Kriegsdiplomatie Schröder spielt den Global Player

Der Anti-Terror-Allianz schwant, dass sie ihr Problem mit Bomben nicht in den Griff bekommt. Europas Regierungen wollen nun den Dialog suchen, um einen Flächenbrand zu vermeiden. Deutschland wächst unversehens in eine Sonderrolle hinein.

Berlin - Der Plan schien einfach. "Wenn wir das diesmal durchziehen", sagte ein außenpolitischer Berater von Kanzler Schröder, "dann dürfen wir beim nächsten Mal auch mitreden." Deutschland sollte "nicht weichen und nicht wanken" in seiner uneingeschränkten Solidarität gegenüber den USA, damit diese die "Krauts" künftig auch endlich ernst nähmen, wenn es um Weltpolitik geht. Kanzler Schröder wollte auf diesem Weg aufgenommen werden in die Reihe der Großen. Sein Außenminister Joschka Fischer hoffte dadurch eher, mit einem einigen Europa dem Uni-Lateralismus der USA etwas entgegensetzen zu können.

Doch inzwischen wird den Deutschen das gehorsame Strammstehen unheimlich. Je länger und unabsehbarer der Krieg gegen Afghanistan wird, desto deutlicher wird auch dem General Schröder und seinem Planungsoffizier Fischer, dass die rein militärische Option eine Sackgasse darstellt. Nach außen hin bleiben sie bei der eingeschlagenen Linie: Deutschland steht fest an der Seite der USA und ist zu jeder Hilfe, auch militärischer, bereit. Wer Feuerpausen fordert oder gar ein Ende der Angriffe, muss mit Abstrafung von höchster Stelle rechnen.

Aber hinter den Kulissen macht sich Angst breit. Immer deutlicher spüren auch die Amerika-Freunde in der Bundesregierung, dass hinter den Militäraktionen kein politisches Konzept steht. George W. Bush brauchte ein Ziel für die Bomben und er braucht einen Skalp für seine Öffentlichkeit. Die Nachkriegsordnung, die kulturelle, politische und religiöse Auseinandersetzung mit dem Phänomen Terrorismus, der Dialog statt Krieg der Kulturen - all das war zwar angekündigt, aber es findet nicht statt.

Nicht vorbereitet auf die geistige Auseinandersetzung

"Was zurzeit geschieht, ist nicht ausreichend zielführend", sagt nun Schröders Berater. "Wir brauchen auch die geistige Auseinandersetzung, das eine ohne das andere wird nicht reichen." Aber er ahnt: "Auf die geistige Auseinandersetzung sind die USA nicht vorbereitet." Nun geht im Kanzleramt die Furcht um, dass die USA die rote Linie überqueren: Sollte es noch zu einem weiteren Anschlag kommen, könnten die Amerikaner auch den Irak ins Visier nehmen - und damit die gesamte islamische Welt gegen sich und ihre Alliierten aufbringen.

Die Ankündigung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am Montag in Indien wies bereits unheilvoll in diese Richtung: "Das Problem geht über Afghanistan hinaus. Afghanistan ist das erste Problem. Wir werden Terroristen-Netzwerke verfolgen, wo immer wir sie finden." Europas Regierungen und vor allem die deutsche wollen nun die Mittlerrolle einnehmen, um einen Flächenbrand zu verhindern, der in einen globalen Nord-Süd-Krieg führen könnte.

Lesen Sie im zweiten Teil: Der Diplomat Europa leidet unter der alten Krankheit

Allerorten herrscht erhöhte Flugbereitschaft, europäische Regierungschefs und Außenminister treffen sich in diesen Tagen in der Luft auf dem Weg in den Nahen und Mittleren Osten. Doch der Diplomat Europa leidet unter der alten Krankheit: Er spricht mit zu vielen Zungen und ist sehr mit sich selbst beschäftigt. Argwöhnisch beobachten sich Frankreich, Deutschland und Großbritannien, dass ja keiner vorpresche und eine Sonderrolle einnehme. Der Krieg in Afghanistan war am späten Sonntagabend auch Thema bei einem kurzfristig von Tony Blair in London einberufenen EU-Mini-Gipfel. Dabei verständigten sich die Regierungschefs darauf, die US-Politik weiterhin uneingeschränkt zu unterstützen.

Ursprünglich hatte Blair die aktuelle Lage nur mit den Regierungschefs aus Deutschland und Frankreich erörtern wollen. Doch der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi protestierte. Blair lud nach und nach zunächst ihn und dann auch die Regierungschefs von Spanien, Belgien und den Niederlanden ein. Aus Brüssel kam zudem der EU-Beauftragte für Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, dazu. Babylon war wieder komplett.

Einfluss auf die USA nehmen

Am Mittwoch wird Blair nun zu seinem Treffen mit US-Präsident George W. Bush nach Washington fliegen und dem Vernehmen nach vor einer Ausweitung des Krieges warnen. Die Briten haben unter den Europäern den besten Draht zu den Amerikanern und die Europäer wollen mäßigend auf die USA einwirken.

Mit dem gleichen Ziel machte Schröder auf seinem Rückweg aus China am Samstag bei Russlands Präsident Putin Station, damit dieser Einfluss auf den Irak nimmt, sollte Saddam Hussein Terroristen beherbergen oder gar neue losschicken wollen. Die Russen halten intensive Wirtschaftskontakte zum Regime in Bagdad. Ein Angriff auf den Irak würde auch die ohnehin gebeutelte russische Ökonomie hart treffen und könnte Putin zwingen, aus der Anti-Terror-Allianz auszuscheren.

Die Deutschen werden als Unterhändler in der islamischen Welt von besonderer Bedeutung sein, weil ihre koloniale Vergangenheit nicht so groß und aggressiv war in dieser Welt. Gleichzeitig werden die USA sie militärisch fordern: Sollte ein Sonderkommando der USA einen Terroristen aus beispielsweise Saudi Arabien rausholen, wäre das eine extreme Provokation für Muslime. Ein deutsches Kommando, so lautet das Kalkül in den Planungsstäben, könnte schon eher auf Duldung treffen.

Deutschland wächst in eine Sonderrolle

Deutschland wächst damit faktisch innerhalb Europas doch in eine Sonderrolle, militärisch und diplomatisch. Die außenpolitische Selbstverständnis der alten Bundesrepublik aber würde mit dieser Aufgabe endgültig gesprengt, weil das Land die behäbige Gemütlichkeit der Europäischen Union verlässt und neue weltpolitische Ambitionen geltend macht. Schröder hatte das auch bereits vor dem Bundestag angekündigt: "Die Nachkriegszeit für Deutschland ist beendet."

Außenminister Fischer hat diese Rolle schon während seiner Nahost-Reisen gespielt. Aus dem Europa-Visionär wurde ein deutscher Unterhändler, von den Kontrahenten als Außenminister einer einflussreichen Nation akzeptiert.

Selbst die Chinesen, behauptet der außenpolitische Berater Schröders, sind nun so entgegenkommend zu Deutschland und öffnen ihre Märkte, weil sie in Deutschland eine kommende Macht sehen, über die man Einfluss auf die USA ausüben könne.

Schröder schmeichelt die Vision vom Global Player Deutschland. Doch ihm und seinen Helfern schwant, dass ihnen noch viel abverlangt wird und sie unzureichend vorbereitet sind auf die kommende militärische und diplomatische Rolle.

Selbst der Hardliner Otto Schily grübelte plötzlich vergangenen Freitag vor Studenten in Schanghai über interkulturelle Kompetenz, Globalisierungskritik und Verständnis zwischen den Religionen und Kulturen. Das könne alles nicht funktionieren, wenn sich der Westen weiterhin für das alleinige Maß aller Dinge halte. Er beschrieb eine hübsche Karikatur über die Frühzeit der Globalisierung, als die Europäer Amerika entdeckten, missionierten und ausbeuteten. "Wir sind gekommen", sagten die stolzen Seefahrer den Indios, als sie ihr Land betraten, "um mit euch über Gott, Wahrheit und Gerechtigkeit zu reden." Und die Indianer antworteten: "Okay, was wollt ihr wissen?"