wohligem Schauder eröffnet er - "noch archaischer" - die Alternative: "Unterwerfung oder Kampf? Und wenn Kampf: wie?"

Krieg führen kann jeder

Die Worte verraten das Denken. Dem Kampfe huldigen, die Welt in Freund und Feind einteilen, das Ende des Konflikts nur in der Vernichtung erkennen, in der eigenen oder der des Gegners - wer so redet, der singt das Lied des Kriegs und steht im Kulturkampf auf derselben Seite wie die Islamisten. Die abendländischen Werte, wenn man sie denn ernst nähme, sehen anders aus. "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen", heißt es im Matthäus-Evangelium. Davon weiß ein Kulturkämpfer wie Döpfner nichts und ein Wort sucht man bei ihm darum auch vergebens: Liebe.

Der Theologe Karl Barth hat einmal gesagt: "Wirklich vergeben können nur die, die eigentlich nichts zu vergeben haben, weil sie selbst genug auf dem Kerbholz haben." Aber leicht ist das nicht. Die abendländischen Werte sind anstrengend und anspruchsvoll. Das macht sie so kostbar.

Krieg führen kann jeder.

Als Deutschland und Schweden im Sommer damit begannen, große Zahlen muslimischer Flüchtlinge aufzunehmen, hatte das historische Bedeutung: Es war ein Werk der tätigen Versöhnung zwischen Orient und Okzident. Nie hat der Westen dem Islamismus eine größere Niederlage beigebracht als in dem Moment, da er den unter Krieg und Terror leidenden Muslimen Schutz gewährte.

Man kann sich vorstellen, dass die Schergen des IS von diesem entwaffnenden Akt der Selbstlosigkeit schockiert waren. Nichts ist für sie gefährlicher, als der Verlust des Feindes. Leider muss man sagen: Das gilt auch für die Döpfners, Kohlers, und für den CSU-Mann Markus Söder gilt es sowieso, der jetzt beinahe erleichtert feststellt: "Paris ändert alles." Söder spricht von einer "neuen Ära". Aber das stimmt nicht. Eine neue Ära wäre es gewesen, wenn der Westen der islamischen Welt beweisen würde, dass die wahre Stärke in Vergebung und Friedfertigkeit liegt.

"Europa ist geschwächt. Schlimmer: Europa ist schwach", hat Döpfner geschrieben. Er hat recht: Europa ist zu schwach für die eigenen Werte.

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