SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. Oktober 2001, 21:56 Uhr

Kriegspropaganda

Lügen für den Sieg

Von

Nie zuvor war es für Journalisten so schwierig, einen Krieg zu beschreiben wie jetzt in Afghanistan. Die Berichterstatter sind den Propagandisten der Kriegsparteien ausgeliefert. Ihre Methoden zur Manipulation der Medien haben die Militärs in den vergangenen 150 Jahren zur Perfektion gebracht.

Perfekte Inszenierung: US-Truppen im Golfkrieg
AP

Perfekte Inszenierung: US-Truppen im Golfkrieg

Berlin - Als am Sonntagabend um 18.27 Uhr der Krieg begann, flimmerten die Fernsehschirme grünlich und der US-Sender CNN nannte seine Bilder aus der afghanischen Haupstadt Kabul "exklusiv". Sie waren so exklusiv, dass Fernsehstationen rund um die Welt sie abfingen und ebenfalls sendeten, gemeinsam mit Untertiteln nach der Art von "Amerika schlägt zurück".

So führen die USA Krieg gegen die Taliban und die Welt guckt zu - oder auch nicht. Denn was sie sieht, ist noch weniger als im Golfkrieg vor zehn Jahren, wo die Blitze der irakischen Flugabwehr auf den Bildschirmen immerhin deutlich zu sehen waren.

So unbrauchbar die Bilder, so unsicher ist auch, ob die Informationen stimmen, welche die Kriegsparteien verbreiten lassen. Wer kann schon überprüfen, ob wirklich 25 Zivilisten durch die Angriffe getötet wurden, wie die Taliban-Presseagentur AIP am Morgen nach dem ersten Luftangriff berichtete? Auch wenn US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld das dementiert, heißt es noch lange nicht, dass er die Wahrheit sagt.

"USS Enterprise": Eine F-14 startet vom US-Flugzeugträger
AFP

"USS Enterprise": Eine F-14 startet vom US-Flugzeugträger

Denn die "Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges", sagte schon der britische Schriftsteller Rudyard Kipling zu Zeiten der britischen Kolonialkriege. Einseitige Berichte und gezielte Desinformation gehören seit 150 Jahren zum Kriegshandwerk. Die Militärs wollen damit den Gegner verunsichern, die eigenen Truppen moralisch aufbauen und den Krieg vor der eigenen Bevölkerung rechtfertigen. Die Militärzensur verhindert meistens erfolgreich, dass die Öffentlichkeit erfährt, was wirklich geschieht. "Im Kriege ist die Wahrheit so kostbar, dass sie immer von einer Leibwache von Lügen umgeben sein sollte", riet auch der britische Kriegspremier Winston Churchill.

Die Manipulation der Kriegsberichterstattung ist so alt wie der Beruf des Kriegsreporters. Der erste unabhängige Journalist, der auf eigene Faust an die Front ging, war im Jahre 1854 der Brite William Howard Russell. Er berichtete während des Krim-Krieges für die "Times" vom Leiden und Sterben der Soldaten und löste damit an der Heimatfront öffentliche Empörung aus. Russel wurde des Hochverrats verdächtigt. Am 20. Februar 1855 schickte Prinz Albert dann den Fotografen Robert Fenton samt mobiler Dunkelkammer auf die Krim. "No dead Bodies", lautete seine Anweisung, nur die positiven Seiten des Krieges sollte er abbilden. Auch Napoleon habe seine Siege nicht nur dem militärischen Können zu verdanken, sondern vor allem der Begeisterung des Volkes, meinte der Militärstratege Carl von Clausewitz in seinem Buch "Vom Kriege".

Ein Bild, das die Welt bewegte: Nach dem Vietnam-Desaster ließen die US-Militärs Reporter nicht mehr unbeaufsichtigt
AP

Ein Bild, das die Welt bewegte: Nach dem Vietnam-Desaster ließen die US-Militärs Reporter nicht mehr unbeaufsichtigt

Spätestens seit Vietnam wissen auch die US-Militärs, dass der Krieg zwar an der Front geführt, aber auch in der Heimat entschieden wird. Die Säulen der US-Invasion gerieten ins Wanken, als 1972 jenes Foto eines weinenden nackten Mädchens erschien, das nur knapp eine fehlgeschlagenen Napalm-Bombe der Amerikaner überlebt hatte. Erst dadurch wurde die Schere zwischen den militärischen Kommuniques und der mörderischen Wirklichkeit offenkundig.

Als US-Truppen 1983 die Karibik-Insel Grenada besetzten, sperrten sie die Journalisten kurzerhand aus. Wer heimlich vom Ort des Geschehens berichtete, wurde in Handschellen abgeführt. Eine Schlichtungskommission der US-Regierung empfahl ein Jahr später das so genannte Pool-System. Dabei verpflichten sich die Militärs, einige wenige Journalisten an die Front zu bringen. Die Auserwählten müssen ihre Berichte vor Veröffentlichung einer "Sicherheitsüberprüfung" vorlegen und dann die anderen Reporter informieren. Somit ist zumindest bei Amerikas Kriegen amtlich sichergestellt, dass die zugelassenen Medien zu Multiplikatoren der Kriegspropaganda verkommen.

Sorgsam ausgewählte Bilder sollen die Fiktion von einem sauberen Krieg nähren.
DPA

Sorgsam ausgewählte Bilder sollen die Fiktion von einem sauberen Krieg nähren.

Die Briten hatten dieses System bereits 1982 im Falkland-Krieg angewendet. Sie lullten die Korrespondenten ein und ließen Fernsehreporter ihre Filme von den Truppenschiffen der Royal Navy aus verschicken. "Die obersten Häuptlinge beriefen sich in ihren schwarzen Uniformen auf die ganze Autorität ihres Amtes und logen wie Gefreite", erinnert sich Peter Preston, Journalist des "Guardian".

Die US-Militärs probierten das Pool-System erstmals im Dezember 1989 aus, als US-Truppen in Panama einmarschierten, um General Manuel Noriega aus dem Amt zu jagen. Sie ließen die Pool-Reporter zwar ins Land, nicht aber an die Front. So konnten sie entweder gar nicht schreiben oder nur das, was die Presseoffiziere ihnen berichteten. Die meisten entschieden sich für das Letztere. Mit Leichtigkeit lancierten die Militärpropagandisten daraufhin erfundene Geschichten über den angeblichen Drogen- und Hurenkönig Noriega.

Schriftsteller Kipling: "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit"
AP

Schriftsteller Kipling: "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit"

Die militärische Rechtfertigung für solche Manipulationen formulierte der Brite Arthur Ponsonby in seinem Buch "Lügen in Kriegszeiten" so: "In Kriegszeiten ist das Versäumnis zu lügen eine Nachlässigkeit, das Bezweifeln einer Lüge ein Vergehen und die Erklärung der Wahrheit ein Verbrechen."

Zur Perfektion brachten es die Sprecher der US-Armee im Golfkrieg gegen den Irak. Eine Armada aus 150 Pressesoldaten und etlichen gekauften Lobbyisten hielten erfolgreich die Fiktion von einem sauberen, unblutigen Krieg aufrecht. Captain Ron Wildermuth, PR-Chef von General Norman Schwarzkopf, befahl seinen Presseoffizieren vor Beginn des Krieges: "Die Vertreter der Medien sind ständig zu eskortieren. Wiederhole: ständig."

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die US-Militärs mit frei erfundenen Geschichten den Krieg rechtfertigten.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung